Zentralbank senkt Zinsen erneut: Schuldenlast könnte für Putin zum Problem werden
Die russische Zentralbank hat am Freitag zum dritten Mal in diesem Jahr ihren Leitzins gesenkt, zum zwölften Mal innerhalb eines Jahres. Er liegt jetzt bei 14,5 Prozent. Mit der Zinssenkung soll offenbar das Wachstum angekurbelt werden – und dem Staat die Möglichkeit für weitere Schulden gegeben werden. Doch während Putins Banker von einer stabilen Lage sprechen, sieht die Wahrheit offenbar anders aus. Wie das amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) berichtet, schwächelt die russische Wirtschaft deutlich.
So sei die von Moskau gemeldete niedrige Arbeitslosenquote ein Zeichen dafür, dass es kaum mehr Arbeitskräfte gebe. Das Institut rechnet mit einem Anstieg bei Löhnen im zivilen und militärischen Bereich, was wiederum die Inflation erhöhen kann. Die US-Analysten gehen davon aus, dass die tatsächliche Inflationsrate in Russland deutlich höher ist als offiziell angegeben.
Hinzu kommen die Schulden, die Putins Regierung aufgenommen hat, um den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Ausserdem seien die eigenen Finanzreserven weitgehend aufgebraucht. Moskau habe im November sogar damit begonnen, Teile seiner Goldreserven zu verkaufen.
Ukraine: Russisches Defizit stark angestiegen
Die Zahl der geplanten Entlassungen ist nach russischen Medienberichten um 43 Prozent gestiegen. Oleg Sokolow, ein Vertreter der Föderation Unabhängiger Gewerkschaften Russlands, erklärte gegenüber der russischen Zeitung «Wedomosti», dass fehlende Finanzmittel infolge von Defiziten auf föderaler und regionaler Ebene Entlassungen vorantreiben könnten.
Der ukrainische Auslandsgeheimdienst (SZRU) berichtete am 23. April, dass Russlands Defizit im ersten Quartal 2026 auf 4.6 Billionen Rubel (rund 61 Milliarden US-Dollar) gestiegen sei – und damit deutlich über dem für das gesamte Jahr 2026 geplanten Defizit von 3.8 Billionen Rubel (rund 50 Milliarden US-Dollar) liege.
Kreditaufnahme steigt um fast 30 Prozent
Russlands Staatsverschuldung stieg im Jahr 2025 um 21 Prozent und legte um über 65 Milliarden Euro (rund 60 Milliarden Franken) zu, sodass sie fast 375 Milliarden Euro (rund 345 Milliarden Franken) erreichte. Dies geht aus einem Zwischenbericht der russischen Rechnungskammer hervor, aus dem die russische Wirtschaftszeitung «Wedomosti» zitierte. Während die Auslandsverschuldung des Landes um 15,4 Prozent auf 48 Milliarden Euro (rund 44 Milliarden Franken) sank, stiegen die inländischen Kreditaufnahmen um 29,1 Prozent auf 327 Milliarden Euro (rund 301 Milliarden Franken).
Die Kosten für den Schuldendienst der russischen Staatsschulden stiegen zudem von 5,8 Prozent des Bundeshaushalts im Jahr 2024 auf 7,5 Prozent des Bundeshaushalts im vergangenen Jahr, berichtete der Wirtschaftsnachrichtensender RBC.
Mehreinnahmen durch hohe Ölpreise – aber wie lange?
Um die Einnahmesituation zu verbessern, erhöhte Putin im Januar die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent. Das wiederum treibt aber die Inflation an und verlegt die Last auf die Bürger Russlands. Die durchschnittlichen Preise sind nach offiziellen Angaben von 4,4 Prozent im letzten Quartal 2025 auf 8,7 Prozent im ersten Quartal 2026 gestiegen.
Der Iran-Krieg hat zwar die Preise für Öl ansteigen lassen, was wiederum die Einnahmen Russlands erhöht. Fraglich ist aber, wie lange das anhält. US-Finanzminister Scott Bessent hatte am Freitag angekündigt, die Sanktionen gegen russisches Öl nicht weiter aussetzen zu wollen.
Ukrainische Angriffe schwächen Ölgeschäft
Der Ölexport ist zwar ein grosses Geschäft für Russland, doch birgt er Risiken für Putin. «Russische Ölexporte sind äusserst anfällig für Störungen im Schiffsverkehr. Das ist eine Achillesferse», sagte Janis Kluge, Ökonom am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit, der «Washington Post». «Wenn ich an Russlands Stelle wäre, würde ich mir grosse Sorgen über die Entwicklungen machen – sowohl im Hinblick auf eine strengere Politik gegenüber der Schattenflotte als auch auf die ukrainischen Drohnenangriffe auf Tanker. Denn beides birgt erhebliche Risiken. Für Russland ist es entscheidend, diese Seewege für sein Öl offen zu halten, sonst gerät das Land ernsthaft in Schwierigkeiten», sagte er weiter.
In den vergangenen Wochen haben ukrainische Drohnen erneut mehrere russische Ölanlagen getroffen. In der russischen Hafenstadt Tuapse brannte ein Terminal tagelang, in der Stadt ging schwarzer Regen nieder.
Die Schulden betreffen aber nicht nur den russischen Staatshaushalt. In 73 der 88 Regionen, die Russland als sein Hoheitsgebiet beansprucht – darunter fünf russisch besetzte Regionen der Ukraine –, wurde laut einem Bericht der unabhängigen russischen Nachrichtenseite Novaya Gazeta ein Haushaltsdefizit verzeichnet. Im Jahr 2024 meldeten nur 41 Regionen ein Defizit, während weitere 17 einen Haushaltsüberschuss verzeichneten.
«Hinsichtlich der aussenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der finanzpolitischen Parameter besteht weiterhin erhebliche Unsicherheit», heisst es im Bericht der russischen Zentralbank.
Verwendete Quellen:
- cbr.ru: "Банк России принял решение по ключевой ставке" (Russisch)
- novayagazeta.eu: "Russia’s national debt rises by 21% as 73 regions report budget deficits" (Englisch)
- washingtonpost.com: "Russia’s shadow fleet tests Europe’s sanctions" (kostenpflichtig) (Englisch)
- understandingwar.org: "Russian Offensive Campaign Assessment, April 24, 2026" (Englisch)
- vedomosti.ru: "Число рекомендованных к увольнению работников выросло" (Russisch)

