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Die Handtasche, die beste Freundin der Frau.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Ich sass auf einem Fensterplatz, lauschte der Musik aus meinen sehr dicht schliessenden Kopfhörern und schaute aus dem Zugfenster. So bemerkte ich nicht, wie eine Frau mich wohl gefragt hat, ob sie den Platz neben mir haben könne, wo noch meine Tasche lag. 

Da ich nicht reagierte, stupste sie mich an, um auf sich aufmerksam zu machen und ihre Frage nochmals zu stellen. Ihre Körpersprache und Mimik drückte eine ziemliche Aggressivität aus. Ich habe ihr den Platz dann überlassen, was ich grundsätzlich im Zug tue, wenn man mich normal bis nett fragt. Letztlich habe ich mich aber geärgert, dass ich ihr nicht gesagt hatte, dass ich dieses Anfassen und aggressive Verhalten als unangenehm empfunden hatte. Ihre wütende Anspruchshaltung so aus dem Nichts hatte mich schon sehr genervt. Wie hätte ich reagieren können, oder finden Sie es kleinlich, das überhaupt zu beachten? Der Akt des Anstupsens war ja nicht speziell übergriffig, aber ihre sonstige Attitüde dann schon. Mein «Fehler» war schliesslich nur gewesen, sie nicht bemerkt zu haben. Wie hätten Sie sich verhalten? Sarah, 50



Liebe Sarah 

Lange habe ich mir überlegt, was ich Ihnen antworten soll. Naheliegend wäre gewesen, Sie zu trösten und zu verteidigen. Oder aber Sie zu schelten und zu sagen, dass eine Tasche nicht auf einen Sitzplatz gehört. Aber ich habe mich für die Wahrheit entschieden, auch wenn ich mich dadurch vielleicht selber in Schwierigkeiten bringen werde. Manchmal muss eine Frau Freitag tun, was eine Frau Freitag tun muss.

Wie Sie vermutlich wissen, haben die SBB ihre Ticketpreise von 2013 bis 2015 jährlich um 3 % bis 15 % erhöht. Gleichzeitig werden Preisnachlässe für Senioren, die sogenannten AHV-Rabatte, demnächst ganz von der Bildfläche verschwinden (haben eh nur genervt, die umständlichen Alten im Zug). Grund für diese Preiserhöhungen ist nicht etwa eine Investition in modernere Züge oder Toiletten, die künftig nicht mehr nur alle 2 Wochen gereinigt werden. Es werden auch keine neuen Strecken ausgebaut oder wieder Abfalleimer installiert, auch an der Infrastruktur an sich wird nicht gearbeitet, nein. Die Erhöhungen von durchschnittlich 9 % fliessen allesamt in die neue HtSt (Handtäschli-Steuer).

Mit dieser werden neuerdings verlängerte Zugkompositionen finanziert, die sich aus dem Anspruch ergeben haben, seinem Handtäschli, dem besten Freund der Frau, einen adäquaten Sitzplatz zu bieten. Die SBB hat mit dieser Neuanpassung auf eine neue Kundschaft reagiert, welche gleichzeitig anspruchsvoller und dennoch weniger betreuungsintensiv ist, als es die vormals quer subventioniert reisenden Senioren waren. Denn während man die Alten immer mal wieder an der Endstation aufwecken oder am Arm aus dem Zug heben musste, sind Handtaschen weniger autonom unterwegs und halten sich in der Regel an die Bewegung der Besitzerin. Kein Wunder, dass die SBB darum vermehrt auf diese neue Entwicklung setzt und versucht, vom Leben gegerbte Alte durch handschuhleder-weiche Taschen zu ersetzen. Mal ganz abgesehen davon, dass diese auch keine Toiletten benützen und weniger Abfälle generieren, als es im Zug picknickende Senioren in Wandergruppen tun.

