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Technik ist vergänglich.
Technik ist vergänglich.
Bild: Keystone
Interview mit dem Start-up-Chef der Swisscom

«Herr Wüthrich-Hasenböhler, wann bringt die Schweiz einen Tech-Giganten à la Facebook hervor?»

Die Swisscom fördert Tech-Start-ups und schickt aussichtsreiche Kandidaten ins Silicon Valley. Roger Wüthrich-Hasenböhler von der Konzernleitung sagt, was in der Alten Welt funktioniert und was noch besser werden muss.
25.07.2014, 09:15

Roger Wüthrich-Hasenböhler kommt mit dem Elektrovelo zum Interview. Er ist zehn Minuten zu spät, weil er sich kurz vor dem Ziel – auf der Hardstrasse in Zürich-West – verfahren hat. Ja, das kann auch einem hochrangigen Swisscom-Manager passieren. 

Der 53-Jährige ist Mitglied der Konzernleitung und verantwortet das Geschäftsfeld Kleine und Mittlere Unternehmen – das sind rund 300'000 Firmen von Lugano über Genf bis Schaffhausen

Der Elektroingenieur und HSG-Absolvent ist nicht nur Mister KMU bei der Swisscom, sondern auch Mister Start-up. Er sucht vielversprechende neue Technologien und Jungunternehmen und arbeitet dabei mit dem Swisscom-Aussenposten im Silicon Valley zusammen. «Lange und sehr intensiv», wie er erklärt.

Herr Wüthrich, sind Sie risikofreudig? 
Roger Wüthrich-Hasenböhler:
 Ja, eigentlich schon.

Beruflich und privat? 
Beides. Aber kalkulierbares Risiko, nicht kopflos. Wenn du kein Risiko nimmst, wirst du auch keinen Erfolg haben.

Also sollen Jungunternehmer auch risikofreudig sein?
Ich denke, Jungunternehmer sind extrem risikofreudig. Aber manchmal habe ich den Eindruck, sie merken es gar nicht. Das hängt damit zusammen, dass sie etwas aus einem inneren Antrieb machen, weil sie eine fixe Idee haben und diese hartnäckig verfolgen. Dann ist die Risikobetrachtung eher sekundär.

Roger Wüthrich-Hasenböhler in Aktion.
Roger Wüthrich-Hasenböhler in Aktion.
Bild: Swisscom

«Scheitere früh und scheitere oft.» Was halten Sie von diesem viel zitierten Spruch?
Amerikanische Sprüche kommen immer so locker flockig daher. Das Scheitern gehört für Unternehmer sicher dazu. In den USA ist das noch mehr ein Element, das zur dortigen Kultur gehört. Man packt etwas an und wenn man scheitert, dann ist man kein Verlierer, sondern hat etwas bewirkt, steht wieder auf und probiert es noch einmal. 
Wir, die wir in der Alten Welt leben, haben mehr Mühe damit. Wenn man hierzulande mit einer Firma Konkurs geht, dann erhält man schon den Stempel, dass man nicht erfolgreich ist. Aber ich glaube, das wird sich ändern. Wir werden lernen, zu akzeptieren, dass es so läuft. 

Ihr Unternehmen betreibt in Palo Alto einen Aussenposten. Wie sieht die Bilanz aus?
Die Swisscom hat früh erkannt, dass sie sich nach aussen öffnen muss. Es gilt zu schauen, wie sich die Telekommunikationsbranche entwickelt und welche neuen Technologien wichtig werden. Gerade in unserem Geschäft gilt es frühzeitig die Trends zu erkennen und diese in die Strategie des Unternehmens einfliessen zu lassen. Je näher wir am Puls sind und je besser wir das einschätzen können, desto grösser ist die Aussicht auf Erfolg. 

Vor zwei Jahren haben wir zudem mit einer «verlängerten Werkbank» begonnen. Das heisst, wir machen nicht nur Trend-Scouting und Technologie-Scouting, sondern schicken ganze Projektteams ins Silicon Valley, um neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, in enger Zusammenarbeit mit kalifornischen Firmen.

Wann bringt die Schweiz einen Tech-Giganten à la Facebook hervor?
Das ist eine schwierige Frage, die man so nicht beantworten kann. Der Zufall spielt sicher eine Rolle. Heute läuft es anders als vor 20 Jahren. Man kann ohne grossen Aufwand loslegen. Kann im Brockenhaus ein paar Möbel kaufen, bei der Swisscom einen Server mieten und ein Business-Modell aufsetzen, das sehr erfolgreich wird.

(Er lacht) Ich suche immer noch das Golden Nugget. Das ist ein Anspruch, den ich habe. Dass wir einen Service finden, der global skaliert, also weltweit Erfolg hat.

Warum hat die Schweiz kein Silicon Valley? Oder brauchen wir gar keins? 
Im Silicon Valley kommen alle wichtigen Elemente auf relativ kleinem Raum zusammen, um Big Business zu machen. Es sind alle Kapitalgeber dort, die besten Universitäten ziehen schlaue Köpfe an und es gibt viele Experten. In der Schweiz stellen wir unser Licht eher etwas unter den Scheffel. Wir sind extrem innovativ. Das ist nicht so spektakulär wie in Amerika. Aber wenn wir schauen, was an den Technischen Hochschulen und den Fachhochschulen läuft, dann ist das eindrücklich. Auch sonst haben wir viele schlaue Köpfe, die uns vorwärts bringen.

«Wir kranken am Föderalismus. Jede Region – ob am Genfersee oder im Grossraum Zürich – möchte ein Silicon Valley werden.»
Swisscoms Startup-Chef Roger Wüthrich-Hasenböhler im Gespräch mit watson. 

