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Sexarbeiterin Laura in der Herbertstraße auf St.Pauli. bild: watson.de / julia dombrowsky

«Die sündigste Meile der Welt» geht wieder auf – so sieht ein Besuch zu Corona-Zeiten aus

Julia Dombrowsky / watson.de



Das Tor vor der Herbertstrasse in Hamburg ist massiv und rot. Männern unter 18 Jahren und Frauen ist der Eintritt verboten, denn dahinter befinden sich die weltbekannten Bordelle der Reeperbahn. Wobei: In den vergangenen sechs Monaten hatte es hier gar nichts zu sehen gegeben – die Sexarbeiter hatten eine Corona-Zwangspause auferlegt bekommen.

Nun eröffnete die Rotlichtstrasse wieder, die Frauen dürfen nach einem Beschluss des Hamburger Senats unter Hygiene-Auflagen schon an diesem Abend ihre Arbeit wieder aufnehmen. «Wir freuen uns. Ich bin auf alle Fälle heute Abend schon dabei», sagt Sexarbeiterin Laura zu watson.

>>> Alle News zu Corona findest du im Liveticker.

Die Tore zur Herbertstrasse von innen

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bild: watson.de / julia dombrowsky

Auch der Bürgermeister von Hamburg-Mitte war zur Eröffnung da. «Wir haben ab heute wieder die Möglichkeit Prostitution in Prostitutionsstätten zu genehmigen», erklärt Bezirksbürgermeister Falko Drossmann (SPD), was nicht zuletzt dem Engagement der Sexarbeiterinnen und der Unterstützung der Bewohner des Hamburger Stadtteils St. Pauli zu verdanken sei. Sie hatten in den vergangenen Wochen mit Kunstausstellungen und Protesten um die Wiedereröffnung gekämpft, Solidarität bewiesen. Drossmann weiter: «Darauf können wir in Hamburg stolz sein.»

Dann folgten aber auch ein paar mahnende Worte zur Wiedereröffnung:

«Das, was wir heute aber wieder eröffnen, ist natürlich etwas was unter Beobachtung steht. Es ist etwas, wo uns Senat und Öffentlichkeit einen Vertrauensvorschuss gegeben haben, den wir nicht ausnutzen dürfen. Wir werden uns hier an die Regeln halten müssen, es liegt an den Damen der Reeperbahn selber, es liegt an den Kunden, es liegt an uns allen, diese Eröffnung nicht leichtfertig zu nehmen, sondern tatsächlich alle Regeln einzuhalten, die gegeben worden sind.»

Bezirksbürgermeister Falko Drossmann.

Wie diese Regeln aussehen und vor allem, wie sie in einem Gewerbe umgesetzt werden sollen, das auf Intimität und Diskretion beruht, fragen sich aber immer noch viele. Watson liess sich daher von Ingrid (Name geändert) Schritt für Schritt durch eines der umgebauten Bordelle führen. Ingrid ist seit vierzig Jahren mit der Reeperbahn verwurzelt, arbeitete selbst hier als Prostituierte und ist so etwas wie die gute Seele der Herbertstrasse.

So soll ein Bordell-Besuch unter Corona ablaufen

1. Warnschilder an den Türen

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bild: watson.de / julia dombrowsky

An den Fensterscheiben der Bordelle ist das Thema Corona nicht mehr zu übersehen. Überall hängen Hinweise zu Maskenpflicht und Desinfektion. Unter anderem steht auf den Zetteln: «Der Zutritt mit Erkältungssymptomen, Schnupfen, Grippesymptomen oder einem Gefühl von Abgeschlagenheit ist untersagt!»

«Was erlaubt ist, ist Handmassage, Oralverkehr und auch Geschlechtsverkehr, aber immer nur rücklings zum Freier.»

Ingrid zu watson

2. Plexiglas zwischen den Frauen

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bild: watson.de / julia dombrowsky

Typisch für die Herbertstrasse sind die Schaufenster, in denen die Sexarbeiterinnen sitzen, um sich dem Kunden anzubieten. Hier findet auch das erste Gespräch über geöffnete Fenster statt. Zwischen den Barhockern der Frauen ist Plexiglas angebracht, um eine Ansteckungsgefahr über Aerosole zu minimieren. «Wenn die Frauen hier sitzen, dann ohne Maske. Wenn sie aber das Fenster zum Gespräch öffnen, haben sie eine aufzusetzen und müssen auch dafür Sorge tragen, dass das Gegenüber Mund-Nase-Schutz trägt», sagt Ingrid.

«Bei warmen Temperaturen werden die Fenster auch während des Sex auf sein. Hier ist eh immer so ein Lärm mit Musik und so, das interessiert keinen Menschen.»

