Russische Influencerin kritisiert öffentlich Putin – darum stinkt der Fall zum Himmel
Die russische Influencerin und Jetsetterin Viktorija Bonja äussert sich bei Instagram kritisch über politisches Versagen in ihrer Heimat und geht mit ihrem Posting viral. Prompt wird sie vom Kreml «erhört» – was die Frau zu Tränen rührt und noch mehr Klicks generiert.
Die Geschichte sorgt international für Schlagzeilen. Aber was steckt dahinter? Eine Einordnung.
1. Akt – Der PR-Stunt
Am 14. April veröffentlicht die russische Lifestyle-Influencerin Viktorija Bonja auf Instagram eine 18-minütige Videobotschaft an Wladimir Putin. Darin behauptet sie, alle hätten Angst vor ihm – nur sie nicht.
In ihrem Video nennt der Reality-TV-Star fünf dringende Probleme, über die, wie sie sagt, kein «Gouverneur», also keiner der in den verschiedenen russischen Regionen sitzenden Verwaltungschefs, sprechen wolle.
Das Narrativ lautet: Die innenpolitischen Probleme Russlands (massive Zensur, Umweltverschmutzung, Korruption, wirtschaftlicher Niedergang) existieren nur, weil die regionalen Verwalter den Machthaber Wladimir Putin belügen oder schlicht unfähig sind.
Was die Influencerin mit keine Wort erwähnt, ist der von Putin verursachte illegale Angriffskrieg gegen die Ukraine. Bonja verschweigt also ausgerechnet die Hauptursache für die massiven Einschränkungen und Probleme «normaler» Bürgerinnen und Bürger, die im Gegensatz zu ihr in der Heimat ausharren müssen.
2. Akt – Seriöse Medien als Verstärker
Bonja hat bei Instagram rund 13 Millionen Follower. Ihre «russlandkritische» Botschaft nimmt auf der Algorithmus-getriebenen Plattform Fahrt auf. Dann wird die zunehmend «virale» Verbreitung des Videos von journalistisch arbeitenden Medien, darunter Nachrichtenagenturen, thematisiert und weiter verstärkt.
3. Akt – Auftritt Kreml
Wie unter anderem die deutsche Nachrichtenagentur DPA und ihr Schweizer Pendant, die SDA, berichten, findet «die prominente Bloggerin» mit ihrer Kritik in Moskau Gehör. Der Putin-Sprecher Dmitri Peskow wird in mehreren Agenturmeldungen zitiert, dass die Verantwortlichen im Kreml das Video selbst gesehen hätten.
Der Putin-Vertraute sagt, die Influencerin spreche in ihrem Video viele Themen an, an denen (...) tatsächlich gearbeitet werde. Und er darf – unwidersprochen – in Aussicht stellen, dass sich die schwierige Lage für die russische Bevölkerung nach dem Ende der «militärischen Spezialoperation» normalisieren werde.
4. Akt – Krokodilstränen
Die sonst für ihre Videos zu Lifestyle- und Modetrends bekannte Influencerin dankt es dem Kreml unter Tränen. Sie weine vor Freude, dass sie gehört werde, lässt sie über ihr Instagram-Profil verlauten – und distanziert sich gleichzeitig von echten Kremlkritikern. «Ich stehe an der Seite des Volkes», behauptet Bonja, lehnt aber Interviewanfragen von kritischen Exil-Medien ab.
5. Akt – Der vorläufige Höhepunkt
Nun hat es Bonjas PR-Stunt endgültig in den internationalen Medienzirkus geschafft. Praktisch alle grossen Medienhäuser verbreiten ihre vermeintlich mutigen Äusserungen ohne kritische Einordnung weiter.
Wo ist das Problem?
Zunächst muss betont werden: Viktorija Bonja ist keine ins Exil geflüchtete Regimekritikerin. Im Gegenteil. Bei Instagram dokumentiert die Jetstetterin laufend ihre Reisen zwischen Monaco, Dubai und Moskau.
Der jüngste PR-Stunt ist ein Lehrstück in russischer Propaganda und zeichnet sich durch ein raffiniertes, über viele Jahre entwickeltes Konzept aus: die staatlich gesteuerte Opposition. Anstatt berechtigte Kritik komplett zu unterdrücken, wird sie in ein System integriert, das den Herrscher im Kreml am Ende gar stärkt.
Eine der ersten historisch dokumentierten Anwendungen einer solchen Pseudo-Opposition ist aus dem russischen Kaiserreich um 1901 bekannt. Damals gründete der Chef der Moskauer Geheimpolizei staatlich kontrollierte Gewerkschaften. Die Arbeiter sollten ihre Forderungen in einem kontrollierten Rahmen stellen, anstatt sich echten revolutionären Bewegungen anzuschliessen.
