«Ich bin arm»: So schlecht geht es den Tessinern gerade
«Certo che te ne do una, sì, sì, dai, figurati»: Kim Castelli greift in die blaue Schachtel vor sich auf dem Tisch, klaubt daraus mit seinen verrussten Fingern eine Zigarette und streckt sie dem Mann hin. «Natürlich kannst du eine haben.»
Castelli sitzt an einem Holztisch, wie es sie auch an Grillierstellen gibt. Nur dass an diesem Donnerstagabend keine Würste grilliert, sondern Suppe gekocht wird. Derentwegen kommt Castelli dreimal die Woche ins Centro Sociale Bethlehem: in die grösste Suppenküche der Stadt Lugano.
Ein warmes Gericht kostet hier sechs Franken. Wer das nicht zahlen kann, bekommt es auch für weniger. Oder gratis. Hinter der Suppenküche stehen sieben Festangestellte, 30 Freiwillige – und ein Kapuzinermönch. Bruder Martino Dotta hat das Projekt 2023 auf einem verlassenen Bauernhof am Stadtrand von Lugano aufgezogen.
Vor etwa einem Jahr ist Castelli, der als Bauarbeiter arbeitet, das erste Mal hergekommen – und seither immer wieder zurückgekehrt. «Es ist die einzige Möglichkeit, wie ich wenigstens ein bisschen Geld sparen kann», sagt der 54-Jährige, der auf Auftragsbasis arbeitet.
Was Castelli schildert, erleben derzeit viele Tessinerinnen und Tessiner: Sie geraten finanziell immer mehr unter Druck. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik ist fast jeder und jede Vierte im Tessin von Armut betroffen oder gefährdet, in die Armut zu rutschen. Zum Vergleich: Die Armutsquote in der Deutschschweiz liegt bei 7,5 Prozent.
Das Existenzminimum (Armutsschwelle) besteht gemäss dem Bundesamt für Statistik aus drei Komponenten. Erstens der von der kantonalen Sozialdirektorenkonferenz definierten Unterhaltspauschale. Zweitens der geschätzten Nettomiete. Und drittens einem Pauschalbetrat von 100 Franken monatlich pro Haushaltsmitglied über 16 Jahren.
Im Tessin liegt die Armutsschwelle für einen Zweipersonenhaushalt aktuell bei rund 38'000 Franken Haushaltseinkommen pro Jahr.
Dass das Tessin immer mehr zum Armenhaus der Schweiz wird, macht sich auch in der Suppenküche bemerkbar. 50 Plätze hat sie; kurz nach 12 Uhr sind sie vollständig belegt. Es kommen Frauen und Männer, Alte und Junge, Alleinstehende und Familien, Tessinerinnen und Ausländer. Die Suppenküche ist ein Querschnitt durch die Tessiner Gesellschaft.
Es duftet nach Gnocchi alla Bolognese und mit Pfeffer und Zitronensaft gewürzte Cime di Rapa. Es ist Essen in Restaurantqualität: Die Spieler des FC Lugano, die im Restaurant gegenüber der Suppenküche ihr Zmittag verspeisen, bekommen das Gleiche.
In den letzten drei Monaten ist die Zahl der Menschen, die hier für eine warme Mahlzeit anstehen, dramatisch angestiegen. Wurden im Dezember noch 870 Mahlzeiten ausgegeben, waren es im Januar über 1500 – über anderthalbmal so viel.
Als watson am 26. Februar zu Besuch kommt, sind es auch bereits wieder 1200 Teller, die über die Theke gingen. In der Sonnenstube der Schweiz wird es kälter.
Castellis Stundenlohn beträgt 20 Franken unter der Woche, 25 am Wochenende. Das entspricht ziemlich genau dem kantonalen Mindestlohn, den das Tessin 2021 eingeführt hat.
Castelli arbeitete jahrelang als Mechaniker in einer Autogarage. Als diese Konkurs ging, nahm ihn sein Bruder, der Mitinhaber einer Baufirma ist, unter seine Fittiche.
Ob er sich als Handwerker noch zur Mittelschicht zählt? «Nein», sagt Castelli. «Ich bin arm.» Würde er heute in Pension gehen, müsste er mit einer Rente von 1700 Franken leben, sagt er. Zum Vergleich: Die Maximalrente aus der AHV liegt bei 2520 Franken monatlich. Die Pensionskasse ist da noch gar nicht eingerechnet.
