Wie die Schweiz über eine UBS-Rettung denkt – und wie sehr ein Wegzug befürchtet wird
FDP-Finanzministerin Karin Keller-Sutter und ihre Bundesratskolleginnen und -kollegen meinen es ernst: Sie wollen die grösste noch verbliebene systemrelevante Bank des Landes stärker regulieren. Dies, damit der Staat nicht zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre zu Hilfe eilen muss.
Doch das entsprechende Geschäft, die sogenannte «Lex UBS», stockt. Die zuständige Wirtschaftskommission des Ständerats hat ihre Beratungen auf Ende Sommer verschoben. Währenddessen debattiert der Ständerat schon mal über den Vorschlag des Bundesrats. Verschiedene alternative Vorschläge und Kompromisse machen seither die Runde, allesamt würden sie den Vorschlag abschwächen. Dabei handelt es sich bei diesem bereits um einen Kompromiss.
Wird der Vorschlag allzu stark verwässert, steigen die Chancen für ein Referendum. Das würde bedeuten, dass zum ersten Mal überhaupt die Bevölkerung eines Landes über die Eigenkapitalanforderungen einer Bank abstimmt. Wie also denkt jene Bevölkerung derzeit über das Thema? Das Meinungsforschungsinstitut YouGov Schweiz hat dazu eine Befragung durchgeführt – und kommt zu deutlichen Erkenntnissen.
Eine Mehrheit will strengere Kapitalvorschriften
Im Mittelpunkt der Befragung stand eine Verschärfung der Eigenkapitalanforderungen. So will der Bundesrat, dass die Grossbank ihre ausländischen Töchterunternehmen künftig zu 100 Prozent mit hartem Eigenkapital unterlegen muss.
«Lex UBS»: Der Vorschlag des Bundesrates
Ohne die Rettungsaktion durch Akteure des Schweizer Staates gäbe es in der Schweiz keine Grossbank mehr. Um den Schweizer Finanzplatz in Zukunft sicherer zu machen und die Risiken für die Steuerzahlenden zu minimieren, schlägt der Bundesrat deshalb eine Verschärfung der «Too-big-to-fail»-Regulierung vor.
Kernpunkt des Vorschlages: die vollständige Unterlegung ausländischer Tochterfirmen mit hartem Eigenkapital. Bislang sind lediglich 60 Prozent gefordert. Diese Massnahme soll den geforderten Sicherheitspuffer der Grossbank deutlich erhöhen und gemäss Karin Keller-Sutter explizit «Wachstum verteuern». Über diesen Punkt darf das Parlament entscheiden. Der Bundesrat hat damit auf den Verordnungsweg, durch den er die Regeln selbst hätte festlegen können, verzichtet.
In anderen Punkten bezüglich der Eigenkapitalverordnung ist der Bundesrat der UBS bereits entgegengekommen. Hier geht es um die Frage, welche Positionen in der Bilanz zum harten Eigenkapital gerechnet werden dürfen. Bei Teilaspekten wie Software-Werten und Verlustvorträgen hat der Bundesrat teilweise die in der Europäischen Union gängige Abschreibungspraxis übernommen, was den Kapitalaufbau für die Bank erleichtert.
Der Bundesrat hat allerdings betont: Sollte das Parlament den Kernpunkt seines Vorschlags – die Eigenkapitalanforderung für ausländische Töchter – abschwächen, würde man die gelockerten Punkte bei der Eigenkapitalverordnung noch einmal überdenken.
Die für die Deutsch- und Westschweiz repräsentative Umfrage, die zwischen dem 3. und 9. durchgeführt wurde, zeigt: Der Bundesrat dürfte in seinem Bestreben eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer auf seiner Seite wissen. Gefragt nach ihrer Grundhaltung zum Thema, stimmten 75 Prozent einer grundsätzlichen Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften «voll zu» oder «eher zu».
Mit ein Grund für diese deutliche Haltung dürfte die Angst vor einem erneuten Bankenkollaps sein: 78 Prozent der Befragten sehen ein eher grosses oder ein sehr grosses Risiko, dass eine taumelnde UBS erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft hierzulande hätte.
Die präsentierten Ergebnisse der Befragung sind gewichtete Werte. Die Gewichtungen basieren auf den Variablen Alter, Geschlecht, Sprachregion, Erwerbstätigkeit und Haushaltsgrösse. Bei einer fünfprozentigen Irrtumswahrscheinlichkeit liegt der Stichprobenfehler der Befragung bei ±3,1 Prozent.