Doch zurück in die Gegenwart.
Der gewünschte Effekt: Bonja positioniert den russischen Diktator mit ihrer Kritik nicht als oberster Verantwortlicher für das Schlamassel, sondern als potenziellen Retter des Volkes. Die Influencerin bittet Putin quasi, Ordnung zu schaffen. Damit wird sein Machtanspruch nicht untergraben, sondern legitimiert.
Die Wirkung im Inland: Die russische Bevölkerung soll sich «gehört» fühlen, weil gewisse Probleme von einer Landsfrau mit beachtlicher Reichweite thematisiert werden. Da Bonja aber keine Forderungen nach einem Systemwechsel stellt, wird die Energie der Unzufriedenheit in eine (gesellschaftliche) Sackgasse geleitet.
Auch der zeitliche Ablauf passt dazu. Bonjas Video erschien zu einem Zeitpunkt, an dem die Unzufriedenheit über die technischen Einschränkungen des russischen Internets («RuNet») einen Siedepunkt erreichte.
Die Wirkung im Ausland: Es wird das Bild eines vermeintlich «diskussionsfähigen» Kremls gezeichnet. Es wird also der Öffentlichkeit suggeriert, dass man in Russland durchaus Kritik üben könne, ohne festgenommen zu werden. Dass dies nur für loyale Influencer gilt – und nicht für ernsthafte Aktivistinnen und Aktivisten – geht in der Berichterstattung unter.
Apropos Pseudo-Opposition ...
Obwohl Putin 2022 die Grossinvasion befahl, wollte ihn die Influencerin keinesfalls kritisieren, stattdessen irritierte sie mit einem allgemeinen Anti-Kriegs-Aufruf. Dann zerschnitt sie medienwirksam ihre Chanel-Tasche, um gegen angebliche «Russophobie» zu protestieren, nur um kurz darauf wieder mit derselben Luxusmarke gesehen zu werden. Dies untermauert für kritische Beobachter das Bild einer Influencerin, die PR-Stunts im Sinne des Kremls durchführt, wenn es ihr nützt.
Sicher ist: Indem eine Lifestyle-Influencerin quasi als politische Sprecherin auftritt, wird die berechtigte Kritik an gesellschaftlichen Missständen entpolitisiert. Gravierende Probleme wie Russlands systemische Korruption werden auf eine tiefere Ebene heruntergebrochen.
Oder wie es der «Guardian» treffend beschrieb: Putin werde als der «gute Zar» inszeniert, der von korrupten Beamten im Dunkeln gelassen werde.
Das Kernproblem hinter den russischen Internetsperren und den massiven wirtschaftlichen Problemen des Landes wird hingegen weiterhin verschwiegen: Es ist der verbrecherische Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, den Putin seit 2014 führen lässt und den er 2022 mit der Vollinvasion eskalierte.
Der Kreml setzt wegen des ungebrochenen Widerstands der Ukraine und damit verbundenen massiven Verlusten auf russischer Seite auf eine immer aggressivere Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die stetige Berieselung der Bevölkerung mit Propaganda. Regimegegner werden mundtot gemacht – oder schlimmer.
Zum Schluss müssen wir über Geld reden.
Viktorija Bonjas Reichtum basiert auf einer Mischung aus klassischem Influencer-Marketing und fragwürdigeren, oft esoterischen oder pseudomedizinischen Angeboten. Während der Corona-Pandemie erlangte sie zweifelhafte Berühmtheit durch die Verbreitung von Verschwörungserzählungen über 5G-Strahlung und Mikrochips in Impfstoffen.
Auch die neueste Instagram-Aktion hat der Influencerin nicht geschadet, sondern – im Gegenteil – mehr Aufmerksamkeit und letztlich Werbegeld eingebracht.
Leider helfen journalistische Medien in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften ungewollt mit, wenn sie entsprechende Auftritte nicht kritisch einordnen.
Derweil bleibt die russische Bevölkerung geknechtet. Und Putins blutiger Angriffskrieg gegen die Ukrainerinnen und Ukrainer geht weiter.
Quellen
- theguardian.com: Russian blogger’s fierce critique of Kremlin goes viral: ‘People are afraid of you’ (18. April)
- The Insider (Russisch): «Народ вас боится, блогеры, артисты вас боятся. Вы многого не знаете» (Bericht vom 14. April 2026).
- meduza.io: Russian blogger’s video address to Putin draws 20 million views and 1 million likes on Instagram
- Nachrichtenagenturen SDA/DPA
