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epa07236917 People walk up to at the Silent Night Chapel on the Silent Night Square in Oberndorf, some 20 kilometers northern Salzburg, Austria, 15 December 2018 (issued 17 December 2018). The famous Christmas carol 'Stille Nacht, heilige Nacht' (Silent Night) was first sung in Sankt Nicola Church in Oberndorf on 24 December 1818. The original lyrics of the song were written in German by the Austrian priest Father Josef Mohr, born in Salzburg on 11 December 1792, and the melody was composed by the Austrian headmaster Franz Xaver Gruber. The carol, which was declared an intangible cultural heritage by UNESCO in 2011, has been translated into more than 140 languages.  EPA/CHRISTIAN BRUNA

An der Stelle der längst abgerissenen Kirche in Oberndorf steht heute die Stille-Nacht-Kapelle. Bild: EPA/EPA

«Stille Nacht» und «A Christmas Carol»: Zwei Weihnachtsklassiker feiern Jubiläum

Das berühmteste Weihnachtslied erklang erstmals vor 200 Jahren. 25 Jahre danach erschien die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Beide werden oft auf ihren sentimentalen Gehalt reduziert. Die eigentliche Botschaft geht vergessen.



Kann man sich Weihnachten vorstellen ohne «Stille Nacht, heilige Nacht»? Oder die Geschichte des üblen Geizkragens Ebenezer Scrooge, der in der Christnacht von drei Geistern zum Menschenfreund und Wohltäter bekehrt wird? Lied und Erzählung gehören zu den berühmtesten Kulturgütern, die in Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest entstanden.

Der Zufall will es, dass beide in diesem Jahr ein (halb-)rundes Jubiläum feiern können. «Stille Nacht, heilige Nacht» wurde an Heiligabend 1818 in der Kirche von Oberndorf bei Salzburg erstmals aufgeführt, also vor exakt 200 Jahren. Fast auf den Tag genau 25 Jahre danach, am 19. Dezember 1843, erschien die erste Auflage von Charles Dickens' «A Christmas Carol».

«Stille Nacht» von Bing Crosby

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Video: YouTube/christmastime4u

Die Popularität beider Werke ist ungebrochen. Kaum ein Lied wurde so oft gesungen und aufgenommen wie «Stille Nacht». Es wurde in mehr als 300 Sprachen und Dialekte übersetzt. Die Version von Bing Crosby ist die drittmeistverkaufte Single der Geschichte. Kaum ein Buch wiederum wurde so oft verfilmt wie der Dickens-Klassiker. Die BBC zählt mehr als 70 Versionen, ob als Real- oder Trickfilm, als Abwandlung oder als Parodie.

Das erstaunt nicht. Lied und Text sind herzerwärmend, sie berühren selbst nicht- und andersgläubige Menschen. Gleichzeitig werden sie zu oft auf Sentimentalität und Kitsch reduziert. Denn sowohl in «Stille Nacht, heilige Nacht» wie in «A Christmas Carol» steckt eine gesellschaftlich relevante, ja politische Botschaft. Man muss nur bereit sein, sich darauf einzulassen.

Stille Nacht, heilige Nacht

Um die Entstehung des Liedes ranken sich viele Legenden. Als gesichert gilt, dass der Hilfspfarrer Joseph Mohr den Volksschullehrer und Hobbymusiker Franz Gruber bat, ein von ihm geschriebenes Gedicht zu vertonen. Gemeinsam sangen sie es an jenem Heiligabend 1818. Mohr spielte dazu auf der Gitarre, weil die Kirchenorgel angeblich nicht funktionierte.

Bereits bei der Uraufführung sollen die Gläubigen begeistert reagiert haben. Auch dem Orgelbauer Karl Mauracher, der das Instrument in Oberndorf reparierte, gefiel das Lied. Er gab es an Tiroler Gesangsgruppen weiter, allen voran die Familien Rainer und Strasser. Sie trugen «Stille Nacht, heilige Nacht» europaweit mit Erfolg vor und brachten es bis in die USA.

Originalversion von Stille Nacht, heilige Nacht in der Abschrift von Joseph Mohr

Die Originalfassung des Liedes in der Abschrift von Joseph Mohr.

Der Ursprung verschwand dabei im Nebel. Häufig wurde es als Tiroler Volkslied bezeichnet. Die beiden Verfasser, die in der österreichischen Provinz wirkten, bekamen vom Erfolg nichts mit. Erst als der preussische König Friedrich Wilhelm IV. 1854 Nachforschungen über die Herkunft des von ihm heiss geliebten Weihnachtslieds anordnete, stiess man eher zufällig auf Franz Gruber.