(Teil-)Abwanderung der UBS als realistisches Szenario
Aufgrund der Komplexität des Themas stellte die Umfrage die «Lex UBS» des Bundesrates nicht anderen, möglicherweise abgeschwächten Regulierungsvorschlägen gegenüber. Die Haltung der Schweizer Bevölkerung in der Sache «UBS gegen Bundesrat» kann aber auch auf andere Weise eingeschätzt werden.
So wehrt sich die UBS selbst deutlich gegen die vom Bundesrat vorgeschlagene «Lex UBS». Diese würde ihr Kreditgeschäft verteuern und zum Verlust von Wettbewerbsfähigkeit führen. Sie dürfte daher auf einen Kompromiss im Parlament hoffen. Gleichzeitig droht die UBS aber mehr oder weniger direkt mit einem Wegzug aus der Schweiz, sollte der Bundesratsvorschlag durchkommen.
Hier zeigt die Umfrage: Der Drohung der UBS wird durchaus Glauben geschenkt. Mehr als die Hälfte der Befragten stimmt (eher) zu, dass eine strengere Regulierung zu mindestens einer Teilabwanderung des UBS-Geschäfts führen könnte.
Rund 53 Prozent glauben also nicht daran, dass es sich bei den Signalen der UBS um eine leere Drohung handelt. Bemerkenswert ist daher die Antwort auf die nachfolgende Frage: Sollte die Schweiz bei strengen Kapitalregeln bleiben, auch wenn die UBS mit Abwanderung droht? Eine deutliche Mehrheit von rund 72 Prozent sagt: (eher) ja.
Im Zweifelsfall für mehr Sicherheit
Besonders weit auseinander liegen Bundesrat und UBS bei der Einschätzung darüber, was mehr vorgeschriebenes Eigenkapital zur Folge hätte. Die UBS sagt, sie würde höhere Kapitalkosten erleiden, an Wettbewerbsfähigkeit einbüssen und Kredite zu höheren Preisen anbieten müssen.
Der Bundesrat sagt, Ziel der Vorschrift zur 100-prozentigen Unterlegung der Tochtergesellschaften mit hartem Eigenkapital sei es, das Wachstum – und damit die Risiken – der Geschäfte der UBS im Ausland, insbesondere in den USA, zu verlangsamen. Welche Folgen die verschärfte Regulierung für die UBS habe, so der Bundesrat, hänge jedoch massgeblich von Entscheiden des Managements ab.
Was müsste die UBS tun, um die Vorschriften zu erfüllen?
Um die neuen Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen, hätte die UBS folgende Möglichkeiten: Sie könnte ihr Auslandsgeschäft runterfahren, worauf der Bedarf an zusätzlichem Eigenkapital sinken würde. Oder sie müsste das zusätzliche Kapital neu aufbauen, entweder durch die Ausgabe von neuen Aktien oder durch die Kürzung von Dividendenzahlungen. Letztere beiden Massnahmen dürften die Aktionäre jedoch – zumindest auf den ersten Blick – nicht freuen, denn ihre Aktie würde so an Wert verlieren.
Gleichzeitig reduziert das aber das Risiko eines Ausfalls. Denn: Gerät eine Bank in Schieflage, wird immer zuerst das Fremdkapital bedient (bei einer Bank zum Beispiel Kundengelder), während das Eigenkapital als erster Puffer dient, um diese Verluste aufzufangen. Im Extremfall eines Untergangs der Bank gehen die Aktionäre daher leer aus.
Auch hier zeichnet die Umfrage ein klares Bild: Eine Mehrheit der Befragten – 81 Prozent – spricht sich für einen Vorschlag mit deutlich mehr Eigenkapitalvorschriften aus, selbst wenn das bei der Grossbank zu Gewinn- respektive Wachstumseinschränkungen führt.
Die Teilnehmenden wurden auch konkret nach dem Interessenkonflikt zwischen dem Bundesrat und der UBS gefragt, wobei die zwei Hauptanliegen einander gegenübergestellt wurden: Sicherheit versus Wettbewerbsfähigkeit.
Was hier heraussticht: Obwohl es die Antwortmöglichkeit «Beides gleich wichtig» gab – und es bekannt ist, dass es sich Umfrageteilnehmende oftmals gerne leicht machen und sich für den «Mittelweg» entscheiden –, ist für fast die Hälfte der Befragten eine höhere Sicherheit des Finanzsystems wichtiger als die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Banken.
