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Apple wird wie eine Nation behandelt: CEO Tim Cook vor dem europäischen Parlament in Brüssel.
Apple wird wie eine Nation behandelt: CEO Tim Cook vor dem europäischen Parlament in Brüssel.
Bild: EPA/EPA
Kommentar

Der Apple fällt – und wir sollten uns darüber freuen

Der Kurs der Apple-Aktie bricht ein. Auch die anderen Tech-Giganten schwächeln. Das ist gut so, denn ihre Monopol-Macht ist eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft geworden.
13.11.2018, 14:0913.11.2018, 14:46

Vor ein paar Monaten durchbrach die Börsenkapitalisierung von Apple als erstem Unternehmen der Welt die magische Grenze von einer Billion Dollar. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandprodukt der Schweiz betrug letztes Jahr 679 Milliarden Dollar. Apple war also rund ein Drittel mehr wert als alle Güter und Dienstleistungen, die wir während eines Jahres produzieren.

Inzwischen sind es wieder ein paar Milliarden Dollar weniger. Im Oktober haben alle Tech-Aktien gelitten, und gestern brach der Apple-Kurs erneut um fünf Prozent ein. Ausgelöst wurde der Sturz durch Gerüchte, wonach der iPhone-Peak angeblich überschritten sei und Apple seine Rekordgewinn-Serie der letzten Jahre nicht werde fortsetzen können.

Totale Tech-Dominanz in Sachen Börsenkapitalisierung in nur fünf Jahren.
Totale Tech-Dominanz in Sachen Börsenkapitalisierung in nur fünf Jahren.

Wenn der Klassenbeste pfuscht, leiden auch alle anderen. Die Tech-Aktien mussten generell Einbussen verzeichnen, auch die grossen fünf, FAANG genannt (von Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google, resp. Alphabet). Auf den schlechten Oktober könnte ein mieser November folgen. Das wäre – ausser man ist in diese Unternehmen investiert – gar keine schlechte Sache.

Die Tech-Giganten sind nämlich zu gross geworden. So gross, dass sie sich inzwischen wie selbstständige Nationen aufführen. In seinem Buch «Chaos Monkeys» beschreibt der ehemalige Facebook-Manager Antonio Garcia Martinez, dass die FAANG-Unternehmen gegenseitig Botschaften untereinander haben, welche die Beziehungen wechselseitig regeln.

Ihr Revier verteidigen Apple & Co. rücksichtslos. Was irgendwie gefährlich werden könnte, wird aufgekauft und eingegliedert. So hat Facebook Instagram, WhatsApp und Oculus für teils gigantische Summen erworben, um eine mögliche Konkurrenz schon in den Anfängen zu unterbinden. Start-up-Unternehmer träumen heute nicht mehr davon, ein zweites Google zu werden, sondern von Google gekauft zu werden.

Jaron Lanier ist ein Kritiker der neuen Tech-Monopolisten. 2014 erhielt er den deutschen Friedenspreis.
Jaron Lanier ist ein Kritiker der neuen Tech-Monopolisten. 2014 erhielt er den deutschen Friedenspreis.
Bild: AP/AP

Jaron Lanier ist ein Pionier auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und ein erklärter Kritiker der Tech-Giganten. In seinem Buch «Who Owns the Future» bezeichnet er sie als «Siren Servers» und beschreibt sie wie folgt: «Ein erfolgreicher Siren Server verhält sich nicht mehr wie ein Spieler in einem grösseren System. Stattdessen mutiert er zu einem Zentralplaner. Das macht ihn dumm, so wie es die Planer in einem kommunistischen System sind.»

Die zunehmende Monopolisierung lähmt die Innovationskraft der Tech-Giganten. «Wenn sich nichts ändert, könnte Google so zu einer Schlange werden, die ihren eigenen Schwanz frisst», befürchtet Lanier.

Nicht nur die Innovationskraft leidet unter der zunehmenden Monopolisierung der Tech-Industrie. Sie werden eine Gefahr für Wirtschaft und Gesellschaft. Dass Apple & Co. de facto keine Steuern zahlen, hat sich herumgesprochen.

Protest-Plakate gegen Jeff Bezos in Deutschland. Amazon gilt als Lohndrücker.
Protest-Plakate gegen Jeff Bezos in Deutschland. Amazon gilt als Lohndrücker.
Bild: EPA/EPA

Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs: Als Amazon bekanntgab, ein zweites Headquarter eröffnen zu wollen, tanzten fast alle amerikanischen Städte an. Jeff Bezos konnte seine Bedingungen nach Belieben diktieren. Er kann wünschen, wann und wie viel Steuern er entrichten will, was für Grundstücke er erhält, welche Infrastruktur ihm die Städte zur Verfügung stellen, etc. Das Rennen gemacht haben nun anscheinend New York und Northern Virginia.

Tim Wu ist Rechtsprofessor an der Columbia University in New York. In einem Essay in der «New York Times» hat er kürzlich die wachsende Monopolisierung der Wirtschaft mit der Situation in den Dreissigerjahren verglichen. Es möge zwar viele Unterschiede geben, führte er aus, «aber bei allem, was wir wissen, können wir die Schlussfolgerung nicht vermeiden, dass wir ein gefährliches wirtschaftliches und politisches Experiment durchführen: Wir haben die Antimonopol-Gesetze geschwächt, welche eine Machtkonzentration in den USA und rund um die Welt verhindern sollten.»

Eine monopolisierte Wirtschaft, so Wu, werde eine leichte Beute von Diktatoren. «Die Führer suchen eine Allianz mit den Grossunternehmen. So lange diese ihm gehorchen, bekommen beide, was sie wollen: Der Führer erhält Loyalität und die Unternehmen müssen sich nicht mehr demokratisch verantworten.»

Bis heute Sinnbild des Monopolisten: John D. Rockefeller.
Bis heute Sinnbild des Monopolisten: John D. Rockefeller.

Was Wu hier ausführt, ist keine akademische Übung. Russland und China haben bereits diese gefährliche Mischung aus Monopolunternehmen und autoritären Führern, Brasilien, die Türkei und Ungarn folgen ihnen. Auch in den USA ist diese Tendenz unübersehbar: Präsident Trump belohnt Unternehmen, die sich ihm gegenüber loyal zeigen und bestraft diejenigen, die sich ihm widersetzen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Theodore Roosevelt gegen die damaligen Monopole gekämpft. Er hat John Rockefeller gezwungen, seine Standard Oil Company in mehrere Firmen aufzuteilen, und er hat die Eisenbahn-Trusts des mächtigen Bankers JP Morgan zerschlagen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich bald wieder ein US-Präsident mit den modernen Monopolisten, den FAANG, anlegt, scheint derzeit gering zu sein. Deshalb ist es zumindest ein kleiner Trost, wenn an den Börsen ihre Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Paradise Papers: Die Steuertricks der Reichen und Mächtigen

Video: srf
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