Die Schweiz ist ein extrem reiches Land. Warum gibt es nicht mehr mutige Investoren?
Das macht genau den Unterschied aus zu Amerika. Dort gibt es vielmehr Risikokapital, sogenannte Venture Capitalists und Business Angels, und diese Investoren gehen mehr Risiken ein. Bei uns ist das noch etwas verhaltener. Wir haben auch eine Startup-Szene, die investiert. Aber bei uns haben Jungunternehmer grössere Probleme, um ihre Ideen finanzieren zu lassen. Ich bin überzeugt, dass in fünf bis zehn Jahren genügend Geld vorhanden sein wird.

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In der Schweiz herrschen gute Rahmenbedingungen für Firmengründer. Was muss sich noch bessern?
Wir kranken am Föderalismus. Jede Region – ob am Genfersee oder im Grossraum Zürich – möchte ein Silicon Valley werden. Man müsste die Kräfte konzentrieren und die hervorragende Ausgangslage miteinander nutzen. Die Universitäten sind ein Melting Pot für gute Ideen. Ausserdem gilt es, auch die Talente an den Fachhochschulen einzubinden.

Ein Kenner der Schweizer Startup-Szene meint, es gebe eine «Überförderung», soll heissen, es wird fast zu viel ausgegeben für Beratung etc., das Geld würde man besser in Firmengründungen investieren.
Das kann ich absolut nachvollziehen. Es herrscht halt eine gewisse Goldgräberstimmung. Das Coaching und Mentoring sind ein Business, das im Trend ist. Es wollen sich viele Leute etablieren und profilieren. Als Jungunternehmer muss man sehr selektiv sein und gut schauen, mit wem man zusammenarbeiten will und wo man nicht einfach ausgenutzt wird. Was den Bund betrifft, gibt es mit der KTI (Kommission für Technologie und Innovation, Anmerk. der Red.) ein gutes Angebot. Aber auch dort muss man schauen, welchen Coach man auswählt.

War einst hip: das Swatch-Natel.
War einst hip: das Swatch-Natel.
Bild: Keystone

Wirtschaftsregionen in ganze Europa stehen im Wettstreit um die besten Tech-Startups. Wie gute Karten hat die Schweiz?
Was man aus Europa hört, zum Beispiel aus Berlin, ist oftmals nur ein Hype. Wir müssen uns Richtung Amerika ausrichten. Nach Boston, dem Silicon Valley. Und wir können mit Stolz sagen, dass wir eines der innovativsten Länder der Welt sind. Wir haben keine Rohstoffe, unser Rohstoff ist die Brain Power. Die sehr hohe Innovationskraft der Schweiz ist weltweit gesucht.

Anfang Juli wurde bekannt, dass Google 100 Millionen Dollar in europäische Tech-Startups investieren will. 
Das zeigt, dass Europa durchaus interessant ist. Aber die Höhe der Investitionen von Google muss man relativieren: Wir investieren mit unserem Evergreen-Fonds an die 90 Millionen Franken allein in Schweizer Startups. Es geht in Zukunft darum, die Investments noch gezielter auf die strategischen Geschäftsfelder der Swisscom auszurichten. Und wir gehen in den Bereich, wo noch relativ wenige Investoren drin sind. In den Bereich Early Stage. Wir haben zusätzlich einen Fonds mit zehn Millionen Franken – für fünf Jahre. Damit unterstützen wir Firmen, die es in der frühen Phase extrem schwer haben, Geld zu bekommen. 

Nehmen wir als Beispiel drei Doktoranden von der ETH, die ein gutes Produkt haben, aber mit der Finanzierung klappt es nicht. Diese Leute brauchen vielleicht 400'000 bis 500'000 Franken, oder vielleicht auch nur 250'000, aber sie finden dieses Geld nicht. Dann wird es extrem schwierig. Wir wollen dort einsteigen und stellen pro Jahr zwei Millionen zur Verfügung, die wir in drei bis fünf Firmen investieren können.

Sie haben 2013 mit der StartUp Challenge einen Wettbewerb für Schweizer Jungfirmen ins Leben gerufen. Wie zufrieden sind Sie damit?

Ich gebe es zu, am Anfang war ich skeptisch. Doch es hat sich gelohnt. Der Erfolg des letztjährigen Wettbewerbs hat mich überwältigt. Die Finalisten waren topp.

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Beim diesjährigen StartUp Challenge kommen acht von zehn Finalisten aus der Westschweiz. Sind die Romands innovativer als die Deutschschweizer?
Ich bin nicht überrascht. Wir hatten auch schon letztes Jahr einige Westschweizer. Wenn man das Umfeld der EFPL (ETH Lausanne, Anmerk. der Red.) kennt, ist es nicht erstaunlich. Als Deutschschweizer haben wir halt nicht so einen guten Zugang zu der Startup-Community in der Westschweiz. In der Konzernleitung haben wir gesagt: Wir müssen uns mehr Mühe geben, um vor Ort zu sein, um Netzwerke aufzubauen. Wir müssen uns noch mehr in der Startup-Szene verankern.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Sie sind seit 14 Jahren als Angestellter tätig. Verspüren Sie manchmal den Wunsch, sich beruflich selbstständig zu machen?
Das habe ich mir schon ein paar Mal überlegt. Aber dazu muss man eine gute Idee haben.

Ein Freund von mir aus den Studienzeiten hat schon ganz früh – in den 90er-Jahren – auf das Internet gesetzt. Da hätte ich die Möglichkeit gehabt, einzusteigen. (lacht) Aber ich hatte den Mut nicht.

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