Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
LONDON, ENGLAND - MARCH 03:  Leo, aged 9 months, takes part in an experiment at the 'Birkbeck Babylab' Centre for Brain and Cognitive Development, on March 3, 2014 in London, England. The experiment uses an electroencephalogram (EEG) to study brain activity whilst the baby examines different objects of varying complexity. Researchers at the Babylab, which is part of Birkbeck, University of London, study brain and cognitive development in infants from birth through childhood. The scientists use various experiments, often based on simple games, and test the babies' physical or cognitive responses with sensors including: eye-tracking, brain activation and motion capture.  (Photo by Oli Scarff/Getty Images)

Ein neun Monate altes Baby in einem englischen Versuchslabor. Bild: Getty Images Europe

Ist nun das Gehirn ein Computer oder nicht?

Das Gehirn steht heute im Mittelpunkt der Forschung. Milliarden werden etwa in das Human Brain Project investiert mit dem Ziel, das menschliche Gehirn nachzubauen. Ob dieses Ziel jedoch überhaupt erreicht werden kann, ist umstritten. Das zeigt das Buch «Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist» von Matthias Eckoldt.



Für die Griechen und die Römer war das Gehirn nicht sehr wichtig. «Der Kopf ist ein Apparat für die Sinne, der mehr oder weniger gut aussieht. Das ist alles. Ansonsten fällt er nur dadurch auf, dass er hin und wieder Schmerzen verursacht», stellt Eckoldt lapidar fest. Der Sitz der Seele war für Aristoteles & Co. das Herz.

Bild

Postulierte den «spiritus animalis»: René Descartes.

Es dauerte bis ins 16. Jahrhundert, bis die Gehirnforschung in Fahrt kam. Der Philosoph René Descartes (1569 – 1650) wies dem Geist seinen Platz im Gehirn zu, und zwar in der Zirbeldrüse. Dort siedelte er den «spiritus animalis» an. Er fliesst durch ein Rohrsystem durch den Körper und steuert ihn so.

«Wir haben in der ganzen Hirnforschung bisher keinen Einstein. Wir haben noch nicht einmal einen Newton.»

Frank Rösler

Dieser Geist wird rund hundert Jahre später durch die Elektrizität ersetzt. Luigi Galvani (1737 – 1798), Anatomieprofessor in Bologna, führt ausgedehnte Experimente mit Froschschenkeln durch, die zusammenzucken, wenn sie mit elektrischem Strom in Berührung geraten.  

Die Guillotine liefert Versuchsobjekte, aber keine Erkenntnisse

Die französische Revolution wird ihm bald grausligere Testobjekte zur Verfügung stellen. «Unter Frankreichs blutrünstigen Revolutionären läuft die Guillotine im Dauerbetrieb und liefert der Galvanischen Societät in Paris Untersuchungsgegenstände nach Belieben», schreibt Eckoldt. Die Versuche sind grässlich, aber wissenschaftlich unergiebig.  

Bild

Die Guillotine lieferte während der französischen Revolution reichlich Versuchsobjekte für die Gehirnforscher.

Im Zeitalter der Aufklärung kommt es zu einem Richtungsstreit. Die Idealisten – Immanuel Kant und Friedrich Hegel beispielsweise – halten den Versuch, den Geist im Gehirn zu lokalisieren, für sinnlos. Die Materialisten hingegen – etwa Ludwig Feuerbach oder Karl Marx – begrüssen den Vormarsch der Naturwissenschaften. Die Materialisten setzen sich durch. «Die Hirnforschung kommt im erdenschweren Materialismus an, die Philosophie hat in den Laboratorien nichts mehr zu suchen und muss der Empirie weichen», so Eckoldt.  

Der bedeutendste Gehirnforscher des 19. Jahrhunderts heisst Emil du Bois-Reymond (1818-1896). Ihm gelingt es zweifelsfrei nachzuweisen, dass in den Nerven Strom fliesst. «Damit hat der spiritus animalis endgültig ausgedient», schreibt Eckoldt. «Das bewegende Prinzip von Gehirn und Nerven heisst seit den Arbeiten von du Bois-Reymond Elektrizität und die von ihm begründete Fachrichtung Elektrophysiologie.»  

