Wirtschaft
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Ein Mann mit einem der neuen schurlosen Telefone, Natel-C und einem Hund auf seinem Surfbrett auf dem Zuerichsee, aufgenommen am 30. Juli 1994. (KEYSTONE/Str)

Technik ist vergänglich. Bild: Keystone

Interview mit dem Start-up-Chef der Swisscom

Interview

«Herr Wüthrich-Hasenböhler, wann bringt die Schweiz einen Tech-Giganten à la Facebook hervor?»

Die Swisscom fördert Tech-Start-ups und schickt aussichtsreiche Kandidaten ins Silicon Valley. Roger Wüthrich-Hasenböhler von der Konzernleitung sagt, was in der Alten Welt funktioniert und was noch besser werden muss.



Roger Wüthrich-Hasenböhler kommt mit dem Elektrovelo zum Interview. Er ist zehn Minuten zu spät, weil er sich kurz vor dem Ziel – auf der Hardstrasse in Zürich-West – verfahren hat. Ja, das kann auch einem hochrangigen Swisscom-Manager passieren. 

Der 53-Jährige ist Mitglied der Konzernleitung und verantwortet das Geschäftsfeld Kleine und Mittlere Unternehmen – das sind rund 300'000 Firmen von Lugano über Genf bis Schaffhausen

Der Elektroingenieur und HSG-Absolvent ist nicht nur Mister KMU bei der Swisscom, sondern auch Mister Start-up. Er sucht vielversprechende neue Technologien und Jungunternehmen und arbeitet dabei mit dem Swisscom-Aussenposten im Silicon Valley zusammen. «Lange und sehr intensiv», wie er erklärt.

Herr Wüthrich, sind Sie risikofreudig? 
Roger Wüthrich-Hasenböhler:
 Ja, eigentlich schon.

Beruflich und privat? 
Beides. Aber kalkulierbares Risiko, nicht kopflos. Wenn du kein Risiko nimmst, wirst du auch keinen Erfolg haben.

Also sollen Jungunternehmer auch risikofreudig sein?
Ich denke, Jungunternehmer sind extrem risikofreudig. Aber manchmal habe ich den Eindruck, sie merken es gar nicht. Das hängt damit zusammen, dass sie etwas aus einem inneren Antrieb machen, weil sie eine fixe Idee haben und diese hartnäckig verfolgen. Dann ist die Risikobetrachtung eher sekundär.

Roger Wüthrich-Hasenböhler, Swisscom

Roger Wüthrich-Hasenböhler in Aktion. Bild: Swisscom

«Scheitere früh und scheitere oft.» Was halten Sie von diesem viel zitierten Spruch?
Amerikanische Sprüche kommen immer so locker flockig daher. Das Scheitern gehört für Unternehmer sicher dazu. In den USA ist das noch mehr ein Element, das zur dortigen Kultur gehört. Man packt etwas an und wenn man scheitert, dann ist man kein Verlierer, sondern hat etwas bewirkt, steht wieder auf und probiert es noch einmal. 
Wir, die wir in der Alten Welt leben, haben mehr Mühe damit. Wenn man hierzulande mit einer Firma Konkurs geht, dann erhält man schon den Stempel, dass man nicht erfolgreich ist. Aber ich glaube, das wird sich ändern. Wir werden lernen, zu akzeptieren, dass es so läuft. 

Ihr Unternehmen betreibt in Palo Alto einen Aussenposten. Wie sieht die Bilanz aus?
Die Swisscom hat früh erkannt, dass sie sich nach aussen öffnen muss. Es gilt zu schauen, wie sich die Telekommunikationsbranche entwickelt und welche neuen Technologien wichtig werden. Gerade in unserem Geschäft gilt es frühzeitig die Trends zu erkennen und diese in die Strategie des Unternehmens einfliessen zu lassen. Je näher wir am Puls sind und je besser wir das einschätzen können, desto grösser ist die Aussicht auf Erfolg. 

Vor zwei Jahren haben wir zudem mit einer «verlängerten Werkbank» begonnen. Das heisst, wir machen nicht nur Trend-Scouting und Technologie-Scouting, sondern schicken ganze Projektteams ins Silicon Valley, um neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, in enger Zusammenarbeit mit kalifornischen Firmen.

