DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Wie Aldi und Lidl im Kampf um die Innenstädte mitmischen – und was dahinter steckt

Die deutschen Discounter Aldi und Lidl erobern immer mehr gute Innenstadt-Lagen in Bern, Zürich oder Luzern. Der Kampf um gute Standorte ist hart – und der Expansionshunger längst nicht gestillt.
19.11.2021, 06:2819.11.2021, 08:32
Stefan Ehrbar / ch media

Es ist die kleinste Filiale der Detailhändlerin, aber Aldi ist trotzdem mächtig stolz: Am Donnerstag eröffnete an der Berner Spitalgasse mitten im Zentrum der Bundesstadt der jüngste Ableger des deutschen Discounters. Zufall ist das nicht. Denn in den vergangenen Monaten haben sowohl Aldi als auch Lidl, der zweite deutsche Discounter in der Schweiz, vermehrt Filialen an bester Innenstadtlage eröffnet. Das soll so weitergehen.

Mitten in der Stadt: Neue Aldi-Filiale in Bern.
Mitten in der Stadt: Neue Aldi-Filiale in Bern.Bild: pd

Nächste Woche eröffnet Aldi ebenfalls in der Berner Innenstadt am Kornhausplatz eine weitere Filiale. Ende August hatte Aldi an der Zürcher Sihlstrasse, nur wenige Meter von der Bahnhofstrasse entfernt, eine zweistöckige Filiale in Betrieb genommen. In den Monaten zuvor öffneten neue Aldi-Läden an prominenter Lage in der Nähe des Bahnhof Baden, beim Bahnhof Vevey und in den Altstädten von Luzern und Neuenburg.

Lidl kommt in den Kreis 4

Lidl verkauft seit August in einer Filiale im traditionsreichen Warenhaus Loeb mitten in Bern seine Waren und hatte zuvor schon in Rapperswil-Jona und Locarno Filialen an Innenstadtlagen eröffnet. Wie CH Media erfahren hat und der Discounter bestätigt, steht zudem eine Eröffnung an der Badenerstrasse 190 im zentralen Zürcher Kreis 4 an.

Eine der ersten Innenstadt-Filialen: Eröffnung von Lidl in der ehemaligen Fraumünsterpost in Zürich im November 2017.
Eine der ersten Innenstadt-Filialen: Eröffnung von Lidl in der ehemaligen Fraumünsterpost in Zürich im November 2017.Bild: keystone

«Es entspricht unserer Strategie, vermehrt in Innenstädte, Ballungszentren und Stadtkerne zu gelangen mit unseren Filialen», sagt Lidl-Sprecherin Vanessa Meireles. «Unser Hauptaugenmerk liegt auf sämtlichen Schweizer Grossstädten.»

Stadt-Filialen laufen gut

Ähnlich tönt es bei Aldi. «In Bern, Lausanne, St. Gallen und Luzern sind wir inzwischen recht gut vertreten und betreiben bereits diverse Filialen an hervorragenden Lagen», teilt die Medienstelle mit. «Zulegen wollen wir vor allem noch in Genf und Zürich

Auf die«sehr erfolgreiche Expansion» in den Städten werde Aldi künftig «ein besonderes Augenmerk legen»: «Wir sind sehr zufrieden damit, wie unsere Filialen in den Städten laufen. Da ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung urban lebt und täglich viele Pendler und Reisende in den Innenstädten unterwegs sind, ist das für uns ein logischer Schritt.»

Mehr Umsatz mit Convenience-Produkten

Allerdings passen Filialen in die Innenstädten nicht zum erprobten Konzept der deutschen Discounter, die bisher vor allem in der Peripherie Läden mit vielen Parkplätzen eröffneten. Mit Verkaufsflächen von üblicherweise rund 1000 Quadratmetern müssen sie dort keine teure Umweltverträglichkeitsprüfung durchführen, das Bauland ist günstig. In der Stadt hingegen sind die Mieten hoch, die zur Verfügung stehenden Flächen kleiner und Parkplätze gibt es kaum. Welcher Logik folgt also die Innenstadt-Expansion?