Sie werden verstehen, dass die SBB diese neue Preispolitik ohne grosse Kommunikation nach aussen umzusetzen versucht. (Selbst Mitarbeiter wurden nicht über die neuen Regelungen in Kenntnis gesetzt!) Und auch ich bin nur zu dieser Information gelangt, weil ich bemerkt habe, dass ein Zugticket Zürich HB nach Bern nicht immer gleich viel kostet. Während ich einmal CHF 22.75 dafür bezahlt hatte, hatte es beim nächsten Mal CHF 27.40 gekostet und beim dritten Mal CHF 24.80. Es hat eine Weile gedauert, bis ich realisiert habe, dass sich der Preis dadurch berechnet, welche Handtasche ich am Arm baumeln habe. Meine abgewetzte Stofftasche hat dabei einen tieferen Preis errechnet als meine geliebte Ballytasche. Und am billigsten war die Reise, als ich ganz ohne Tasche unterwegs war.

Sicher haben Sie sich auch schon gewundert, warum es manchmal ganz schön lange dauert, bis das bestellte Bahnbillett ausgedruckt wird. Das hat damit zu tun, dass ein hochkomplexes System innerhalb des Automaten Ihre Tasche scannt und nach verschiedenen Kriterien einschätzt. Und wenn die Software auch imstande wäre, ein Fake-LV-Täschli vom Chaweng Beach auf Koh Samui zu erkennen, ist es trotzdem darauf programmiert, den Preisaufschlag einer echten Louis Vuitton zu berechnen. Diese Massnahme hat man ergriffen, als nach einer Retraite der SBB-Geschäftsleitung im Kloster Ittingen klar wurde, dass alles andere einer Diskriminierung, wenn nicht sogar einer besonders heiklen Form von Rassismus gleichkommen würde.

Wenn Sie in Zukunft wieder solch schlimme Erfahrungen machen müssen, dann klären Sie die aggressive Sitzplatzbeansprucherin doch bitte über diese Tatsachen auf. Es wird Zeit, dass jede Handtäschli-Besitzerin ihre Rechte kennt! Stehen wir gemeinsam auf und kämpfen Seite an Seite für die Offenlegung der neuen Preispolitik der SBB!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Fahrt! 

Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines neunjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Romeo 01.06.2014 11:32
    Highlight Highlight Freundlichkeit kostet nichts. Sich aufregen über die beschriebene Attitüde. Wie kleinlich. Warum sind wir nicht toleranter und netter zueinander? In anderen Ländern geht das. YOLO !
    • kafi 01.06.2014 16:23
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  • Ceci 31.05.2014 18:54
    Highlight Highlight Etwas Aufmerksamkeit für die Mitreisenden gehört auch beim Zugfahren dazu. Man/Frau ist ja nicht allein auf dieser Welt. Mit oder ohne Kopfhörer.
    • kafi 31.05.2014 20:07
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  • Skydiver 31.05.2014 17:10
    Highlight Highlight Was Zeitgenossen mit „sehr dicht schliessenden Kopfhörern“ in öffentlichen Bereichen gerne ausblenden: Sie sind für den Rest der Welt praktisch nicht mehr erreichbar und nicht mehr ansprechbar.

    Nicht ganz einfach dann, den Zugang zu ihrem geistigen Konzertsaal zu finden, ohne sie zu erschrecken. Im Zug. Auf der Strasse, wenn Gefahr droht, dass sie vom Tram überfahren werden. Im Hochhaus, das evakuiert wird, weil grad die Feuersbrunst wütet.

    Nett wäre, etwas minimale Erreichbarkeit offen zu lassen. Irgendwie. Notfalls halt durch einen roten Buzzer auf dem Kopf, der gedrückt werden kann, um die drohende Kommunikations-Aufnahme dezent anzukündigen.
    • kafi 31.05.2014 20:07
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  • Anita_S 30.05.2014 20:51
    Highlight Highlight Mhmm... Ich glaube, ich hätte auch "etwas" unwirsch reagiert. Sich dermassen ignoriert zu fühlen, nachdem ich höflich gefragt hatte, ob der Platz noch frei sei, ist nicht angenehm. Hätte es einen alternativen Sitzplatz gehabt, wäre ich ausgewichen, aber mich geärgert. Ansonsten hätte ich mich ebenso - mit antippen - bemerkbar gemacht. Etwas agressiver vielleicht, solche Mittel überhaupt anwenden zu müssen und ärgerlich, weil in dieser egoistischen Gesellschaft nicht an andere gedacht wird.
    • kafi 31.05.2014 20:07
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