Auf die «Pauke» hauen wie Facebook. Archivbild: Getty Images North America

Wann bringt die Schweiz einen Tech-Giganten à la Facebook hervor?
Das ist eine schwierige Frage, die man so nicht beantworten kann. Der Zufall spielt sicher eine Rolle. Heute läuft es anders als vor 20 Jahren. Man kann ohne grossen Aufwand loslegen. Kann im Brockenhaus ein paar Möbel kaufen, bei der Swisscom einen Server mieten und ein Business-Modell aufsetzen, das sehr erfolgreich wird.

(Er lacht) Ich suche immer noch das Golden Nugget. Das ist ein Anspruch, den ich habe. Dass wir einen Service finden, der global skaliert, also weltweit Erfolg hat.

Warum hat die Schweiz kein Silicon Valley? Oder brauchen wir gar keins? 
Im Silicon Valley kommen alle wichtigen Elemente auf relativ kleinem Raum zusammen, um Big Business zu machen. Es sind alle Kapitalgeber dort, die besten Universitäten ziehen schlaue Köpfe an und es gibt viele Experten. In der Schweiz stellen wir unser Licht eher etwas unter den Scheffel. Wir sind extrem innovativ. Das ist nicht so spektakulär wie in Amerika. Aber wenn wir schauen, was an den Technischen Hochschulen und den Fachhochschulen läuft, dann ist das eindrücklich. Auch sonst haben wir viele schlaue Köpfe, die uns vorwärts bringen.

«Wir kranken am Föderalismus. Jede Region – ob am Genfersee oder im Grossraum Zürich – möchte ein Silicon Valley werden.»

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Swisscoms Startup-Chef Roger Wüthrich-Hasenböhler im Gespräch mit watson.  YouTube/Watson Redaktion

Die Schweiz ist ein extrem reiches Land. Warum gibt es nicht mehr mutige Investoren?
Das macht genau den Unterschied aus zu Amerika. Dort gibt es vielmehr Risikokapital, sogenannte Venture Capitalists und Business Angels, und diese Investoren gehen mehr Risiken ein. Bei uns ist das noch etwas verhaltener. Wir haben auch eine Startup-Szene, die investiert. Aber bei uns haben Jungunternehmer grössere Probleme, um ihre Ideen finanzieren zu lassen. Ich bin überzeugt, dass in fünf bis zehn Jahren genügend Geld vorhanden sein wird.

In der Schweiz herrschen gute Rahmenbedingungen für Firmengründer. Was muss sich noch bessern?
Wir kranken am Föderalismus. Jede Region – ob am Genfersee oder im Grossraum Zürich – möchte ein Silicon Valley werden. Man müsste die Kräfte konzentrieren und die hervorragende Ausgangslage miteinander nutzen. Die Universitäten sind ein Melting Pot für gute Ideen. Ausserdem gilt es, auch die Talente an den Fachhochschulen einzubinden.

Ein Kenner der Schweizer Startup-Szene meint, es gebe eine «Überförderung», soll heissen, es wird fast zu viel ausgegeben für Beratung etc., das Geld würde man besser in Firmengründungen investieren.
Das kann ich absolut nachvollziehen. Es herrscht halt eine gewisse Goldgräberstimmung. Das Coaching und Mentoring sind ein Business, das im Trend ist. Es wollen sich viele Leute etablieren und profilieren. Als Jungunternehmer muss man sehr selektiv sein und gut schauen, mit wem man zusammenarbeiten will und wo man nicht einfach ausgenutzt wird. Was den Bund betrifft, gibt es mit der KTI (Kommission für Technologie und Innovation, Anmerk. der Red.) ein gutes Angebot. Aber auch dort muss man schauen, welchen Coach man auswählt.