Die Ergebnisse von YouGov Schweiz decken sich mit einer ähnlichen Umfrage zum Thema, die Tamedia in Zusammenarbeit mit dem Institut Leewas im September 2025 durchführte. Sofern die beiden Umfragen vergleichbar sind, scheint sich die Pro-Regulierungshaltung aber in der Zwischenzeit noch verstärkt zu haben. Auf die Frage: «Der Bund will die Vorschriften zum Eigenkapital der UBS verschärfen. Die UBS kritisiert diese, weil sie strenger seien als im Ausland. Sollte die Schweiz die Verschärfungen trotzdem vornehmen?» antworteten damals 36 Prozent mit «Ja» und 25 Prozent mit «Eher ja», während sich 12 Prozent für «Eher nein» und 9 Prozent für «Nein» aussprachen.
Haltung verstärkt sich mit Bekanntheit der Debatte
Auch YouGov Schweiz wollte zu Beginn der Umfrage wissen, ob die Teilnehmenden die Debatte verfolgt hatten, was bei 55 Prozent der Fall war.
Eine mögliche Erklärung für diese Verstärkung ist die mittlerweile höhere Bekanntheit der Debatte. In der Zwischenzeit hat der Bundesrat nämlich seinen definitiven Vorschlag verabschiedet, während die UBS mehrmals öffentlich ihren Standpunkt betont hat, zum Beispiel anhand einer Stellungnahme.
Unterscheidet man zwischen diesen zwei Gruppen, zeigt sich: Menschen, die die Debatte verfolgt hatten, haben eine deutlichere Meinung pro Verschärfung. Dieses Bild zieht sich durch praktisch alle Antworten durch. So wird von Menschen, die besser zum Thema informiert sind, auch das Systemrisiko durch die UBS als deutlich grösser eingeschätzt als von solchen, die die Debatte nicht verfolgt hatten.
Dasselbe gilt für die Regulierung: Der Aussage «Die Schweiz sollte ihre Regulierung anpassen, um zu verhindern, dass die UBS abwandert» stimmten unter den besser Informierten deutlich mehr (eher) nicht zu als bei der anderen Gruppe (45 versus 29 Prozent).
Sollte der Staat erneut zur Rettung eilen?
Die Teilnehmenden wurden zudem zur Rolle des Staates befragt. Konkret sollten sie angeben, ob der Staat die UBS (oder andere systemrelevante Banken) im Notfall erneut unterstützen sollte.
Die Angaben zu dieser Frage verteilen sich ausgeglichener auf die Antwortmöglichkeiten als bei anderen Fragen:
Immerhin ein Drittel ist dabei der Meinung, der Staat solle von einer neuerlichen Rettung absehen. Das widerspricht auf den ersten Blick dem hohen Anteil derer, die in der Riesenbank UBS ein grosses Risiko für das Schweizer Wirtschaftssystem sehen: Wenn die UBS im Notfall eine grosse Gefahr darstellt, weshalb sollte der Bundesrat dann auf eine mögliche Rettung verzichten?
Der hohe Anteil von fast 20 Prozent derer, die «Weder noch» angaben, deutet auf eine mögliche Erklärung hin: Die Hoffnung – oder die Annahme –, dass es durch verschärfte Eigenkapitalregeln zu gar keiner Rettung mehr kommen wird, schliesst für viele Umfrageteilnehmende sowohl ein «Ja» als auch ein «Nein» als Antwort aus. Mit anderen Worten: Die hohe Risikowahrnehmung geht nicht automatisch mit einer Bereitschaft zu staatlicher Unterstützung im Krisenfall einher. Stattdessen unterscheidet die Bevölkerung zwischen Prävention (strengere Regeln) und Intervention (staatliche Rettung) und steht Letzterer deutlich weniger zustimmend gegenüber.
Deutlicher Geschlechtergraben
Neben der Haltung zur «Lex UBS» fördert die Umfrage einen unmissverständlichen Geschlechtergraben zutage: Männer sind bei diesem Thema deutlich informierter als Frauen.
So hat das Geschlecht einen grossen Effekt darauf, ob sich jemand im Thema auskennt oder nicht. Unter den Frauen gab eine klare Mehrheit von fast zwei Dritteln an, die Debatte gar nicht verfolgt zu haben. Bei den Männern präsentieren sich die Zahlen hingegen fast umgekehrt.
Damit ist das Geschlecht sogar ein wichtigerer Faktor für die Bekanntheit der Debatte als der Bildungsgrad:
Dass Frauen ein geringeres Wissen in Sachen Wirtschaft, Banken und Finanzen haben, wurde bereits in früheren Studien belegt. Auch hier folgt damit die Bestätigung, dass diese Themen, ebenso wie die öffentliche Debatte in Politik und Wirtschaft, noch immer äusserst männerdominiert sind. Finanzministerin Karin Keller-Sutter bildet also die Ausnahme zur Bestätigung der Regel.
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