Das prickelnde Geschäft mit stillem Wasser: Evian bricht ein Tabu
Eine halbe Stunde dauert die Fahrt, dann legt das Boot, das in Lausanne gestartet ist, in Evian-les-Bains an. Die kleine Gemeinde mag ein wenig an Kilchberg am Zürichsee erinnern. Rund 10'000 Menschen leben hier in gepflegter Umgebung, mit einer herrlichen Sicht auf den See. Und doch wäre das einfach irgendein Ort auf der Landkarte, hätte hier mit Evian – so wie in Kilchberg mit Lindt & Sprüngli – nicht eine globale Marke ihren Sitz.
50 Journalistinnen und Journalisten aus der halben Welt hat Evian kurz vor Ostern hierhin eingeladen. Der Anlass: Das Jubiläum des Mineralwassers, das seit 200 Jahren offiziell gefördert wird. Seit 1826 – das muss man sich erst einmal vorstellen: Es war politisch die Zeit der Restauration, in der Kunst die Hochphase der Romantik.
Ans Jubiläum hat Evian auch einen Künstler eingeflogen: Den US-Amerikaner Jeff Koons. Er hat zum Geburtstag eine Flasche «designt». Die Anführungszeichen sind nötig. Die Flasche wird einfach von einem seiner Ballon-Hunde geziert, in Baby-Blau oder Zartrosa – den Evian-Farben. Minimaler Aufwand, maximaler Ertrag. Die Ökonomisierung ist vielleicht Jeff Koons' grösster Beitrag zur Kunst.
Das passt zum Thema. 1.05 Franken kostet ein Liter stilles Wasser von Evian bei Coop, rund 500 Mal so viel wie Leitungswasser aus dem Hahn. Warum zahlen das die Menschen, gerade auch in der Schweiz?
«Wir sind schon ein wenig stolz, dass unser Wasser auch in der Schweiz so populär ist, obwohl das Leitungswasser hier eine gute Qualität hat», sagt Antoine Portmann, General Manager Evian and Danone Waters Europe. Es ist das Resultat eines erfolgreichen Marketingversprechens: 15 Jahre fliesse das Wasser durch die französischen Alpen, werde mineralisiert und gefiltert, sagt Evian. Was in der Flasche ankommt ist ein Naturprodukt, so rein wie die schneeweissen Alpengipfel.
Pestizidrückstände, aber in geringen Mengen
Doch das ist nur noch ein Teil der Wahrheit. Evian galt in Bezug auf Reinheit lange als das Mass der Dinge. Bis Forschende der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz darin 2020 Spuren des inzwischen verbotenen Pestizids Chlorothalonil entdeckten – wenn auch in einer Konzentration weit unter dem gesetzlichen Grenzwert.
Global betrachtet nimmt die Verunreinigung des Wassers weiter zu. Wobei sich die Themen in den Industrieländern verschoben haben. Hier sind heute Ewigkeitschemikalien – sogenannte PFAS -, Hormonrückstände und Abbauprodukte der Landwirtschaft das Problem. Während im Globalen Süden nach wie vor Kläranlagen fehlen und Industrie und Bergbau ihr Abwasser oft ungefiltert in die Gewässer leiten.
Kein Wasser zu trinken, ist aber für niemanden eine Option. Evian bietet in über 140 Märkten einen Ausweg aus dem Dilemma. Der Absatz wächst. Nach einem Rücksetzer während der Corona-Pandemie verkauft Evian heute so viel stilles Wasser wie noch nie. Für den Mutterkonzern Danone ist Evian die wichtigste Marke im Wassergeschäft, das zuletzt mit gegen 5 Milliarden Euro fast 20 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte.
Der Farbcode der Unschuld
Im Geschäft mit Wasser setzt Danone damit mehr um als der dreimal so grosse Nestlé-Konzern, der seinen Sitz vis-à-vis von Evian am Schweizer Ufer des Genfersees hat. Nestlé hat die Wassersparte zuletzt stark verkleinert und sich von Produkten für den US-Markt getrennt. Bei den im Portfolio verbliebenen Marken wie St. Pellegrino und Perrier ist ein Teilverkauf im Gespräch.
Mit Perrier war Nestlé 2025 in einen Skandal verwickelt. So ergaben Kontrollen, dass das Wasser in einem Werk in Vergèze mit UV-Licht und Aktivkohlefilter behandelt wurde. Natürliches Mineralwasser darf aber nur so genannt werden, wenn es ohne Behandlung auskommt. Evians Image ist dagegen vergleichsweise unbeschädigt. Nebst dem Bericht über Pestizidrückstände sah sich die Marke 2023 in Deutschland mit dem Vorwurf der Verbrauchertäuschung konfrontiert, weil sie eine Flasche als klimaneutral beworben hatte. Kritik gab es auch schon für Flaschengrösse und Preisgestaltung. Evian selbst pflegt das Image der weissen Weste, sponsert Tennisturniere wie Wimbledon und wirbt mit tanzenden Babys in Rosa und Blau, den Farben der Unschuld.
Tennis sei der Sport, der sich gemäss einer Studie am positivsten auf die Lebenserwartung auswirke, sagt Portmann. «Longevity», also ein langes, gesundes Leben anzustreben, sei für Evian ein grosses Thema. Die Marke sieht in dem globalen Trend ungebrochene Wachstumschancen.
Tabubruch nach zwei Jahrhunderten
Mit dem Blick auf die Absatzzahlen ist man am Genfersee nach 200 Jahren nun auch bereit, die eigene Marke zu verwässern. Lange betrieb Evian einen strikten Purismus. Einziges Produkt neben dem stillen Wasser in Flaschen war der «Brumisateur». 1962 lanciert, ursprünglich zur Kühlung von Verbrennungen im Spitalkontext, wandelte er sich zum Beauty-Produkt für eine wohlstandsverwöhnte Klientel, die sich gerne kühlen Mineralwasserdunst ins Gesicht sprüht.
Das eigentliche Tabu fiel vor vier Jahren, als Evian erstmals als «Evian Sparkling», also versetzt mit Kohlensäure, verkauft wurde, zunächst in Grossbritannien, dann in den USA und Frankreich. 2026 kommt das prickelnde Evian nun auch in der Schweiz an. Nach der grössten Kehrtwende der Markengeschichte gefragt, erzählt Antoine Portmann den Gründungsmythos, wie er in den USA von einem Spitzenkoch in eine Diskussion verwickelt wurde, warum es kein Evian mit «Bubbles» gebe. Letztlich habe er diesem gesagt: «Nur unter einer Bedingung werden wir dieses Produkt entwickeln: Wenn Du uns hilfst, genau das richtige Niveau der Karbonisierung zu finden, die zum Essen passt, denn Du bist ein Künstler.»
Man könnte die Geschichte auch so erzählen: Evian Sparkling enthält 6 Gramm Kohlensäure pro Liter – minimal weniger als S. Pellegrino und rund 1 Gramm weniger als Perrier. Empfohlener Verkaufspreis für 0,5 Liter in der Schweiz: 1.10 Franken. (aargauerzeitung.ch)
