Zürich investiert 150 Mio. in Lademarkt für E-Autos – Konkurrenz warnt
Wer ein Elektroauto fährt, muss sich den Namen Joya merken. Unter diesem Namen hat die Firma Energie 360 Grad per Anfang Oktober die Angebote ihrer Töchter Gofast, Swisscharge und Move gebündelt. Mit über 25'000 Ladepunkten entstand die grösste E-Mobilitätsanbieterin der Schweiz.
Energie 360 Grad gehört zu 96 Prozent der Stadt Zürich. Dass das Unternehmen den Markt mit Ladestationen zusehends dominiert, sorgte schon zuvor für Kritik von Konkurrenten wie Migrol und Electra. Sie warnen, dass die Firma dank dem öffentlichen Eigentümer strukturelle Vorteile im Wettbewerb geniessen könnte (watson berichtete).
Nun schaltet sich auch der niederländische Schnelllade-Anbieter Fastned in die Debatte ein. Sprecherin Tamara Blank sagt, da Energie 360 Grad genauso wie die städtischen Elektrizitätswerke (EWZ) der Stadt Zürich gehöre, könne sich eine vertikale Integration vom Netzanschluss und den verfügbaren Netzkapazitäten über Netzwissen und Ausbauplanung bis hin zum Betrieb der Ladeinfrastruktur ergeben. «Das wirft die Frage auf, ob unabhängige Anbieter tatsächlich unter gleichen Bedingungen Zugang zu Infrastruktur, Standorten und Anschlussmöglichkeiten erhalten.»
Wird der Wettbewerb geschwächt?
Blank weist zudem auf die Ausschreibung des Bundes für Schnellladestationen auf Autobahnen im Jahr 2019 hin. Damals gingen fünf Lose an fünf unterschiedliche Anbieter. Drei davon gehören mittlerweile zu Joya, weil die Firma seither Gofast erworben hat und Move den früheren Eigentümern abgekauft hat, den Energieunternehmen von Freiburg, Baselland und der Stadt Bern, Groupe E, Primeo und EWB. «Die ursprüngliche Absicht, durch verschiedene Anbieter Wettbewerb und Angebotsvielfalt zu schaffen, wird dadurch erheblich geschwächt», sagt Blank.
Angesichts der angekündigten Investitionen stelle sich die Frage nach der Rolle öffentlicher Mittel und Vorteile. «Ladeinfrastruktur ist kapitalintensiv und nicht überall profitabel», sagt Blank. Wenn private Anbieter investitionsbereit seien, «sollte transparent sein, weshalb eine zu 96 Prozent der Stadt Zürich gehörende Unternehmensgruppe zusätzlich ein grosses, möglicherweise defizitäres Konkurrenzangebot aufbaut».
Energie 360 Grad betont, keinen bevorzugten Zugang zu Aufträgen zu erhalten. Rechtswidriges Verhalten unterstellt Blank der Firma nicht. Es gehe um strukturelle Wettbewerbs- und Governance-Fragen, «da sich ein sehr grosser Anbieter mit enger Verbindung zu öffentlicher Infrastruktur und zum öffentlichen Eigentümer herausbildet».
Stadt beteiligt sich an 177 Firmen
Die Regierung der Stadt Zürich hat sich diese Woche zu ihren Beteiligungen geäussert. Zwar träten Energie 360 Grad und EWZ-Töchter in den Wettbewerb mit anderen nationalen und internationalen Anbietern. So betreibt etwa eine EWZ-Tochter Windparks in Deutschland, Frankreich, Norwegen und Schweden. Diese Situation sei aber «sachlich begründet», da sie «mit der Sicherstellung einer langfristigen, wirtschaftlichen und klimaverträglichen Energieversorgung sowie mit der Umsetzung der Netto-Null-Ziele zusammenhängt».
Die Stadt Zürich hält Anteile an 177 Firmen. Doch nicht bei all diesen Firmen ergeben sich Wettbewerbsprobleme. Bei den Bahnbetrieben wie der SZU etwa ist das kein Problem. Weniger klar ist die Situation beim Anteil am Flughafen Zürich, der auch im Ausland Flughäfen betreibt. Andere Beteiligungen dienen der Stadt Zürich nach eigenen Angaben als strategische Ziele: Dank dem 10-Prozent-Anteil an der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid hat die Stadt etwa Einsitz in deren Verwaltungsrat.
«Punktuelle Überschneidungen» gibt es laut der Regierung in der Kultur. So tritt das Hallenstadion, an dem die Stadt beteiligt ist, in Konkurrenz zu privaten Hallen, und städtische Häuser wie das Kongresshaus, das Theater 11 oder das Schauspielhaus konkurrieren mit privaten Anbietern. Der direkte Wettbewerb sei dort aber «begrenzt» und die Beteiligungen dienten dem vielfältigen Angebot. (schweizheute.ch)

