Wirtschaft
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Philanthropist7 Bill Gates listens during an interview on Tuesday, Jan. 21, 2014, in New York. Gates pitched an optimistic future for the world's poor and sick his annual letter, arguing passionately against three myths he said hurt efforts to bring people out of poverty, save lives and improve living conditions. (AP Photo/Bebeto Matthews)

Bill Gates: «Wenn ich mir anschaue, wie viel weniger Kinder sterben als noch vor 30 Jahren, und wie viele Menschen heute länger und gesünder leben, macht mich das mit Blick auf die Zukunft ziemlich optimistisch.» Bild: AP

Träum weiter

In 20 Jahren keine Armut mehr – ist Bill Gates naiv?

2035 wird es fast keine armen Länder mehr geben, behauptet Bill Gates in einem kürzlich veröffentlichten Brief. Seine Aussagen fussen auf falschen Zahlen und zeichnen ein unrealistisches Wunschbild, sagt ein Experte.



Bild

Peter Niggli ist Geschäftsleiter von Alliance Sud, der entwicklungspolitischen Arbeitsgemeinschaft von sechs Schweizer Hilfswerken. Bild: Daniel Rihs

Bill Gates prophezeit eine Zukunft ohne Armut. Was sagen Sie zu dieser These? 
Peter Niggli: Es ist tatsächlich wahrscheinlich, dass Millionen von Menschen in den nächsten zwanzig Jahren die Armutsgrenze überschreiten werden. Doch diese liegt bei 1,25 Dollar Kaufkraftgewicht pro Tag. Das ist auch in armen Ländern sehr, sehr wenig. Diejenigen die die Grenze gezogen haben, könnten damit nicht leben. Den Ärmsten hingegen traut man das zu. International wird deshalb die Anhebung dieser Grenze verlangt.

Gates erwähnt unter anderem China und Indien als positive Beispiele. Früher die Armenhäuser der Welt, heute Länder mit grossem Potenzial. Wie gut sind diese Beispiele? 
In China und Indien lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung. In den 80er- und 90er-Jahren lebten am meisten Arme in diesen beiden Ländern. In China hat eine rasante Industrialisierung stattgefunden – nachdem Ende der 70er-Jahre die Kommunen freigegeben wurden, erfolgte ein rascher Aufstieg der Landbevölkerung. Indien hatte fast zwanzig Jahre eine sehr hohe Wachstumsrate, die Anzahl der Armen ist jedoch nur bescheiden reduziert worden. 

Das ist paradox.
Ja. Auch heute lebt der grösste Teil der absolut Armen nach wie vor in Indien und China – zusammen mehr als in Schwarzafrika. Dass China und Indien weiterhin so schnell wachsen werden, wird stark bezweifelt.  

Gates verweist darauf, dass sieben von zehn Länder mit dem grössten Wirtschaftswachstum in Afrika liegen.
Das stimmt höchstens, wenn man nur die Daten der letzten paar Jahre hinzuzieht, in denen sich das Wachstum vieler Schwellenländer abschwächte. Schwarzafrika hat erst in den Nullerjahren wieder die Wirtschaftsleistung erreicht, die es 1980 hatte. Der starke Aufschwung seither ist auf die Industrialisierung und damit verbundene Rohstoffnachfrage von China und Indien zurückzuführen. Ob diese Nachfrage weiterhin wächst, ist fragwürdig.

Was, wenn die Nachfrage einbricht? 
Dann bricht auch das Wachstum der afrikanischen Länder zusammen, denn sie haben ihre Wirtschaft noch zu wenig diversifiziert. Zahlen sagen wenig über die Tragfähigkeit einer Volkswirtschaft aus.

«Dass sich Bill Gates, der zum reichsten Prozent der Bevölkerung gehört, so äussert, wird ihm Kritik einhandeln.»

Peter Niggli

Die Berechnungen von Gates stimmen also nur dann, wenn man davon ausgeht, dass sich der Aufwärtstrend der letzten Jahre fortsetzen wird. 
Ja. Die grossen strukturellen Probleme der Entwicklungsländer werden aber andauern. Hinzu kommen in zunehmendem Masse Umweltprobleme. Man kann annehmen, dass diese Umweltprobleme in den nächsten 20 Jahren gravierender durchschlagen werden als bislang. Dann sehen alle Wachstumszahlen anders aus. Deshalb ist es falsch, die Entwicklung der letzten 15 Jahre linear in die Zukunft zu extrapolieren. 

