Migros verliert auch bei Bio-Lebensmitteln – Coop und Discounter ziehen davon
Im Osternestli liegt oft ein bemaltes Ei in Bio-Qualität. Denn Eier sind das beliebteste Schweizer Bio-Produkt, wie die Organisation Bio Suisse am Mittwoch an ihrer Jahresmedienkonferenz mitteilte. Der Marktanteil liegt hier bei 28 Prozent. «Viele Kunden überzeugt der Geschmack – und dass die Hühner Auslauf und nachhaltiges Futter bekommen», erklärt Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse.
Auch ausserhalb des Osternestlis kann Brändli erfreuliche Zahlen vermelden: Der Umsatz mit biologischen Lebensmitteln stieg 2025 um 2,8 Prozent auf 4,3 Milliarden Franken. Das ist ein neuer Rekordwert und entspricht 468 Franken pro Kopf. Zum Umsatzplus trugen mehr verkaufte Bio-Produkte bei, nicht höhere Preise. Tatsächlich hat der Preiskampf im Handel zuletzt auch die Preise im Bio-Regal gedrückt. Neben den Eiern sind Gemüse, Salate oder Kartoffeln gefragt.
Discounter mit starkem Wachstum
Treiber des Bio-Booms sind nach wie vor die beiden Detailhandelsriesen Migros und Coop. Sie stemmen einen Grossteil des Umsatzes. Deutlich zulegen konnte letztes Jahr Coop. Der Händler machte rund 4 Prozent mehr Bio-Umsatz. Ganz anders die Migros, die ihr Supermarktgeschäft neu aufgestellt hat: Die Verkäufe brachen dort um 2 Prozent ein.
Das dürfte einerseits damit zu tun haben, dass die Migros einige Dutzend Bio-Produkte neu auch in ihrer Tiefpreislinie aufgenommen hat. Andererseits konnte die Migros nicht alle bio-affinen Kunden halten. Sie wechselten zu den Discountern. Lidl etwa verkündete jüngst einen Umsatzzuwachs von 11 Prozent. Derzeit strafft die Migros ihr Sortiment und versucht, auch bei den Bio-Produkten im Supermarkt wieder mehr Übersicht zu schaffen.
Rolf Bernhard ist überzeugt, dass dies bald wieder Wachstum bringen wird. Er ist Co-Geschäftsführer von Bio Suisse. «Wir konnten der Migros bereits aufzeigen, wo wir aktuell Sortimentslücken sehen.» Zu tief in die Details möchte Bernhard nicht gehen, nennt aber zwei Bereiche mit Potenzial: Bio-Brot und Bio-Käse.
Längerfristig möchte die Organisation den Bio-Anteil am hiesigen Lebensmittelmarkt von aktuell 12,3 auf 15 Prozent steigern. Das ist ambitioniert, ist die Schweiz doch bereits mit dem aktuellen Wert Weltspitze. Dafür braucht es laut der Organisation weiter das Engagement der beiden Platzhirsche Migros und Coop. «Sie sind der Bio-Motor der Schweiz», sagt Brändli. Gleichzeitig erkennt Bio Suisse neue Geschäftsfelder: etwa in den Bereichen Gastronomie oder Convenience. Für letztere kämen etwa Bahnhöfe infrage, wo sich Reisende aktuell kaum mit Bio-Essen verpflegen können.
Um weiterzuwachsen, müssen die Bio-Lobbyisten letztlich neue Kundschaft erschliessen. «20 Prozent der Leute konsumieren bewusst, 20 Prozent ist es egal, was sie essen. Und dazwischen ist die ambivalente Masse, die wir abholen möchten», sagte Brändli.
Das bleibt eine Herausforderung. Regelmässig zeigen Studien, dass der hohe Bio-Zuschlag beim Preis für Konsumenten die grösste Hürde ist, zuzugreifen. Deshalb will Brändli vermehrt den Mehrwert von Bio erklären, also den positiven Effekt auf Gesundheit, Biodiversität oder Bodenfruchtbarkeit. «Bio ist kein Aufpreis, sondern eine Investition», heisst das dann im Marketing-Jargon.
Potenzial in Restaurants und an Bahnhöfen
Was gut tönt, lässt sich nicht so einfach in Marktanteile ummünzen. Denn aktuell stehen die Zeichen eher wieder auf Preiserhöhungen. Der Iran-Krieg könnte die Inflation auch hierzulande in die Höhe treiben. Und das könnte neue Bio-Kunden abschrecken.
Das passierte bereits nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Die Inflation zog an – und viele Konsumenten schauten die Preise im Regal wieder genauer an. Im Jahr 2022 musste Bio Suisse deshalb einen Umsatzrückgang vermelden. In den Folgejahren ging es dann wieder aufwärts. Doch im Markt fand eine sichtbare Flurbereinigung statt: Das Reformhaus musste Konkurs anmelden. Und die Migros schloss die Läden der deutschen Bio-Kette Alnatura.
Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli bleibt optimistisch, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt. Den Einbruch vor vier Jahren erklärt er auch damit, dass man nach der Pandemie mit einer Korrektur habe rechnen müssen. Gleichzeitig zieht Brändli, der seit 15 Jahren als Präsident amtet, einige Gelassenheit aus seiner Erfahrung: «Wir wurden immer mal wieder nervös, konnten aber feststellen: Längerfristig konnten wir trotz Krieg und Krisen immer zulegen.»
