Wieso das Parlament die Arztzeugnisse stärker regulieren will
Zeh gebrochen und der Patient wird für drei Wochen zu 100 Prozent krankgeschrieben. Oder: Der Migräneanfall, der stets am Freitag anfliegt und erst am Montag wieder verschwindet. Wie seriös ist die Arbeitsunfähigkeit abgeklärt?
Arztzeugnisse stehen in der Kritik, weil sie allzu häufig grosszügig ausfallen – oder schwer nachvollziehbar sind. Der Bundesrat erklärt in seinem jüngsten Bericht, dass es sich um ein vernachlässigbar kleines Phänomen handelt. Doch der Nationalrat verlangt striktere Regeln. SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr sagt im Interview wieso.
Frau Gutjahr, sind Gefälligkeitszeugnisse von Ärzten auf dem Schweizer Arbeitsmarkt ein Problem?
Diana Gutjahr: Ja. Das zeigt nicht nur meine eigene Erfahrung als Arbeitgeberin. Das höre ich auch von anderen. Umso stossender ist es, dass der Bericht des Bundesrats ein verzerrtes Bild zeigt. Darin heisst es, es gebe kein Problem mit Gefälligkeitszeugnissen und die Experten seien sich einig. Nur: Die Arbeitgeberseite kommt im Bericht praktisch nicht vor. Ich habe mittels Öffentlichkeitsprinzip die Protokolle des Experten-Roundtables verlangt. Und darin steht klar, dass Arbeitgeber Handlungsbedarf sehen.
Was läuft konkret schief im heutigen System?
Zu viele Arztzeugnisse sind pauschal. Zahlen von Compasso zeigen: 80 Prozent der ausgestellten Artzeugnisse bestätigen eine 100-prozentige Arbeitsunfähigkeit, und rund 75 Prozent basieren stark auf den Angaben der Patienten. Sie hinterfragen zu wenig, was noch möglich wäre. Man spricht immer von der ArbeitsUNfähigkeit, anstatt die Arbeitsfähigkeit ins Zentrum zu stellen.
Arbeitgeber haben heute schon genügend Möglichkeiten – etwa eine Zusatzabklärung über den Vertrauensarzt oder ein detaillierteres Zeugnis, das mit Einverständnis der Angestellten mehr Optionen eröffnet. Reicht das nicht?
In der Theorie vielleicht. In der Praxis funktioniert es oft nicht. Vertrauensärzte werden selten beigezogen oder erst sehr spät und bestätigen oftmals die Erstbeurteilung. Und ohne Einverständnis der Mitarbeitenden bekommt man kaum relevante Informationen. Genau da liegt das Problem: Die Instrumente bestehen, sie greifen aber zu wenig.
Der Bundesrat sagt, eine Lockerung sei gar nicht nötig, weil Ärzte schon heute Angaben zur Arbeitsfähigkeit machen dürfen.
Das mag rechtlich stimmen. Aber in der Realität passiert es zu selten. Die Schweigepflicht wird sehr restriktiv ausgelegt, und das blockiert den Austausch. Wir brauchen hier mehr Klarheit und Verbindlichkeit, um einen offenen Austausch arbeitsplatzbezogen zu führen.
Der Nationalrat will die Auflagen nun lockern. Wie?
Wir wollen, dass Missbräuche – also Gefälligkeitszeugnisse oder auch fahrlässig ausgestellte, ungenaue Zeugnisse – wirksam bekämpft werden. Das Ziel ist klar: weniger ungerechtfertigte Kosten für Arbeitgeber und Sozialversicherungen und vor allem eine schnellere Wiedereingliederung der Betroffenen. Wenn nötig, sollen auch gesetzliche Anpassungen geprüft werden.
Ein zentraler Punkt ist die Lockerung der Schweigepflicht des Arztes. Das sind doch schützenswerte Daten?
Es geht um eine sehr begrenzte, arbeitsplatzbezogene Lockerung. Ärzte sollen auf Anfrage sagen können, welche Tätigkeiten jemand noch ausüben kann – sie müssen dabei nicht erklären warum. Diagnosen und Krankengeschichten bleiben tabu. Aber heute weiss der Arbeitgeber oft schlicht nicht, ob jemand vielleicht eine andere Tätigkeit ausüben könnte – und eigentlich nur für körperliche Arbeit ausfällt.
Untergräbt man damit nicht den Schutz der Arbeitnehmenden?
Das sehe ich nicht so. Es geht nicht darum, sensible Gesundheitsdaten preiszugeben. Es geht darum, Lösungen zu ermöglichen. Wenn man gar nichts weiss, kann man auch nichts anpassen. Und dann bleibt nur die vollständige Krankschreibung – oft länger als nötig. Dadurch wird die gesamte Gesellschaft belastet.
Sie sprechen auch von hohen volkswirtschaftlichen Kosten. Können Sie Ausfälle beziffern?
Täglich fehlen rund 100'0000 Menschen am Arbeitsplatz, wegen Krankheit oder Unfall. Missbräuche und Fehlanreize kosten damit enorm viel Geld und untergraben das Vertrauen. Wir wissen, dass krankheitsbedingte Absenzen die Volkswirtschaft um die 70 Milliarden Franken pro Jahr kosten – mit steigender Tendenz. Wenn wir hier einen Teil reduzieren können, ist viel erreicht. Gleichzeitig erschweren lange Absenzen die Wiedereingliederung. Je länger jemand komplett aus dem Arbeitsprozess raus ist, desto schwieriger wird die Rückkehr – auch aus psychologischen Gründen.
Der Mangel an Ärzten nimmt zu. Ist es gescheit, sie mit zusätzlichem administrativem Aufwand zu belasten?
Das ist ein berechtigter Punkt. Aber es geht nicht um mehr Bürokratie, sondern um bessere Informationen. Wenn klar ist, was jemand noch kann, kann man schneller Lösungen finden – das entlastet am Ende alle. (aargauerzeitung.ch)