Mit anderen Worten: Gates zeichnet ein ökonomischen Wunschbild. Wie geht es den Menschen wirklich?
Durchschnittszahlen sagen nicht viel darüber aus, was einzelnen Menschen zu Verfügung steht. Die Einkommensunterschiede sind nach wie vor riesig – Tendenz steigend. Ungleichheit ist zwar die Voraussetzung dafür, dass an bestehenden Strukturen gerüttelt wird, doch mittlerweile etabliert sich der Konsens, dass die heutige Ungleichheit krass und ökonomisch schädlich ist. Politische Gegenmassnahmen bleiben aber aus. 

Warum lehnt sich Gates so weit aus dem Fenster? 
Die Bill Gates Stiftung ist die grösste private Stiftung im Entwicklungsbereich. Sie kann beinahe die Agenda der WHO bestimmen, weil sie mehr Mittel aufwirft als deren Mitgliedsländer. Mit dem Jahresbrief legt die Stiftung gegenüber der Öffentlichkeit Rechenschaft ab. Gates teilt mit, dass nicht jede Hilfe hoffnungslos ist und dass sich einiges verbessert hat. Beides stimmt. Dass sich Bill Gates, der zum reichsten Prozent der Bevölkerung gehört, so äussert, wird ihm Kritik einhandeln.

Kritik an der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung 

Im Januar 2007 veröffentlichten Journalisten der Los Angeles Times einen Bericht, in dem sie der Stiftung Investitionen in Unternehmen vorwarfen, die stark umweltverschmutzend agieren oder teure AIDS-Medikamente verkaufen. Zudem wird der Stiftung eine enge Verknüpfung mit dem Lebensmittel-Konzern Monsanto, der seinerseits in der Kritik steht, die angestammte Landwirtschaft in Afrika zu bedrohen und vor allem über die Patentierung von bestimmten Pflanzen-, Gemüse- und Getreidesamen in wirtschaftlicher Abhängigkeit zu halten. (sza)

Bill Gates Jahresbrief

Gates stellt drei Thesen auf: Einkommen und Wohlstand steigen, auch in Afrika. Bereits sind 7 der 10 Länder mit dem grössten Wirtschaftswachstum Länder auf dem afrikanischen Kontinenten. Bis 2035 wird es fast keine armen Länder mehr geben. 
Den ganzen Brief lesen.

Bill Gates erklärt eine der drei Mythen, die es zu bekämpfen gelte. Video: YouTube/dReMs ClUb

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    Alle Leser-Kommentare
  • papparazzi 24.01.2014 10:22
    Highlight Highlight Zu der Utopie von Bill Gates kann man nur folgendes sagen:

    An Ostern kommt nicht der Hase, an Weihnachten wurde das Christkind nicht geboren und zum Samichlaustag erscheint nur der Schmutzli.

    Wenn dem so wäre, dass es in einigen Jahren keine Armut mehr gibt, wieso gibt es denn noch Kinderarbeit? Warum wird das meiste Geld mit Kriegen gemacht? Weshalb verteilen die "Reichen" nicht einen grösseren Anteil an die Armen und nicht nur Almosen in Form von Zinsen aus ihren gehorteten Milliarden? Weil das Geld nicht auf Bäumen wächst! Die Nächstenliebe aber in den Herzen!

