Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Kommentar

Ist ein Jude, der antisemitische Dinge sagt, auch ein Antisemit?



Die Frage «Was ist der Unterschied zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus?» hat erwartungsgemäss zu angeregten Debatten in der Kommentarspalte geführt – und weitere Fragen aufgeworfen:

«Was soll diese Frage? Es gibt ja glücklicherweise auch noch einige israelitische [sic] Bürger, welche die derzeitige politische Führung scharf kritisieren. Diese sind ja wohl auch keine Antisemiten.»

watson-User gecko25

Das sind sie sicher nicht. Aber was ist von folgenden Zitaten zu halten?

«In der jüdischen Finanzmacht schlummern noch sehr viele ungenützte politische Kräfte.»

«Ich wehre mich sehr dagegen, dass der Holocaust dazu benutzt wird, auf die Tränendrüse zu drücken.»

«Wenn es etwas Unheimliches am Holocaust-Gedenken gibt, dann sind es die abscheulichen Vorgänge damals in Europa und vor allem in Deutschland – vor 70, 80 und 90 Jahren – und heute dieselben Anzeichen hier unter uns zu sehen.»

Das erste Zitat stammt von Theodor Herzl, dem Begründer des modernen politischen Zionismus. Das zweite von der Holocaust-Überlebenden Mira Knei-Paz. Und das dritte von Yair Golan, stellvertretender Generalstabschef der israelischen Streitkräfte. Die drei als Antisemiten zu bezeichnen, wäre absurd.

Washington, D.C., June 30, 2009 -- FEMA Administer Craig Fugate (r) and Timothy Manning, FEMA's Deputy Administrator, National Preparedness Directorate (right of the Administrator), meeting with IDF/HFC members (left to right) COL Nadav Padan, IDF Military Attache (Israeli Embassy, Washington), MG Yair Golan, Commander of IDF Home Front Command, MAJ Chezy Deutsch, IDF/HFC Director of International Relations, and COL Yariv Sandalon, IDF/HFC J-3 discussing emergency management issues. Mike Moore/FEMA

Yair Goilan ein Antisemit?
bild: Mike Moore/fema

Dennoch führte zum Beispiel die Aussage von Yair Golan am diesjährigen Holocaust-Gedenktag zu heftigen Reaktionen. Der israelische Bildungsminister und Rechtsaussen-Hardliner Naftali Bennett war im Publikum, als der hohe Militär – und Sohn von Holocaust-Überlebenden – diese Sätze sagte. Auf Twitter schrieb Bennett im Anschluss empört:

«Bevor Holocaust-Leugner sich diese falschen Worte auf die Fahne schreiben. Bevor unsere Soldaten mit den Nazis verglichen und dabei von allerhöchster Stelle unterstützt werden. Der Vize-Generalstabschef hat sich geirrt und muss das umgehend richtigstellen.»

Juden, die solche Dinge sagen, sind in den Augen Bennetts keine Antisemiten, sondern in gewisser Weise sogar schlimmer. Sie dienen den Antisemiten als nützliche Idioten: Wer Israel mit den Nazis vergleicht und deswegen als Antisemit bezeichnet wird, könne fortan auf die Nummer 2 in der israelischen Armee verweisen und sagen: «Seht her, er sagt es auch. Also kann ich kein Antisemit sein.»

Ein Widerspruch in sich ist die Vorstellung antisemitischer Juden nicht. Theodor Herzl, der in seinem Werk «Der Judenstaat» (1896) die Verachtung beschrieb, welche assimilierte Westjuden den ärmeren, der Tradition verpflichteten Ostjuden entgegenbrachten, sprach von «Antisemiten jüdischen Ursprungs».

Historisch bedeutender und bis heute im Umlauf ist der Begriff des «jüdischen Selbsthasses»: Wer Jude ist und antisemitische Dinge sagt, der hasst sich selbst, so die Logik. Zu den «selbsthassenden Juden» wurden seinerzeit zum Beispiel Karl Marx und Karl Kraus gezählt, weil sie in ihren Werken antisemitische Stereotype verwendeten. Der deutsch-jüdische Philosoph Theodor Lessing mutmasste in «Der jüdische Selbsthass» (1930), dass solche Juden nicht unbedingt in böser Absicht handeln, sondern nach all der Zeit der Anfeindung tatsächlich so empfinden:

«Welcher Seelenforscher aber weiss, ob jahrhundertelanges Herabmindern von Seelen nicht auch wirklich das Wesen der Geminderten verwandelt, so dass am Ende aller Enden alles Unrecht der Geschichte wirklich zum begründeten Unrecht, also zum Rechte wird? – Denn um Menschen in Hunde zu wandeln, braucht man nur lange genug ihnen zuzurufen: ‹Du Hund!›»

Theodor Lessing
quelle: Der jüdische Selbsthass via wikimedia commons

Bild

Theodor Lessing.
bild: pd

Die fatale Konsequenz des jüdischen Selbsthasses beurteilte Lessing (der 1933 von Nazi-Auftragskillern erschossen wurde) damals gleich wie der israelische Minister Bennett heute:

«Die Lage des jüdischen Menschen war somit doppelt gefährdet. Einmal, weil er selber auf die Frage: ‹Warum liebt man uns nicht?› antwortet: ‹Weil wir schuldig sind.› Sodann aber, weil die anderen Völker auf die Frage: ‹Warum ist der Jude unbeliebt?› nun gleichfalls antworten konnten: ‹Er sagt es selber. – Er ist schuldig.›»

Theodor Lessing quelle: der jüdische selbsthass via wikimedia commons

Der Begriff des jüdischen Selbsthasses ist allerdings auch höchst umstritten, da er von einem richtigen und einem falschen Judentum ausgeht und sich der selbsthassende Jude demnach ausserhalb des akzeptierten Judentums befindet. Verwendet wird er heute fast ausschliesslich von rechten jüdischen Hardlinern, um jüdische Linke zu verunglimpfen. Prominente Zielscheiben sind in den USA der Comedian Jon Stewart, der Philosoph Noam Chomsky und der demokratische Bewerber für das Präsidentenamt, Bernie Sanders.

«Kritische Juden als Schild gegen die Antisemitismus-Keule zu benutzen, ist keine gute Idee.»

Fazit: Es gibt Juden, die harsche Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern üben. Es gibt auch solche, die Dinge sagen, die anderen schnell den Vorwurf des Antisemitismus einbringen würden. Für dieses Phänomen, nenne man es jüdischen Antisemitismus oder jüdischen Selbsthass, gibt es verschiedene Erklärungen. Kritische Juden sozusagen als Schild gegen die Antisemitismus-Keule zu benutzen, ist keine gute Idee. Sehr durchsichtig und sehr gefährlich, wie Theodor Lessing schon vor fast 100 Jahren wusste. 

Mehr zum Thema:

Was ist der Unterschied zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus? Gibt es einen?

Link zum Artikel

Aufruf zum Völkermord in Tel Aviv? Ein verstörendes Bild und seine Geschichte 

Link zum Artikel

Ist ein Jude, der antisemitische Dinge sagt, auch ein Antisemit?

Link zum Artikel

Streit um Juso-Kampagne: Diese 8 Klischees entlarven jede antisemitische Karikatur

Link zum Artikel

Knesset beschliesst Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden

Das könnte dich auch interessieren:

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

12
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 16.08.2017 13:02
    Highlight Highlight Ich finde, in dem Artikel fehlt es an Differenzierung.

    Nicht jede kritische Aussage gegenüber einer Person oder einer Sache, die mit dem Judentum assoziiert wird, kann automatisch als Antisemitismus eingestuft werden.

    Dazu dürfen nur Aussagen gezählt werden, welche pauschalisierend und klischeehaft Juden als negativ darstellen.

    Konstruktive Kritik hingegen sollte immer möglich sein. Das hat nichts mit Hass und auch nicht mit Selbsthass zu tun, im Gegenteil: Wo es an kritischem Denken fehlt, ist der Fall in den Extremismus oft nicht weit.
  • AxelSiegler 07.07.2016 11:04
    Highlight Highlight Wo sich die Eltern für die Kinder versklaven (im Gegensatz z.B. zur muselmanischen Versklavung der Kinder gegenüber den Eltern), kommt es nunmal zu solchen Degenerationen! Der omnipräsente linke, anti-weisse Rassismus (der ja die linke Anti-Haltung gegen das -wg der europäischen, also eigenen kulturellen Prägung- als weiss wahrgenommene Israel bestimmt) ist Zeugnis genug!
  • AxelSiegler 07.07.2016 11:04
    Highlight Highlight Im Übrigen ist der Selbsthass einiger (pseudo-intellektuellen) Juden nur eine weitere Facette linker, westlicher Auto-Immunschwäche: eine nazistisch-verwöhnte Jugend rebelliert gegen die eigene, schwächliche-verweichlichte Art, die es versäumt, Autoritäten durchzusetzen: jüdischer Selbsthass ist damit nur eine (angesichts jüdischen Hyper-Intellektualismus besondere) Stilblüte des westlichen Selbsthasses - praktiziert von verwöhnt-verzogenen, im Überfluss ertrinkenden, nazistischen Bürgerkinder, die keine Grenzen gesetzt bekommen haben.
  • Habicht 17.05.2016 10:41
    Highlight Highlight Hut ab vor Yair Goilan!
    Vergleicht Yair die Juden mit den Nazis oder mit den Tendenzen die es ab 1933 gab? Es hat nicht mit dem Holocaust begonnen, es wurde immer mehr aufgeschaukelt und ein Feindbild aufgebaut.

    Israel macht das doch seit geraumer Zeit mit den Arabern und das ziemlich gut.

    Für mich sind die Ultra-Orthodoxen Juden nichts anderes als Rassisten.

    • Smeyers 16.08.2017 13:43
      Highlight Highlight Und hier haben wir bereits den ersten Judenhasser der jüdische Selbstkritik missbraucht und vermutlich noch nie mit Orthodoxen zu tun hatte oder in Israel war...
  • Tomlate 15.05.2016 23:40
    Highlight Highlight Es ist erstaunlich, dass es für Judenfeindlichkeit ein Fremdwort gibt, das allen bekannt ist.
    • Smeyers 16.08.2017 13:45
      Highlight Highlight Wen wundert es... Juden werden seit dem Mittelalter alter verfolgt. Der perfekte Sündenbock für die eigene Unfähigkeit etwas zustande zubringen.
  • Phrosch 15.05.2016 22:08
    Highlight Highlight Zwischen Selbsthass und Selbstkritik gibt es doch wohl einen Unterschied. Ich erlaube mir als Frau, Frauen - und mir selbst - gegenüber kritischer zu sein, als ich es Männern zugestehen würde. Gleiches gilt für alle Gruppen. Wenn man dazugehört, hat man eine Innensicht. Die Folge ist, dass einem Distanz fehlt, was aber auch erlaubt, Details zu sehen. Und weil man dazugehört, darf man Dinge etwas deutlicher sagen. Natürlich kann das zu weit gehen und in Selbsthass (oder Ant-xyismus) umschlagen. Aber davor gibt es legitime Selbstkritik der "eigenen" Gruppe gegenüber.
    • Stachanowist 15.05.2016 22:18
      Highlight Highlight Dito.
  • Go-away 15.05.2016 21:58
    Highlight Highlight Ich frage mich warum das Thema Antisemitismus so heikel ist, wenn jedoch über Muslime so gesprochen wird, stört das niemanden.
    • Tomlate 15.05.2016 23:34
      Highlight Highlight Schön gesagt und trotzdem recht viele Blitze.
  • Wilhelm Dingo 15.05.2016 21:28
    Highlight Highlight Ist eine Frau die frauenfeindliche Sprüche klopft frauenfeindlich? Ist ein Ausländer der ausländerfeindliche Witze macht auch ausländerfeindlich? Klar ja, oder?

Die Hockey-WM lehnt den «Eisenbahn-Deal» ab – und das ist schlicht lächerlich

Wer ein Ticket hatte, konnte gratis mit der Eisenbahn zum Eidgenössischen nach Zug reisen. Von einer solchen Förderung des ÖV wollen die Macher der Eishockey-WM 2020 in Zürich und Lausanne nichts wissen.

Klima und Umwelt waren für die Organisatoren des Eidgenössischen Schwingfestes in Zug ein sehr wichtiges Thema. Wer ein Ticket hatte, durfte an beiden Tagen von jedem Punkt der Schweiz gratis mit dem ÖV (Bahn, Bus) anreisen.

Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. OK-Chef Heinz Tännler bilanziert: «Die von uns fürs Fest zur Verfügung gestellten Parkplätze waren nie auch nur zur Hälfte belegt.» Der grösste Teil der mehr als 400'000 Festbesucherinnen und -besucher reiste am letzten Wochenende …

Artikel lesen
Link zum Artikel