Eine Frau mit dem neuen Swatch-Natel, aufgenommen am 30. September 1993. (KEYSTONE/Str)

War einst hip: das Swatch-Natel. Bild: Keystone

Wirtschaftsregionen in ganze Europa stehen im Wettstreit um die besten Tech-Startups. Wie gute Karten hat die Schweiz?
Was man aus Europa hört, zum Beispiel aus Berlin, ist oftmals nur ein Hype. Wir müssen uns Richtung Amerika ausrichten. Nach Boston, dem Silicon Valley. Und wir können mit Stolz sagen, dass wir eines der innovativsten Länder der Welt sind. Wir haben keine Rohstoffe, unser Rohstoff ist die Brain Power. Die sehr hohe Innovationskraft der Schweiz ist weltweit gesucht.

Anfang Juli wurde bekannt, dass Google 100 Millionen Dollar in europäische Tech-Startups investieren will. 
Das zeigt, dass Europa durchaus interessant ist. Aber die Höhe der Investitionen von Google muss man relativieren: Wir investieren mit unserem Evergreen-Fonds an die 90 Millionen Franken allein in Schweizer Startups. Es geht in Zukunft darum, die Investments noch gezielter auf die strategischen Geschäftsfelder der Swisscom auszurichten. Und wir gehen in den Bereich, wo noch relativ wenige Investoren drin sind. In den Bereich Early Stage. Wir haben zusätzlich einen Fonds mit zehn Millionen Franken – für fünf Jahre. Damit unterstützen wir Firmen, die es in der frühen Phase extrem schwer haben, Geld zu bekommen. 

Nehmen wir als Beispiel drei Doktoranden von der ETH, die ein gutes Produkt haben, aber mit der Finanzierung klappt es nicht. Diese Leute brauchen vielleicht 400'000 bis 500'000 Franken, oder vielleicht auch nur 250'000, aber sie finden dieses Geld nicht. Dann wird es extrem schwierig. Wir wollen dort einsteigen und stellen pro Jahr zwei Millionen zur Verfügung, die wir in drei bis fünf Firmen investieren können.

Sie haben 2013 mit der StartUp Challenge einen Wettbewerb für Schweizer Jungfirmen ins Leben gerufen. Wie zufrieden sind Sie damit?

Ich gebe es zu, am Anfang war ich skeptisch. Doch es hat sich gelohnt. Der Erfolg des letztjährigen Wettbewerbs hat mich überwältigt. Die Finalisten waren topp.

Beim diesjährigen StartUp Challenge kommen acht von zehn Finalisten aus der Westschweiz. Sind die Romands innovativer als die Deutschschweizer?
Ich bin nicht überrascht. Wir hatten auch schon letztes Jahr einige Westschweizer. Wenn man das Umfeld der EFPL (ETH Lausanne, Anmerk. der Red.) kennt, ist es nicht erstaunlich. Als Deutschschweizer haben wir halt nicht so einen guten Zugang zu der Startup-Community in der Westschweiz. In der Konzernleitung haben wir gesagt: Wir müssen uns mehr Mühe geben, um vor Ort zu sein, um Netzwerke aufzubauen. Wir müssen uns noch mehr in der Startup-Szene verankern.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Sie sind seit 14 Jahren als Angestellter tätig. Verspüren Sie manchmal den Wunsch, sich beruflich selbstständig zu machen?
Das habe ich mir schon ein paar Mal überlegt. Aber dazu muss man eine gute Idee haben.

Ein Freund von mir aus den Studienzeiten hat schon ganz früh – in den 90er-Jahren – auf das Internet gesetzt. Da hätte ich die Möglichkeit gehabt, einzusteigen. (lacht) Aber ich hatte den Mut nicht.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 24.07.2014 18:31
    Highlight Highlight Die grossen Konzerne denken und handeln global. Viele Start-Ups denken zwar global, handeln aber local, auf die Schweiz (evtl. noch DACH-Raum) bezogen. Und da ist der Markt für Nischen zu klein. Geht man international nach Europa, kommt die Sprachen- und Kulturvielfalt mit vielen unterschiedlichen Regelwerken (trotz EU) zum tragen und verteuert den Marktgang. Wenn man in den USA eine Idee hat, kann man diese sofort auf 300 Mio. Einwohner (auf die Zielgruppe davon) skalieren (Sprache, Gesetze, Währung, Kultur, usw.). Die Schweiz mag Innovationsweltmeister sein, wenn man die Patente und Erfindungen gewichtet (Speziell bei Pharma). Bei der Umsetzung happert es mehr. Und so lange wir das Wort "Scheitern" als Endsttion einer Idee/Initiative gebrauchen, trauen sich wenige an die Risiken ran. Wenn wir von "unbefriedigenden oder schlechten Resultaten" sprechen, die ein Projekt ergibt, ist das prozessual gedacht und eine mentale Differenz, die den Erfolg als Konsequenz eines Handelns definiert und die Handlung honoriert. Auch wenn sie nicht sofort zum Ziel führt. Die Schweiz hat gutes Potenzial und der Nährboden wäre gut. Doch viele sind halt schon satt und der Hunger muss über Ausländer importiert oder ausgelagert werden. So pilgert Swisscom ins Tech-Mekka um sich anstecken zu lassen und den Hunger zu finden.
  • christianlaurin 24.07.2014 09:41
    Highlight Highlight Als jemand der in Europa geboren ist und jetzt hier lebt, aber in Kanada und USA sein ganzes Studium verbracht hat (Klasse 1 bis ende Uni) habe ich mehrer Gründe warum es kein Facebook hier gibt.

