Trumps lustigster Kritiker muss weg – daran ist nicht nur der US-Präsident schuld
Bruce Springsteen durfte natürlich nicht fehlen, als sich der amerikanische Komödiant Stephen Colbert diese Woche von seinen Zuschauerinnen und Zuschauern verabschiedete. Und natürlich machte der in die Jahre gekommene Links-Rocker den aktuellen Bewohner des Weissen Hauses dafür verantwortlich, dass der Sender CBS die Late-Night-Show Colberts einstellt. «Ich bin heute Abend hier», sagte Springsteen, weil Colbert «der erste Typ in Amerika ist, der seine Sendung verlor, weil der Präsident keine Witze verträgt.»
Das Publikum jubelte und klatschte, weil in Colberts Sendung immer gejubelt und geklatscht wurde, wenn jemand über Donald Trump lästerte. Und zwar schon lange: Bereits in der ersten Amtszeit des Republikaners war der scharfzüngige Komödiant einer der härtesten Kritiker Trumps. Nicht ganz freiwillig, übrigens. Colbert hatte ursprünglich eine andere Show geplant, ein traditionelleres Unterhaltungsprogramm. Aber nach Amtsantritt des neuen Präsidenten realisierte er, dass er an Trump nicht vorbeikommt.
Das ging nicht nur dem Präsidenten auf die Nerven, der online regelmässig (und deutlich weniger lustig) gegen Colbert austeilte. Auch der neue CBS-Eigentümer fand diese Fokussierung auf Trump nicht besonders amüsant. Denn David Ellison hat sein neues Medienimperium, zu dem nebst CBS auch das Filmstudio Paramount gehört, fest im Trump-Lager verankert. Zusammen mit seinem schwerreichen Vater – das Vermögen von Oracle-Gründer Larry Ellison wird auf rund 230 Milliarden Dollar geschätzt – unterstützt er den republikanischen Präsidenten.
Springsteen ist deshalb nicht der einzige Prominente, der das erzwungene Ende der Late-Night-Show als Zensur beschimpft. Ganz unrecht hat der Kult-Musiker sicherlich nicht. Ellison jedenfalls schien es voriges Jahr eilig damit zu haben, Colbert loszuwerden. Kaum zeichnete sich ab, dass er grünes Licht für die Übernahme von CBS bekommen würde, beschloss der Sender, den Vertrag mit dem Star nicht mehr zu erneuern.
Die Zeit von Johnny Carson ist vorbei
Aber es gibt auch noch einen anderen Grund, warum die Zeit der «Late Show with Stephen Colbert», wie das Programm offiziell heisst, nach elf Jahren abgelaufen ist: Im Zeitalter von Youtube und Podcasts ist das Format schlicht und einfach nicht mehr zeitgemäss.
Ein kurzer Rückblick: Die Late-Night-Show ist ein Format aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als Fernsehen in den USA das dominante Medium war. Zuerst waren die Unterhaltungsprogramme am späten Abend bloss Platzfüller. Spätestens als Johnny Carson im Jahr 1962 aber die «Tonight Show» auf dem Sender NBC übernahm, wurde die Late-Night-Show zu einem Selbstläufer. Wer einen neuen Film anpreisen oder eine neue Platte vorstellen wollte, der nahm Platz neben Carson, Dick Cavett, David Letterman, Jay Leno oder Conan O'Brien. Zu den Shows, die an der Ostküste erst nach 23 Uhr ausgestrahlt wurden, gehörten auch politische Witze. Aber selten dominierten sie das Programm. Vielmehr versuchten Gastgeber und Gast, das Publikum kurz vor Schlafenszeit zu unterhalten.
Das änderte sich erst um die Jahrhundertwende, als eine neue Generation von Komikern abseits der drei grossen Sendern ABC, CBS und NBC das Format auf die Schippe nahmen. Der Name Jon Stewart kommt in den Sinn: Während der Amtszeit von Präsident George W. Bush parodierte der Komiker die Berichterstattung der Massenmedien gnadenlos. Oder eben Stephen Colbert: Der spielte damals, in den turbulenten Jahren nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001, auf «Comedy Central» einen rechten Kommentator – eine ätzende Satire auf den Mega-Patriotismus von «Fox News».
Das war ausgesprochen lustig, zumindest für ein junges Publikum, und anfänglich auch höchst innovativ. Aber es sprach zuletzt nur noch ein Nischenpublikum an. So schalteten im Mai 1992 rund 55 Millionen Amerikaner ihr Fernsehgerät ein, als sich Johnny Carson von seinem Publikum verabschiedete. In den vergangenen Tagen haben sich noch 3 Millionen die Sendungen von Stephen Colbert angeschaut – obwohl seine allerletzte Show am Donnerstag sicherlich einen Rekord aufstellen wird.
CBS sagt, der Sender habe mit der «Late Show» jährlich 40 Millionen Dollar verloren. Auch wenn diese Zahl mit Vorsicht zu geniessen ist – vielleicht ist in den USA die Zeit für eine neue Generation politischer Satire-Sendungen gekommen, mit oder ohne Star-Komödiant.
Trump jedenfalls wird weiterhin das entsprechende Material liefern. (bzbasel.ch)