    Meine Prognose in Bezug auf Reiche und Arme lautet wie folgt:
    Die Reichen werden noch reicher, aber weniger. Die Armen werden noch ärmer, dafür mehr! Wieso das so ist? Weil der Mammon den Egoismus / Individualismus des Einzelnen noch verstärkt, unterstützt und zugleich auch für die dringlichen Bedürfnisse anderer blind macht. ut (dp)
    • Romeo 24.01.2014 20:22
      Highlight Highlight Ihr Diskurs stimmt eigentlich. Wenn die Kirche endlich die Kondome freigibt nützt das sehr viel, und zwar den Ärmsten.
    • papparazzi 24.01.2014 23:06
      Highlight Highlight Was soll denn das bitte mit dem Begriff oder der Institution Kirche zu tun haben? Die Kirche hat schon seit Jahrhunderten versagt und kann nicht die Antwort sein. ut (dp)
  • Andy 23.01.2014 13:31
    Highlight Highlight Ich habe das Gefühl das in 15 Jahren leider vermehrt Armut existieren wird. Eine Mittelschicht wird kaum mehr existieren, entweder ist man arm oder reich. Und das wiederum wird zu massiven sozialen Spannungen führen... Trotzdem finde ich es gut, wie sich Gates mit seinem Vermögen für "eine bessere Welt" einsetzt.
  • sabine wirth 23.01.2014 13:12
    Highlight Highlight Prozentual mag die Armut abnehmen. Angesichts der Tatsache, dass die Weltbevölkerung in den nächsten 14 Jahren nochmals um 1 Milliarde zunehmen wird und dieses Wachstum hauptsächlich in den ärmsten Regionen stattfindet, ist Entwarnung jedoch verfrüht. Die Vereinigung Umwelt und Bevölkerung Ecopop fokussiert mit dem 2. Teil ihrer Volksinitiative auf diese Problematik. Sie schlägt vor, 10% der Entwicklungszusammenarbeitsgelder zur Förderung freiwilliger Familienplanung einzusetzen. Damit wird das Armuts- und Ressourcenverknappungsproblem nicht gelöst - aber es wird lösbarer.
  • pepsilon 23.01.2014 13:07
    Highlight Highlight Heute arme Länder können auch in Zukunft nur dann wohlhabend werden, wenn die heute reichen Länder zumindest auf einen Teil ihres Reichtums verzichten.
    Doch so wie es momentan aussieht wird das wohl nicht so bald der Fall sein.
    Denn wer will schon auf seinen Privilegien verzichten?
    Ich finde Bill Gates Aussage deswegen ein wenig zu optimistisch.
    Auch wenn die Aussicht auf eine gerechte Verteilung des Geldes sicherlich eine schöne ist.
  • Helmuth Fuchs 23.01.2014 12:43
    Highlight Highlight Änderungen beginnen im Kopf. Und da tut sich bei den Milliardären in den USA einiges mehr als bei unseren Superreichen. Eine der Initiativen: The Giving Pledge: http://givingpledge.org/ Oder wo sind all die Wohltäter, die sich als Manager schamlos am Eigentum von Aktionären bereichert haben? Kandidaten gäbe es zuhauf: http://www.moneycab.com/mcc/2013/11/29/die-300-reichsten-besitzen-soviel-wie-nie-zuvor/
    • Donald 23.01.2014 17:41
      Highlight Highlight Da gibt es natürlich zwei gravierende Unterschiede zwischen uns und den USA.

      1. System/Kultur: In den USA bekommt man als Armer grundsätzlich nichts. Daher hat es sich etabliert, dass Reiche "Gutes tun und darüber Reden" (Win-win). Auch ist da Freiwilligenarbeit sehr verbreitet. Bei uns hingegen legt man mehr den Fokus darauf, dass das ganze System zu allen gerecht ist und die Leute so nicht Glück haben müssen, dass so ein Reicher genau sie unterstützt.