Tiziana Hunziker ist Ökonomin bei der Credit Suisse und beschäftigt sich mit dem Detailhandel. «Standorte in Innenstädten erlauben es Detailhändlern, sich einem grösseren Publikum bekannt zu machen. Es wird kein Auto benötigt, um den Standort zu erreichen», sagt sie.

Normalerweise unterscheide sich das Sortiment an zentralen Lagen zudem vom traditionellen, da mehr Convenience-Güter wie Sandwiches, Burger oder Salate verkauft werden, die zum schnellen Verzehr gedacht und entsprechend etwas teurer sind. Tatsächlich bestätigt Aldi, dass das Angebot an solchen Standorten «mit einem vergrösserten Frische- und Convenience-Bereich aufwartet».

Ökonomin Tiziana Hunziker.
Ökonomin Tiziana Hunziker.Bild: zvg

Ökonomin Hunziker sagt, Lagen an solchen Standorten könnten aus einer Profitabilitätssicht deshalb speziell attraktiv sein. «Zudem können Detailhändler mit Standorten in Innenstädten den Trend zum erlebnisreichen Einkaufen aufgreifen. Sie werden mit ihren Geschäften Teil des Einkaufserlebnisses – also etwa eines Shopping-Ausflugs mit Besuch von Geschäften, Cafés, Restaurants und eben auch Lebensmittelgeschäften.»

Homeoffice hilft zentralen Läden

Die Detailhandelsexpertin sieht noch einen weiteren Grund für die plötzlich entdeckte Liebe zu den Innenstädten: der Boom des Homeoffice seit der Coronakrise. Solche Arbeitsmodelle würden auch künftig häufiger genutzt.

«Das heisst, dass Konsumenten tendenziell mehr Zeit in ihren Wohngebieten verbringen und etwas weniger unterwegs sein werden. Damit gewinnen Standorte in Wohnquartieren an Attraktivität gegenüber Lagen bei Industrie-, Büroquartieren oder Verkehrsachsen».

Allerdings sind nicht alle Innenstädte auch Wohnquartiere. Ein weiteres Problem stellt sich den deutschen Discountern bei ihren Expansionsstrategie: Migros und Coop. Insbesondere Coop ist in Schweizer Innenstädten stark vertreten, alleine im Zürcher Kreis 1 mit sieben Supermärkten, in der Berner Altstadt mit drei Filialen, in Grossbasel und der Kleinbasler Altstadt mit zwei – Formate wie Coop Pronto oder Migrolino nicht eingerechnet. In der Branche wird zudem erzählt, dass die beiden grossen Detailhändler Preise für Innenstadtlagen bezahlen, die der Konkurrenz zu hoch sind – auch aus der Motivation heraus, die deutschen Discounter fernzuhalten.

Das Duopol wankt

Darauf angesprochen sagt Lidl-Sprecherin Vanessa Meireles, die Expansion in der Schweiz sei «anspruchsvoll», die wenigen freien Verkaufsflächen seien «umkämpft». Lidl sei aber anpassungsfähig und investiere auch in Miet- und Investitionsobjekte. Seit dem Markteintritt in der Schweiz habe Lidl dafür 1.5 Milliarden Franken in die Hand genommen. Diese Investitionen flössen zu 95 Prozent zu Schweizer Dienstleistern und Produzenten.

Ganze 16 respektive 12 Jahre nach ihrem Markteintritt in der Schweiz ist die Innenstadt-Offensive für Aldi und Lidl der nächste Schritt auf dem Weg zu «normalen» Schweizer Detailhändlern. Das frühere Duopol von Coop und Migros wankt jetzt nicht mehr nur in den Industriegebieten, sondern auch unter den Lauben.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Was würdest du kaufen, wenn die Läden für 30 Tage geschlossen wären?

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Krypto-Diebstahl: Hacker stehlen 200 Millionen Dollar in Kryptos

Cyberkriminelle haben nach einer Schätzung von Sicherheitsexperten umgerechnet rund 200 Millionen US-Dollar auf der Kryptobörse Bitmart erbeutet. Die Hacker seien im Besitz eines gestohlenen Digitalschlüssels für eine sogenannte Hot Wallet gewesen.

Zur Story