    1) Es ist nicht nur "we can fail" sondern ich mache etwas andrers. wir machen es sehr hart für Querdenker. Sie werden nicht akzeptiert.

    2) Phobie um Ausländer. Ich habe in Silicon Valley schon gearbeitet und wie viele Asiaten und Inder es gibt ist riesig. "Es wimmelt nur so." Wir haben jetzt schon angst wenn es ein paar Deutscher gibt!

    3) Um Himmelswillen würde jemand etwas machen ohne AHV Beitrag und Krankenkasse zu bezahlen! So was darf man doch nicht machen!!! ;)

    4) Es ist viel zu viel teuer um etwas auf der Beine zu bringe. Ich sehe es mit mein Bruder. Er macht etwas mit IoT und wirklich wie im Sinne so wie man etwas macht in die USA. Aber er hat Mühe mit den Kosten hier. Er fährt immer nach Deutschland, um kosten zu sparen.

    Ich will nicht andeuten, dass die Schweiz ein böses Land ist. Auf keinen Fall ist die Schweiz so. Aber sie ist kein Land für Erfinder wie es Facebook vormacht, und das müssen wir verstehen. Und wir dürfen auch nicht so tun, dass es so ist. Weil um so was zu kriegen, müsste das ganz Land umgekrempelt werden und Chaos müsste erlaubt sein. Chaos hat sein Vorteile und auch VIELE Nachteile.
    • Riccardo 24.07.2014 10:58
      Highlight Highlight Gutes Kommentar! Ich denke auch dass jedes Land seine Vorteile und Nachteile hat. Etwas zu kopieren finde ich nicht unbedint sinnvoll. Vieleher sollte man sich auf andere Gebiete konzentrieren.

      Weiter finde ich es nicht unbedingt gut wenn die Swisscom als Quasi-Staatsunternehmen beginnt überall die Finger reinzustecken. Zuerst mal die Swisscom ganz privatisieren. In den USA hat Zuckerberg & Co. auch nicht beim Staat angeklopft.
  • Riccardo 24.07.2014 09:13
    Highlight Highlight Interessantes Interview. Aber die Aussage, dass wir am Föderalismus erkranken unterstütze ich nicht. Der Föderalismus bringt viel eher individuelle Freiheiten und somit mehr Raum für Innovationen.

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Er ist einer der erfolgreichsten Manager der Uhrenindustrie: Jean-Claude Biver, 70. Der Schweiz-Luxemburger verrät, was Smartwatches der Zukunft können, was er sich von der Politik wünscht und weshalb er seit seiner Krankheit anders tickt.

Jean-Claude Biver gilt nach Nick Hayek als der wohl wichtigste Revitalisierer der Schweizer Uhrenindustrie. Der 70-Jährige hat sich letztes Jahr aus dem operativen Geschäft wegen einer Krankheit zurückgezogen. Aber er präsidiert noch immer die Uhrensparte des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH mit Marken wie Hublot, TAG Heuer oder Zenith. Kürzlich trat er an einem Anlass der Konjunkturforschungsstelle der ETH in Lausanne auf, um über die Frankenstärke zu referieren. Danach …

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