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Die Kontiki-Bar mit dem Maskengesicht-Logo und die Züri-Bar an der Niederdorfstrasse in Zürich.<br data-editable="remove">
Die Kontiki-Bar mit dem Maskengesicht-Logo und die Züri-Bar an der Niederdorfstrasse in Zürich.
bild: watosn

«Mit der Kontiki-Bar und der Züri-Bar schliessen die letzten richtigen Kneipen» – wie das Handy die Stamm-Beiz killt 

Ende Jahr schliessen im Niederdörfli die Kontiki-Bar und die Züri-Bar. Damit sterben gleich zwei Kult-Chnellen. Rolf Vieli, der ehemalige Chef der Langstrasse, sagt, das seien die letzten Dinosaurier, vergleichbare Bars gebe es keine mehr. Ein Gespräch über die neue Geschwindigkeit im Ausgang, hohe Mietzinsen und Kaffee-Kultur als letzte Hoffnung.
30.10.2015, 08:3930.10.2015, 13:53

Rolf Vieli ist einer, der weiss, wie sich Städte verändern. Zwischen 2001 und 2011 war er der «Mister Langstrasse», machte sich mit dem Projekt «Langstrasse Plus» einen Namen. Er bekämpfte im Quartier im Auftrag der Stadt Drogen, Prostitution und beobachtet jetzt, wie das Viertel teilweise zum Szenen-Hotspot verkommt. Der Wandel der Gesellschaft kann laut Vieli an Bars abgelesen werden, nicht nur an der Langstrasse – überall. 

Die Züri-Bar gilt als älteste Bar der Stadt. Wie die Kontiki-Bar, gleich daneben, hat sie Kult-Status. Ende Jahr schliessen beide für immer. Was bedeutet das?
Rolf Vieli: In solche Bars geht man – oder besser gesagt ging man – um sich auszutauschen, etwas zu teilen, etwas zu erfahren, das man noch nicht wusste. Das ist heute seltener gefragt, deshalb sterben mit diesen zwei Bars die zwei letzten ‹richtigen Chnellen›, die es noch gab.  

Rolf Vieli
Süchtige in Hauseingängen, Prostituierte auf der Strasse, sich prügelnde Dealer. Das war im Jahr 2001 Alltag im Zürcher Kreis 4, zu dem die Langstrasse gehört. Um dagegen anzukämpfen, setzte die Stadt einen Delegierten ein. Das war Rolf Vieli, der rasch als «Mister Langstrasse» bekannt war. Als Leiter des Projekts «Langstrasse Plus» begann er, die Lebensqualität im Quartier zu verbessern. Heute ist das Gesicht des Kreis 4 ein anderes, zum Teil ist es ein Szenen-Hotspot. Vieli findet den «Chreis Cheib» immer noch einen tollen Ort, den er allerdings vor allem durch Spekulanten bedroht sieht. Es bestehe die Gefahr einer wirklichen Gentrifizierung  – wenn auch nicht im Ausmass wie im Seefeld oder der Altstadt. Trotz all den Veränderungen hofft er, dass die Identität des Kreis 4 bewahrt bleibt. (feb)

Gibt es keine anderen mehr?
​Nein, ich fürchte, das waren tatsächlich die letzten zwei. Die Olé Olé-Bar, so wie sie früher war, oder das Stray Cat an der Langstrasse, das nach 30 Jahren dieses Jahr ebenfalls schloss, das waren ähnliche Bars. Bestehende fallen mir keine mehr ein. Die Ur-Bar, die Kneipe im positiven Sinne, ist tot. Allerdings bemerke ich bei Vielen eine Sehnsucht nach solchen Treffpunkten.

«Heute sind die Menschen im Ausgang ständig ‹auf dem Sprung›. Ich sehe es den Leuten an, sie bewegen sich anders, sind unruhiger. Durch die permanente Angst, etwas verpassen zu können, lassen sie sich auf nichts mehr ein.»

Sind Bars wie das Meyer's oder die Gräbli-Bar nicht auch solche?
Das Meyer's erwacht erst, wenn alles andere geschlossen hat und ist in diesem Sinne nicht eine Bar, die von früh abends bis spät in die Nacht gut besucht ist. Und in der Gräbli-Bar verkehrt eine, sagen wir mal, etwas spezielle Kundschaft. Deshalb sind diese zwei Bars für mich nicht mit der Züri- und Kontiki-Bar vergleichbar. 