Nun kommt die Chemie ins Spiel

Dank du Bois-Reymond hat sich das Gehirn endgültig als Kommandozentrale des menschlichen Körpers etabliert. Doch die ewige Frage vom Verhältnis zwischen Gehirn und Geist kann auch er nicht lösen. Gegen Ende seines Lebens kommt er zum ernüchternden Schluss, diese Frage sei ignoramus et ignorabimus, will heissen: Wir wissen es nicht, und werden es nie wissen.  

Im 20. Jahrhundert setzen die Gehirnforscher alles daran, Du Bois-Reymond eines Besseren zu belehren. Dabei kommt ihnen zu Hilfe, dass man immer mehr über das Funktionieren der Zellen weiss. Allmählich erkennt man so nicht nur, dass Strom durch den Körper fliesst, sondern auch wie. «Dass Gehirn, so bis heute wirkmächtige Vorstellung, funktioniert nach der Art und Weise eines Chemiebaukastens, und die Hirnchemie scheint der neue Schlüssel zum Verständnis des Organs», so Eckoldt.  

Henry Markram director of the Blue Brain Project shows a mouse brain to the Swiss and Portuguese Presidents, Johann Schneider-Ammann and Marcelo Rebelo de Sousa at the Campus Biotech during Marcelo Rebelo de Sousa's State visit in Geneva, Switzerland October 17, 2016. REUTERS/Denis Balibouse

Henry Markam, Leiter des Human Brain Project, demonstriert eine Mäusegehirn. Bild: DENIS BALIBOUSE/REUTERS

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Kybernetik in der Gehirnforschung immer wichtiger. Sie verändert «die Perspektive des Forschers auf sein Objekt radikal, (...). Der Kybernetiker geht davon aus, dass sich in Rechenmaschinen und Neuronen dieselben Prozesse abspielen, da beides informationsverarbeitende Systeme sind», schreibt Eckoldt.  

Logisch zu Ende gedacht bedeutet dies: Das Gehirn funktioniert nicht nur wie ein Computer, es ist ein Computer.  

Gegen diese heute gängige Vorstellung führt der Mathematiker Kurt Gödel (1906 – 1978) ein gewichtiges Gegenargument ins Feld. Er hat erkannt, dass in jedem formalen System mathematische Sätze vorkommen, die innerhalb dieses Systems nicht beweisbar sind. Eckoldt fasst diese Erkenntnis im Bezug auf die Analogie von Computer und Gehirn wie folgt zusammen:

«Wenn also menschliches Erkenntnisvermögen einem formalen System wie dem Computer entspräche, wäre die Wahrheit mehrere Sätze, auf denen das menschliche Denken aufbaut, nicht nur ebendieses Denken zu erschliessen. Ein formales System kann somit keine erschöpfende Beschreibung der Gehirnvorgänge liefern. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Das Gehirn ist kein Computer.»

Die Quantenphysik und der Geist

Dank Magnetresonanztomographie (MRT) weiss man heute zwar sehr genau, welche Funktionen wo im Gehirn angesiedelt sind. Die ewige Fragen nach dem Verhältnis von Gehirn und Geist ist jedoch nach wie vor ungelöst. Einen interessanten Ansatz, dieses Rätsel zu lösen, liefert der Australier John Eccles. Er hat gleichzeitig Medizin und Philosophie studiert.

Bild

Dank MRT wissen wir immer besser, wo was im menschlichen Gehirn abläuft. Bild: ERIK S. LESSER/EPA/KEYSTONE

Eccles war mit dem Wiener Philosophen Karl Popper gut befreundet. Mit ihm hat er immer wieder das Leib-Seele-Problem diskutiert. Um dieses Problem zu lösen, greift Eccles auf die Erkenntnisse der Quantenphysik zurück. Anstelle der Kausalität tritt in der Quantenwelt die Wahrscheinlichkeit.    