Der Mann, dem Castelli soeben eine Zigarette geschenkt hat, bleibt erwartungsvoll stehen. Er ist auch ein Besucher der Suppenküche. Castelli kennt ihn nicht. Der Mann will eine zweite Zigarette. «Hör mal, ich kann nicht», sagt Castelli und öffnet die Schachtel. Vier, vielleicht fünf Zigaretten sind noch drin. Die brauche er selbst, sagt Castelli. «Senti, non posso.»
Wie zum Beweis zündet er sich eine an. Dann sagt er: «Wenn das so weitergeht, gehe ich nach der Pensionierung nach Portugal.» Nicht, weil er dort Familie oder Freunde hätte – und auch nicht, weil es ein Sehnsuchtsort von ihm wäre.
«Ich habe gehört, dass das Leben in Portugal deutlich günstiger ist als in der Schweiz», sagt Castelli, der sein ganzes Leben im Tessin gelebt und gearbeitet hat. Eigentlich will er die Schweiz nicht verlassen. «Sie ist für mich das wunderbarste Land der Welt.»
Aktuell wird dieses Land für Menschen wie ihn aber vor allem eines: immer teurer. Die Mieten steigen genauso wie die Preise für Lebensmittel und Produkte des alltäglichen Lebens. Dazu explodieren die Gesundheitskosten, insbesondere im Tessin. Die Krankenkassenprämien sind mit durchschnittlich 500 Franken die höchsten der Schweiz – bei gleichzeitig den niedrigsten Löhnen.
Wo es keine Gesamtarbeitsverträge gibt, sind die Löhne bis zu 30 Prozent tiefer als in der Deutschschweiz. Der Tessiner Medianlohn lag 2024 bei 5700 Franken brutto pro Monat und im gesamtschweizerischen Durchschnitt bei 7000 Franken.
Castelli war 22 Jahre lang verheiratet, mit seiner Ex-Frau hat er zwei Kinder. Die Scheidung, sagt er, sei einer der Gründe, warum ihm heute das Geld fehlt. Ein anderer: gesundheitliche Probleme, die Castelli seit seinem 36. Lebensjahr begleiten.
watson hat für diesen Artikel viele Gespräche mit Fachpersonen geführt, die sich seit Jahren mit der Armut im Tessin beschäftigen. Mit dem Direktor von Caritas Ticino. Mit der Leiterin einer Beratungsstelle für alleinerziehende Eltern. Mit Kapuzinermönch Martino Dotta.
Sie alle betonen: Finanzielle Armut lässt sich in der Schweiz nicht von sozialer Armut trennen. Die Menschen, die die Suppenküche von Fra Martino aufsuchen, haben oft kein soziales Netz, das sie auffangen könnte. Sie sind allein, weil sie aus dem Ausland zugezogen sind; einsam, weil ihre Partner oder Partnerinnen schon gestorben sind; auf sich allein gestellt aufgrund von Schicksalsschlägen.
Castelli wohnt heute in einer alten 2-Zimmer-Wohnung in Bedano, etwa 15 Autominuten von Lugano entfernt. «Ich habe Glück, dass ich einen sehr freundlichen Vermieter habe.» Dieser verlange für die Wohnung 850 Franken monatlich. Marktüblich wären gemäss kantonaler Statistik etwa 1000 Franken, Tendenz steigend.
Oltre Gottardo; auf der anderen Seite des Gotthards, da ist das Leben einfacher. Findet zumindest Castelli. Seine Tochter ist 18 und macht das KV, der Sohn studiert an der Universität Lugano. Ihnen rät Castelli immer wieder:
Zwei Dinge wünscht sich Castelli von der Politik: eine Einheitskrankenkasse, die wäre günstiger, ist er überzeugt. Und griffigere Lohnkontrollen, das würde verhindern, dass statt Schweizer italienische Grenzarbeiter eingestellt würden, hofft Castelli.
Für sich selbst wünscht er sich, wieder mal wegfahren zu können. «Zuletzt in den Ferien war ich vor 15 Jahren», sagt er. In Livigno war er, in Norditalien. Schön sei das gewesen, erinnert sich Castelli: «Es täte mir wieder mal gut.»
In Italien war er seitdem nur noch, um Zigaretten zu kaufen. Sie kosten halb so viel wie in der Schweiz.