Warum sterben die Chnellen?
Die steigenden Mietzinsen, die Verdrängung durch grosse Ketten, sind Gründe. Aber es gibt noch andere. 

Welche?
Früher ging man in seine Stamm-Beiz und diskutierte dort, trank, blieb sitzen, bis sie schloss. Heute sind die Menschen im Ausgang ständig ‹auf dem Sprung›. Ich sehe es den Leuten an, sie bewegen sich anders, sind unruhiger. Durch die permanente Angst, etwas verpassen zu können, lassen sie sich auf nichts mehr ein. Die extreme Beschleunigung, die wir auch dem Handy zu verdanken haben, verändert das Ausgeh-Verhalten nachhaltig. 

Kult-Bars am Ende
Die Kontiki-Bar und die angrenzende Züri-Bar im Zürcher Niederdorf im Kreis 1 sind Kult und prägten Jahrzehnte das Nachtleben der Stadt. Man komme hier rasch ins Gespräch, bleibe oft länger als geplant, das Personal sei freundlich, berichten Stammgäste. Bald ist damit Schluss. Ende Jahr schliessen die beiden Lokale, wie Eigentümer Felix Lenz gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte. Die Gründe für die Schliessung seien «geschäftlich». Wie die Liegenschaft weiter genutzt wird, ist nicht bekannt. (feb)

Inwiefern?
Zuerst möchte ich noch rasch einschieben, dass auch das Rauchverbot zur heute herrschenden Ungemütlichkeit in Bars beiträgt. Das ständige raus- und reinspazieren, schafft zusätzlich Unruhe. Zurück aber zu Ihrer Frage: Die Welt ist heute viel schneller als noch vor wenigen Jahren. Nehmen wir zum Beispiel Filme und Musikvideos: Es ist unglaublich, wie schnell die heute geschnitten, wie viel kürzer die einzelnen Szenen sind. Dazu kommt eine Flut von Informationen, die mit dem Handy ständig abgerufen werden können. Das ganze Leben wird dadurch beschleunigt. Und so auch das Ausgeh-Verhalten. Weil wir über alle Anlässe informiert sind, wollen wir überall sein, sind aber nirgends mehr richtig. 

Wäre es in dieser von Ihnen als sehr hektisch beschriebenen Welt nicht logisch, dass sich die Menschen genau in Bars wie der Züri- und Kontiki-Bar aufhalten wollen?
Nein. Alles ist kurzlebig. Die Leute lechzen nach Neuem, suchen im Ausgang Abwechslung. Neue Bars, Restaurants oder Clubs schiessen wie Pilze aus dem Boden, andere müssen dafür schliessen. So kann sich nichts mehr entwickeln. Die Züri-Bar ist im Verlauf der Zeit zu dem geworden, was sie jetzt ist. Dafür gibt es heute keine Zeit mehr. 

Die Züri-Bar gehört zur Altstadt.<br data-editable="remove">
Die Züri-Bar gehört zur Altstadt.
bild: watson

Gibt es eine Art Ersatz zur altehrwürdigen Bar, in der man sitzen blieb?
Am ehesten Kaffeehäuser oder Cafés, wenn Sie so wollen. Dort herrscht am Tag noch eine andere, für mich angenehmere Geschwindigkeit; und gewisse von diesen haben überlebt. 

Verraten Sie uns welche das sind?
Das Casablanca gehört dazu, das Sphères, bedingt auch das Volkshaus. Und dann habe ich noch einen Geheimtipp am Limmatplatz. Den nenne ich aber nicht, sonst ist er keiner mehr. ​

Ist das Stamm-Bar-Sterben ein Zürich-Phänomen oder beobachten Sie das überall?
Zürich gehört sicher nicht zu den sogenannten Slow-Städten wie man sie etwa in Italien findet. Zusätzlich zu den Slow-Städten gibt es noch solche, in denen nebst immer neuen Bars Platz für alte bleibt. Dazu gehört Berlin oder auch München. 

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