«Ausserdem kennt die Quantentheorie den merkwürdigen Umstand, dass Wirkungen auch ohne physikalische Masse erzielt werden können», ergänzt Eckoldt. «All diese Aspekte machen die Quantenphysik für die Erklärung des unerklärbaren Verhältnisses von Geist und Gehirn äusserst attraktiv.»  

Haben wir doch eine Seele?

John Eccles ist nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch ein gläubiger Katholik. Er wendet sich gegen den starren Materialismus der Gehirnforschung des 19. Und 20. Jahrhunderts und hält selbst eine unsterbliche Seele für möglich. Auch diese These ist jedoch Spekulation.  

Die Materialisten indes gehen nach wie vor davon aus, dass die Funktionsweise des Gehirns dank MRT und immer potenter werdenden Computern dereinst entschlüsselt werden kann. Die bisherigen Erfolge sind jedoch überschaubar. «Nach einem Vierteljahrhundert Forschung mit den neuen Verfahren hat es sich als ein gewaltiger Trugschluss herausgestellt, dass man mit modernster Bildgebung dem Gehirn bei der Arbeit zusehen kann und dadurch verstehen lernt, wie es funktioniert», so Eckoldt.  

Bild

Der deutsche Hirnforscher Frank Rösler stellt deshalb resigniert fest: «Wir haben in der haben Hirnforschung bisher keinen Einstein. Wir haben noch nicht einmal einen Newton.» Immer noch gilt somit die resignierte Feststellung von Emil du Bois-Reymond: Ignoramus et ignorabimus,

Künstliche Intelligenz

Der Untergang der Menschheit beginnt mit einem Klick auf «Make Paperclip»

Link zum Artikel

Horror-Szenario «Slaughterbots»: So drastisch warnen Forscher vor autonomen Kampfrobotern

Link zum Artikel

Wenn Siri ein Miststück wäre – ein Drama in 9 Akten

Link zum Artikel

Das Mooresche Gesetz wird 50: Irgendwann werden die Maschinen schlauer als wir – was werden sie mit uns tun? 

Link zum Artikel

Keine Angst, liebe KV-Lehrlinge – deshalb werden euch die Roboter euren Job nicht wegnehmen 

Link zum Artikel

Maschinen im Bett: Wenn es uns Roboter besorgen

Link zum Artikel

So gross ist das Risiko, dass du wegen einem Roboter schon bald deinen Job los bist 

Link zum Artikel

«Eine Maschine wird niemals ein Bewusstsein haben»

Link zum Artikel

«In Zukunft werden Drohnen auch Menschen transportieren»

Link zum Artikel

Eine phantastische Reise hat begonnen

Link zum Artikel

Bauen wir eine Welt, die nicht mehr für Menschen gemacht ist?

Link zum Artikel

Wenn wir Glück haben, behalten uns die Roboter als Haustiere

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

23 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Zoya
31.12.2016 15:01registriert June 2015
Toller und sehr interessanter Artikel!
Beschreibt ziemlich gut das erste Semester Psychologie an der Uni.
Das Gehirn und dessen Funktionsweise sind extrem faszinierend. Leider werden wir wohl vieles nicht herausfinden können (jedenfalls nicht in unserer Lebensspanne).
327
Melden
Zum Kommentar
Rabbi Jussuf
31.12.2016 15:21registriert January 2016
Die Behauptungen über die alten Griechen sind etwas gar lapidar. Die wussten sehr wohl, dass man mit dem Hirn denkt. Und Aristoteles damit abzutun, dass er den Sitz der Seele im Herzen sah, ist einfach falsch. Er hatte eine sehr ausgefeilte Betrachtungsweise der Seele, die wohl wesentlich weiter ging, als die katholische Sichtweise.
294
Melden
Zum Kommentar
FrancoL
31.12.2016 15:12registriert November 2015
Irgendwie beruhigend dass das Hirn nicht einfach zu lesen ist und zur Zeit kein Computer dem Hirn gleichgestellt werden kann.
Erfreuliche Feststellung für die nächsten Jahre.
2213
Melden
Zum Kommentar
23

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel