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Immer mehr Menschen leben allein und in der Stadt. Microliving, das Leben auf kleinstem Raum, ist eine mögliche Antwort auf diese Veränderungen.

6 Thesen, wie wir in Zukunft wohnen werden

Wir Menschen werden immer zahlreicher, urbaner und mobiler. Als Folge davon verändern sich unsere Anforderungen ans Wohnen. Wie aber sehen die neuen Wohnformen aus?



Anna lebt mit Mann, Kindern und Schwiegereltern in einem Haus. Das war lange Zeit die übliche Wohnform. Und heute? Sven, frisch geschieden, wohnt in einem Studio. Ben hält sich als digitaler Nomade mal da, mal dort auf und Iris lebt mit Kollegen in einer ehemaligen Fabrikhalle.

Das Wohnen verändert sich in unserer Epoche so stark wie seit Beginn des Industriezeitalters nicht mehr. Zu diesem Schluss kommen Stefan Breit und Detlef Gürtler vom Think Tank Gottlieb Duttweiler Institute. In ihrer Studie «Microliving – urbanes Wohnen im 21. Jahrhundert», nennen die Autoren drei Hauptgründe für diesen Wandel:

Die Gesellschaftsstrukturen ändern sich, die Lebensentwürfe werden vielfältiger und das Alleinwohnen häufiger. In urbanen Gebieten steigt der Verdichtungsdruck und die Digitalisierung verstärkt die mobile Lebensweise. Die standardisierten Wohnungen genügten diesen Anforderungen nicht mehr, schreiben die Forscher. Das Wohnen müsse neu gedacht werden.

In sechs Thesen untersuchen sie, wie künftige Wohnformen aussehen könnten. «Uns geht es darum, dass assoziierte Diskussionen ausgelöst werden, weniger darum, ob diese Thesen tatsächlich eintreffen», sagt Stefan Breit. Für higgs klassifiziert er mit Punkten von 1 (irrelevant) bis 5 (sehr relevant), für wie wegweisend er jede der einzelnen Thesen hält.

These 1: Gemeinschaftliches Wohnen wird zur Norm

Wohnprojekte, in denen wir Räume mit Gleichgesinnten teilen, sind die Zukunft des urbanen Wohnens. Wir leben in Clusterwohnungen, in denen Grossküche und Wohnzimmer allen gehören, in Co-Living-Spaces, wo wir gleichzeitig wohnen und arbeiten, in Wohnungen mit Service, Microapartements oder Hallen, die wir nach unseren Bedürfnissen ausbauen.

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Das gemeinschaftliche Wohnen wird laut den Autoren der Studie relevanter. shutterstock/sam balye

Einschätzung:

«Das gemeinschaftliche Wohnen wird sich in den Städten durchsetzen», sagt Stefan Breit. Die überwiegende Zahl an Haushalten in der Schweiz bestehe aus einer Person – Tendenz zunehmend. «Da die Alleinwohnenden das Bedürfnis nach Gemeinschaft haben, entwickeln sich zwangsläufig neue Formen des Zusammenlebens.»

Relevanz: 5

These 2: Das Zuhause ist nur noch Basisstation

Die eigenen vier Wände werden zum Ort maximaler Privatsphäre. Hierher ziehen wir uns zurück, hier schlafen wir und duschen. Alles andere wie essen, arbeiten, sich treffen, trainieren, Dinge erleben findet ausserhalb statt. Da wir auf Service in der Umgebung angewiesen sind, gewinnt das Quartier an Bedeutung.

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Das Zuhause wird zum Transitort, in dem wir noch schlafen und duschen. pixabay/nomao saeki

Einschätzung:

«Anzeichen für diese Entwicklung sind schon heute zu sehen: Man arbeitet im Café, isst im Tram und schneidet die Fingernägel im Park», sagt Stefan Breit. Da es meist teurer ist, Leistungen ausser Haus zu beanspruchen, werden seiner Ansicht nach höchstens Alleinstehende in einem solchen Transit-Heim wohnen.

Relevanz: 3

These 3: Das Wohnen wird flexibler

Wir sind mobil und ortsungebunden. Unser Bedarf nach temporärem Wohnraum steigt. Da die bestehenden Gebäude mit dieser Dynamik nicht mithalten können, funktionieren wir ehemalige Hotelzimmer zu Wohnungen um, leben in Airbnbs, in einer Halle voller kleiner Hütten oder in Fertighäusern aus dem Internet.

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Im Trend: Ein alter Baukörper wird in Loftwohnungen umfunktioniert. unsplash/derrick mckinney

Einschätzung:

«Ich denke, dass der Zugang zu Wohnungen flexibler wird, denn das mobile Wohnen wird populärer», sagt Stefan Breit. Dass sich die total mobile Lebensweise durchsetzt, hält er aber nicht für realistisch: Der grösste Teil der Schweizer sei sesshaft. «Wenn sie umziehen, dann meist in einem Radius von 30 Kilometern.»

Relevanz: 3

These 4: Heim nach Mass dank Technologie

Roboter-Assistenten leisten uns Gesellschaft. Sie erzählen Witze, bestellen uns ein Taxi oder klären Fragen. Um uns mit anderen Menschen zu unterhalten, müssen wir die Wohnung nicht verlassen: Wir treffen uns in der virtuellen Realität. Das Wohnen wird so zu einem massgeschneiderten Erlebnis mit maximaler Bequemlichkeit. Als Folge löst sich das Heimatgefühl von der Immobilie.

Einschätzung:

«Dieses Szenario halte ich für wenig wahrscheinlich», sagt Stefan Breit. Die Gesellschaft sei momentan nicht bereit, Menschen durch Technologie zu ersetzen. «Wir wollen uns in der realen Welt mit realen Menschen beschäftigen.» Stefan Breit vermutet, dass sich eher Geräte und Hilfsmittel durchsetzen, die unseren Alltag dezent und im Hintergrund erleichtern.

Relevanz: 2

These 5: Das Wohnen wird zur Marke

Wir identifizieren uns stärker mit unserer Wohnform und suchen massgeschneiderte Antworten für eine breite Palette an Lebensentwürfen. Unsere Wohnung hat zwar noch eine Adresse mit Strasse und Hausnummer, trägt aber in erster Linie eine Marke: Wir wohnen genossenschaftlich in der Kalkbreite, günstig in der Stiftung PWG, nachhaltig in Greencity oder herrschaftlich bei WeLive.

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Das Markenwohnen gibt es schon heute, beispielsweise in der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich. genossenschaft kalkbreite zürich/volker schopp

Einschätzung:

«Diese Wohnmarken sind Ausdruck für einen Lifestyle und gleichzeitig ein Symbol für unseren Status», sagt Stefan Breit. Dass diese Wohnform sich durchsetzt, hält er für gut möglich, weil sie international tätigen Anbietern einen Wiedererkennungswert bietet: Hat jemand gute Erfahrungen mit einer Wohnmarke gemacht, bietet es sich an, den Dienst auch in einer anderen Stadt wieder in Anspruch zu nehmen.

Relevanz: 4

These 6: Wohnen führt zu Konflikten

Der Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum steigt. Darunter leidet jene Bevölkerungsschicht, die wenig gebildet und im Analogen verhaftet ist; Sie wird von den gutverdienenden, gebildeten Profiteuren der Digitalisierung verdrängt.

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Microliving, das Wohnen auf kleinstem Raum, löst das Platzproblem in den Städten, kreiert aber neue Probleme. flickr/Nicolas boullosa

Einschätzung:

Um die Spannungen zu entschärfen, wird zusätzlicher Wohnraum in Form von Microliving-Anlagen geschaffen. Diese schützen die bisherigen Bewohner vor Verdrängung. Diese Anlagen mit Wohnungen unter 30 Quadratmetern seien Lösung und Problem zugleich, sagt Stefan Breit. Denn auf absehbare Zeit sprechen sie in erster Linie digitale Nomaden und Studenten an, wodurch sich die Sozialstruktur ganzer Wohnviertel ändern könnte. Ein Argument für diese Wohnform sei allenfalls die Nachhaltigkeit.

Relevanz: 2

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33 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
wee
06.10.2019 19:48registriert August 2014
"urban living" my ass – "Man arbeitet im Café, isst im Tram und schneidet die Fingernägel im Park" – das ist nicht modern, sondern ein Penner ohne Manieren.
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Scaros_2
06.10.2019 19:47registriert June 2015
These 1: Eher sterbe ich als sowas
These 2: Eher sterbe ich als sowas
These 3: Eher sterbe ich als sowas
These 4: Durchaus - Alexa, roboter staubsauger etc. gibt es ja schon
These 5: Es ist mir vollkommen egal wer das Haus/Wohnung baut. Es muss im Budget liegen und gefallen und eine stabilität mit sich bringen.
Ich kann mit den ersten 3 Thesen nichts abgewinnen. Das Zuhause ist ein Rückzucksort an dem man Energie tanken kann und eine gewisse Stabilität ist. Wie ein Anker. Den hol ich ned jederzeit raus und platzier ihn um. Auch kann ich sharen nicht abgewöhnen. Privatsspähe braucht man.
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FrancoL
06.10.2019 20:21registriert November 2015
Man kann mit gutem Gewissen sagen, dass keines der Modelle das Wohnen der Zukunft darstellt. Es wird ein Mixed sein.
Was im Artikel viel zu wenig dargestellt wird, ist dass die Arbeit auch in Zukunft sich sehr unterscheiden wird, die einen höchst mobil die anderen eher stationär an einem Ort, die einen mit mittleren bis guten Löhnen, die anderen in prekären Verhältnissen.
Die Mobilität wird sich auch noch entscheidend ändern (müssen), was wiederum die Wohnform stark beeinflussen wird.
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