Er konnte zumindest den Ruhm auskosten, im Gegensatz zu Joseph Mohr, der bereits 1848 gestorben war. Erst 1995 wurde die einzige von ihm erhaltene Abschrift des Liedes in Salzburg entdeckt. Sie entstand vermutlich zwischen 1820 und 1825 und enthält in Text und Musik deutliche Abweichungen zur heute gebräuchlichen Version.

Sie belegt auch, dass Mohr das Gedicht 1816 verfasst hatte, ein Jahr nach dem Ende der napoleonischen Kriege, die Europa verwüstet hatten. 1816 war zudem das «Jahr ohne Sommer». Nach dem gewaltigen Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien hatte sich eine Ascheschicht in der Atmosphäre ausgebreitet. Die Sonne schien nur mit halber Kraft, was in Europa Missernten und eine Hungersnot auslöste.

Die Originalversion nach der Vorlage von Joseph Mohr

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Video: YouTube/Mozartiana Classics

Joseph Mohrs Gedicht reflektiert diese schwierige Zeit und vor allem die Sehnsucht der Menschen nach Frieden. In der vierten der sechs Strophen kommt dies deutlich zum Ausdruck:

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss,
Und als Bruder Huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

Diese Botschaft wird heute oft ignoriert, weil meistens nur die erste, zweite und letzte Strophe gesungen wird. Das liegt nicht nur daran, dass die drei anderen Strophen eher holprig gedichtet sind. Im Nationalismus des 19. Jahrhunderts war diese Friedensbotschaft nicht opportun.

Ganz verschwunden ist sie nie. Das zeigte sich während des Ersten Weltkriegs im «Weihnachtsfrieden» 1914, als vorab deutsche und britische Soldaten an mehreren Abschnitten der Westfront für einige Stunden die Kämpfe einstellten, gemeinsam Weihnachten feierten und jenes Lied sangen, das in das Kulturgut aller beteiligten Länder eingegangen war.

A Christmas Carol

Joseph Mohr war nicht nur der Autor des berühmtesten Weihnachtslieds der Welt. Er war als Pfarrer auch sozial engagiert. An seinem letzten Wirkungsort Wagrain baute er eine Schule und gründete einen Fonds, der Kindern mittelloser Eltern den Schulbesuch ermöglichte. Auch dem englischen Schriftsteller Charles Dickens war das Schicksal bedürftiger Kinder ein wichtiges Anliegen.

Sein eigenes «Weihnachtslied», das auf Anhieb ein grosser Erfolg war, verstand er nicht als simple Erbauungsliteratur. Dickens verfasste es als sozialkritisches Manifest gegen die Armut und Ausbeutung von Kindern im viktorianischen England und die hartherzige Gleichgültigkeit, mit dem viele Wohlhabende diesem Missstand selbst an Weihnachten begegneten.

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Trickfilmversion von 1971. Video: YouTube/justjeff53

Verkörpert wird diese Einstellung durch den geldgierigen Ebenezer Scrooge, der Weihnachten als «Humbug» bezeichnet und zwei Spendensammler für die Armen mit der rhetorischen Frage rauswirft, ob es keine Gefängnisse und Arbeitshäuser mehr gebe. Geläutert wird er durch die drei Geister, die ihm die vergangene, gegenwärtige und künftige Weihnacht und sein trauriges Ende zeigen.

«A Christmas Carol» ist seit 175 Jahren ein Dauerbrenner. In den Londoner Theatern standen in der Jubiläums-Adventszeit mehrere Bühnenfassungen auf dem Programm, von der «klassischen» Dramatisierung über eine Musicalversion bis zur Einmann-Show. Doch auch in diesem Fall gilt: Die sentimentale Story verdeckt zu oft die wahre Botschaft.

Gerade in unserer heutigen, von Verunsicherung geprägten Zeit wäre eine Rückbesinnung auf den Kern der unsterblichen Weihnachtsklassiker angesagt. 200 Jahre «Stille Nacht, heilige Nacht» bedeuten auch 200 Jahre Sehnsucht nach Frieden. Und Gerechtigkeit für die Schwachen in der Gesellschaft ist 175 Jahre nach «A Christmas Carol» ungebrochen aktuell.

Ho! Ho! Ho! Weihnachten in aller Welt

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