Trump findet keinen Ausweg aus dem Iran: «Energiemarkt am Rande der Katastrophe»
Die Uhr tickt. «Die Energiekrise wird mit jedem Tag schlimmer», warnt Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), im Interview mit einem US-Sender. Mit jedem Tag, an dem die Strasse von Hormus geschlossen bleibt, gehen der Welt rund 13 Millionen Barrel Erdöl verloren – mehr als in den beiden Ölschocks der 1970er-Jahre zusammen. «Es ist die grösste Bedrohung für unsere Energiesicherheit in der Geschichte.»
Wie ist die Schweiz betroffen? Ökonomen der Bank Sarasin ordnen ein und skizzieren Szenarien.
Was ist passiert?
Die Energiemärkte haben lange standgehalten. Als US-Präsident Donald Trump den Iran angreifen liess, waren viele Tanker bereits gestartet und eine rekordgrosse Ölmenge befand sich auf den Weltmeeren. Doch inzwischen sind die letzten Tanker eingelaufen. Das Magazin «The Economist» warnt, dass die Kosten explodieren und Ereignisse auslösen werden, die zum Zusammenbruch des Treibstoffsystems führen. «Die Energiemärkte stehen am Rande einer Katastrophe.»
Die Zeit drängt. Der Iran hält Trump fest im wirtschaftlichen Würgegriff. Doch der denkt immer noch, er könne den Iran mit Schimpfen und Drohen befreien. Seine Berater machen ihrem Frust darüber Luft bei der Nachrichtenagentur «Bloomberg». Trumps Wutausbrüche würden verhindern, dass der Iran sich zu Gesprächen bereit erklärt. Derweil ruhen immerhin die Waffen, doch laut einem Experten der Denkfabrik CSIS gilt nach wie vor: «Kein Krieg, kein Frieden – und kein Erdöl».
Selbst wenn Trump die Befreiung in den nächsten paar Wochen gelingt, ist es in vielerlei Hinsicht schon zu spät. Die «Katastrophe» würde zwar abgewendet, nicht aber, was die Schweizer Bank J. Safra Sarasin umschreibt als einen «bedeutenden negativen Schock».
Denn die Ölindustrie wird einen langen Weg gehen müssen, um zur früheren Normalität zurückzukehren. Sehr lang sogar, bis alles wieder so reibungslos läuft wie vor Trumps leichtfertig angefangenem Krieg – laut dem IEA-Chef Birol ungefähr zwei Jahre.
Öl-Förderanlagen mussten stillgelegt werden, ihr Neustart verschlingt Wochen. Andere sind beschädigt und reparaturbedürftig. Das Öl, das transportiert werden kann, muss einige Hindernisse umschiffen: Der Iran hat Minen verlegt. Die Tanker fürchten ein Wiederaufflammen des Konflikts und meiden die Strasse von Hormus.
Das schwarze Gold
Lehrstunde über die Bedeutung von Erdöl
So wird Rohöl knapp und teurer bleiben. Bis zum Jahresende dürfte der Ölpreis bei 80 bis 90 Dollar pro Fass verharren, deutlich höher als vor Kriegsbeginn. Dadurch werden alle ölbasierten Energieträger teurer – von Benzin und Diesel über Heizöl bis zu Flugbenzin.
Und die Welt wird eine Lektion darüber erhalten, wo überall Erdöl drinsteckt. So klagt etwa der Hersteller der Filly-Spielzeugpferdchen, Acryl und Polyester seien um bis zu 15 Prozent teurer geworden und er müsse deshalb vielleicht die Preise erhöhen.
Die Preise für Flugbenzin liegen derzeit auf einem Allzeithoch, ungefähr doppelt so hoch wie letztes Jahr. Dieser Rekord wird weiter auf die Flugticketpreise durchschlagen. Alles in allem wird die Energiekrise also die Inflation ansteigen lassen.
In den USA war die Inflation schon zuvor hoch – dank Trump, der sinkende Preise versprach und historisch hohe Zölle lieferte. Ohne Zölle wären die Preise von Waren wie Autos, Möbel und Kleider im Jahr 2025 gefallen. So stiegen sie stark an. Die Konsumenten sind auch deshalb so übel gelaunt wie nie zuvor in den vergangenen 50 Jahren.
Und nun handelt Trump ihnen einen Energiepreis-Schock ein und damit für 2026 eine Inflation von 3,5 bis 4 Prozent. Eine Trump-Wählerin ärgerte sich im Nachhinein selbstironisch über ihre Wahl, als sie an einer Tankstelle auf das teure Benzin angesprochen wurde: «Anscheinend bin ich eine Idiotin!»
Die Notenbank Fed wird ihre Leitzinsen wohl dennoch nicht erhöhen, aber recht hoch belassen. Dabei hatte sich Trump von Zinssenkungen neuen wirtschaftlichen Schub erhofft, rechtzeitig zu den Wahlen im November. So wird Trump womöglich wieder tun, was er laut «Wall Street Journal» im Iran-Krieg kürzlich getan hat: «Seine Mitarbeiter anschreien, stundenlang».
Und die Schweiz?
Energiekrise als Chance
Fern von der Trumpschen Show ist die Lage eine andere in der Eurozone. Vor dem Iran-Krieg ist die Inflation stark gefallen, und die Europäische Zentralbank (EZB) konnte ihre Leitzinsen senken. Jetzt wird die Inflation wohl auf 2,4 Prozent steigen und die EZB damit zu einer Zinswende nach oben zwingen. Die Bank J. Safra Sarasin erwartet deshalb für 2026 eine Leitzinserhöhung um einen halben Prozentpunkt. Für die Schweiz bietet sich dadurch eine Gelegenheit.
Die Schweiz ist besser gegen die Energiekrise geschützt als die Eurozone, schreiben die Sarasin-Ökonomen. Der durchschnittliche Haushalt gibt nur halb so viel für Energie aus. Die Inflation steigt daher nur leicht, und die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird nicht mit einer Leitzinserhöhung reagieren müssen. Es bleibt beim aktuellen Nullzins.
Das könnte sich 2027 ändern. Die Börsen gehen davon aus, dass SNB-Chef Martin Schlegel den Leitzins dann erhöhen muss. Die Sarasin-Ökonomen sehen das anders. Ihrer Meinung nach ist die Wirtschaft nicht voll ausgelastet, das heisst, sie könnte mehr produzieren. Doch die Exporteure leiden unter dem starken Franken, der so stark überbewertet ist wie seit zehn Jahren nicht mehr. Solange das so ist, braucht die Schweiz keine höheren Leitzinsen. Der aktuelle Nullzins ist weiterhin angemessen.
So könnte die Energiekrise zu einer Chance werden. Wenn die EZB ihren Leitzins erhöht, die SNB jedoch nicht, wird der heute bereits rekordhohe Zinsabstand der Eurozone zur Schweiz noch grösser. Der Euro würde attraktiver, der Franken schwächer – oder nicht mehr ganz so überbewertet. Die Exporteure würden dann nicht mehr ganz so sehr am starken Franken leiden.
Wenn Trump jedoch nicht bald einen Ausweg aus dem Iran findet, werden die Energiemärkte den besagten «Rand zur Katastrophe» überschreiten. Trump würde sich damit zwar selbst politisch schwer schaden, doch laut einem Experten der Denkfabrik CSIS hat er sich «im Iran sein eigenes Loch gegraben und weigert sich standhaft, die erste Regel für Löcher einzuhalten: hör auf zu graben!»
Nicht teurer, sondern nicht mehr erhältlich
Der Internationale Währungsfonds hat ein düsteres Szenario durchgerechnet: Demnach würde Rohöl in den Jahren 2026 und 2027 deutlich mehr als 100 Dollar pro Fass kosten. Die Europäische Union würde einer Rezession gefährlich nahekommen. Die Inflation könnte sich der Marke von fünf Prozent annähern. «Kein europäisches Land bleibt davon verschont.»
Es würde nicht nur vieles teurer, sondern vieles gar nicht mehr angeboten – zu keinem Preis. Es wäre zum Beispiel laut IEA-Chef Birol nicht überraschend, wenn Europa «sehr grosse Probleme bei der Versorgung mit Diesel und Flugbenzin durchstehen muss» und «Flüge von der Stadt A in die Stadt B abgesagt werden». Drei Fluggesellschaften haben bereits angekündigt, sie würden Zehntausende von Flügen streichen.
Für die Schweiz skizzieren die Sarasin-Ökonomen zwei Szenarien:
- Im ersten Szenario würde der Franken sich stark aufwerten. Dies würde die Exporte zusätzlich belasten, die Inflation gefährlich schwächen und die SNB zu einer Reaktion zwingen. Wahrscheinlich würde sie den Leitzins bei null belassen und versuchen, den Franken durch Euro-Käufe zu schwächen.
- Im zweiten Szenario würde sich der Franken kaum aufwerten – und die Schweiz importiert Inflation. Dann würden auf einmal wieder Leitzinserhöhungen möglich sein. Wie so oft, hängt alles vom Franken ab.
Nach den Ölkrisen der 1970er-Jahre habe es eine strategische Antwort gegeben. Während Autos vorher 20 Liter Treibstoff für 100 Kilometer gebraucht hätten, sei der Verbrauch nach der Krise auf die Hälfte geschrumpft. «Effizienz stand im Mittelpunkt.» Eine weitere Reaktion sei damals der Ausbau der Atomkraft gewesen, fügte er hinzu.
Heute sei man auf ein Umsteuern besser vorbereitet als noch vor 50 Jahren. Die nötigen Technologien seien vorhanden, darunter erneuerbare Energien und elektrische Fahrzeuge, sagte Birol. (sda/dpa)
(aargauerzeitung.ch)