      2. Bescheidenheit: Die meisten Reichen (und auch alle anderen) stehen bei uns nicht so gerne in der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu vielen US-Amerikanern tun die Leute bei uns auch Gutes, jedoch wird nicht so darüber geredet.
    • Helmuth Fuchs 24.01.2014 23:23
      Highlight Highlight Ciao Donald. Dass die Reichen nicht so gern in der Öffentlichkeit stehen, ist eine Mär. Wenn es darum geht, in der Oper in der besten Loge zu sitzen, am WEF von Wirtschaftsmedien hofiert oder in St. Moritz geblitzt zu werden, wird keine grosse Bescheidenheit zelebriert. Auch in der Schweiz würde bekannt werden, wenn eine Milliarde gespendet würde. Während es in den USA zum guten Ton gehört, beträchtliche Summen zu spenden, tut sich vor allem aktuelle Garde der Reichen in der Schweiz eher schwer, das Geld für jemand anderen als sich selbst auszugeben.
  • maxmorix 23.01.2014 11:19
    Highlight Highlight Während den letzten Jahrhunderten hat schon mancher Philanthrop versucht, die Welt zu verbessern. Auf vielen Gebieten, wie der Bildung und des Gesundheitswesens konnten revolutionäre Ergebnisse erzielt werden. Die ganze Entwicklung war jedoch immer wieder von Rückschlägen gezeichnet. Naturkatastrophen, Kriege etc. sind einige der Hautursachen. Bill Gates wird es nicht gelingen, eine Paradies Erde zu schaffen. Aber immerhin versucht er, dank seines Riesenvermögens, das Beste zu geben.
  • wunderfitz 23.01.2014 10:24
    Highlight Highlight Die reichsten 85 Menschen besitzen über die Hälfte alles Vermögen auf dieser Welt. Das ist krass. Unvorstellbar.
    Ein Kollege hatte in einer Schule in Florida einen "Klassenkameraden" ein Verwandter eines Emirat Herrschers. Seine Haustiere waren weisse Tiger, Löwen und Leoparden. Seine Lieblingsspielzeuge ein dutzend Sportwagen von Ferrari an aufwärts und natürlich Frauen. Alle Sportwagen liess er extra am Nationaltag seines Landes mit dem Landeswappen um spritzen. Allein mit diesem Geld hätte er vermutlich 50'000 Kinder in einem afrikanischen Land von der Blindheit befreien können.
    Nur die Gewissheit, dass diese Reichen und Superreichen all dieses Vermögen am Lebensende auch nicht mitnehmen können befriedigt mich aber auch nicht.
  • Jennifer 23.01.2014 09:56
    Highlight Highlight Die positive Einstellung kommt zuerst, dann folgt idealerweise eine ebenso gute Handlung, und dann kommt am Ende auf jeden fall etwas dabei heraus, was besser ist als wenn am Anfang eine negative Einstellung steht. Ich schätze mal, Bill Gates ist auch deswegen so erfolgreich und kann so viele soziale Projekte umsetzen, weil er so denkt wie er denkt.
  • shadowmen 23.01.2014 09:56
    Highlight Highlight Ich denke er ist ein Visionär und es wäre durchaus möglich dieses Ziel zu erreichen, wenn wie er ein paar Superreiche von Ihrem Vermögen einen Teil wieder abgegen würden.
  • fma 23.01.2014 08:44
    Highlight Highlight ich warte mal die 20 Jahre und melde mich dann, wie arm ich noch bin...
  • mrgoku 23.01.2014 08:25
    Highlight Highlight Ich gehe eher davon aus dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer! Oh ja....
  • Donald 23.01.2014 01:14
    Highlight Highlight Hier scheint es grosse Differenzen zwischen Peter Niggli und Bill Gates zu geben. Offensichtlich ist Peter Niggli nur an Kaufkraft und Einkommen interessiert, während Bill Gates eher von Gesundheit und Lebensqualität spricht. Natürlich gibt es da Gemeinsamkeiten, aber diese sind nicht der ganze Kuchen von "nicht-Armut".
  • siwa 23.01.2014 01:06
    Highlight Highlight Bill ist ein Geschäftsmann und damit sein Geschäft (hier die Rettung der Welt) erfolg hat, muss er uns dazu bringen, dass wir auch an den Erfolg (das die Welt gerettet werden kann) glauben. Mir scheint das nicht naive, viel mehr zynisch. Wenn sie die Grenze von 1,25 Doller Kaufkraft pro Tag überschritten haben, was sind sie dann? Prinzipiell immer noch arm, aber nun immerhin Mittelschicht, einfach ganz ganz ganz unten?
    • Reto Krucker 23.01.2014 10:21
      Highlight Highlight Klar, die Rettung der Welt ist ein sehr lohnenswertes Geschäft. Drum investieren die Banken ja soviel Geld in diesem Bereich.
  • Romeo 23.01.2014 00:30
    Highlight Highlight Gates möchte gerne ein Philanthrop sein, aber es gelingt ihm nicht wirklich. Ich bin skeptisch. Ob er sein Gewissen mit Wunschdenken beruhigt ?
    • Reto Krucker 23.01.2014 10:17
      Highlight Highlight Wenn es nicht reicht, 28 Milliarden Dollar in ne Stiftung, welche sich gegen Hunger, HIV, für Bildung,... einsetzt, zu stecken, wie wird man dann deiner Meinung nach zum Philanthropen?
    • papparazzi 24.01.2014 18:52
      Highlight Highlight Durch wirkliches verschenken des Geldes ohne die Möglichkeit einer Einflussnahme durch eine Stiftung. ut (dp)
  • hugo 22.01.2014 23:56
    Highlight Highlight Was Bill Gates verzapft, das hat Hans Roisling schon vor Jahren gezeigt.
    http://www.ted.com/talks/hans_rosling_shows_the_best_stats_you_ve_ever_seen.html

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