Ingrid zu watson

Wichtig sei vor allem, was danach käme, denn hier wird der Kunde informiert, dass die Corona-Regelungen gelten und bestimmte sexuelle Praktiken einfach nicht möglich sind. «Auch nicht mit 'Bitte, Bitte' und auch nicht mit dem Hunderter extra», stellt Ingrid klar. Ist das geklärt, wird nach der Wirtschafterin des Hauses geklingelt. Diese gibt dem Kunden einen frischen Mund-Nase-Schutz und nimmt ihn mit hinein – zur Registrierung.

3. Hier werden die Daten erfasst

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bild: watson.de / julia dombrowsky

An einem schlichten Holztisch im Hinterzimmer muss der Freier dann einen QR-Code scannen und einen Lichtbildausweis herausrücken, damit die Richtigkeit seiner Daten überprüft werden kann. Dazu sind die Sexarbeiter verpflichtet. «Das war für uns eine der höchsten Hürden», gibt Ingrid zu. Denn diese Regelung zur Nachverfolgung ist strenger, als Kunden es zum Beispiel aus der Gastronomie gewöhnt sind. «Aber das ist eben so. Wir können uns auch nicht erlauben, dass unkontrolliert ein Corona-Fall auftritt. Dann müssten ja ganze Häuser wieder für 14 Tage geschlossen werden.»

4. Auf den Zimmern waschen sich Freier und Prostituierte vor dem Akt

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bild: watson.de / julia dombrowsky

Auf dem Zimmer herrscht sowohl für den Freier als auch für die Sexarbeiterin Maskenpflicht. Die Fenster bleiben während des Akts mindestens gekippt; nachdem der Kunde gegangen ist, wird stossgelüftet, bis der nächste kommt. «Bei warmen Temperaturen werden die Fenster auch während des Sex auf sein. Hier ist eh immer so ein Lärm mit Musik und so, das interessiert keinen Menschen.»

Hände und Genitalbereiche werden bei der Ankunft am Waschbecken gesäubert, dann erst bekommt der Kunde seine Dienstleistung, allerdings unter Vorbehalt. Sextoys bleiben erstmal tabu, um Schmierinfektionen zu vermeiden. Und auch einige Sexpraktiken fallen weg. «Was erlaubt ist, ist Handmassage, Oralverkehr und auch Geschlechtsverkehr, aber immer nur rücklings zum Freier», erklärt Ingrid und macht die Stellungen vor. Das soll – zusätzlich zu den Masken – verhindern, dass sich Kunde und Sexarbeiterinnen zu stark anatmen.

Nach dem Sex müssen die Freier ihren Körper waschen und Hände desinfizieren, die Prostituierten müssen duschen; Badelaken und Handtuch, die unter dem Kunden liegen, werden bei mindestens 60 Grad Celsius gewaschen. Es klingt aufwendig, sei aber zum grossen Teil schon immer Routine in Bordellen gewesen, sagt Ingrid: «Die Frauen hier haben alle einen Mann oder Kinder, die wollen auch nicht krank werden. Klar sind wir kein OP-Saal, aber Hygiene war schon immer wichtig.»

Corona liess die Frauen zusammenstehen

Die Solidarität auf dem Kiez habe durch den Streit in Zeiten der Pandemie enorm zugenommen, erzählt Ingrid. So entstand auch die Initiative «Sexy Aufstand Reeperbahn», die weiter bestehen bleibt und Geld sammelt, um damit regelmässige Corona-Tests für die Frauen zu bezahlen. Ingrid ist stolz darauf, dass die Frauen zusammengehalten hätten, auch wenn einige von ihnen in Existenznöte geraten seien.

«Wir haben in der Corona-Zeit Angebote gekriegt, da hätten wir vor Corona von geträumt», sagt sie. «Es gibt Stammgäste, die gebettelt haben, ob wir nicht bitte eine Ausnahme machen könnten, man kenne sich doch und sie seien doch gesund und so weiter und da haben wir uns echt zusammengesetzt und gesagt: 'Nein. Keiner darf so etwas machen. Wir können nicht gemeinsam kämpfen, wenn hier einer sich nicht an die Regeln hält. Sonst wäre alles umsonst.'»

Für die Sexarbeiterinnen hat es sich gelohnt. Heute Abend gehen die roten Lichter an den Häuserfassaden der Herbertstrasse wieder an.

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37Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • landre 16.09.2020 19:52
    Highlight Highlight Bin kein Freier oder zumindest soweit noch nicht, denke aber dass mit solchen "speziell mechanischen" Regelwerken mir die Lust am Sex vergehen würde. Denke aber dass es begrüssenswert ist dass diese "human" delikate und komplexe Branche Lösungen erforscht und ausprobiert um nicht total in die Illegalität und Verdunkelung zu driften.
  • Balikc 16.09.2020 19:38
    Highlight Highlight Ich weiß nicht, warum ich nicht so richtig happy bin,
    und nach 'ner Weile kommt's mir wieder in den Sinn...
    Play Icon
  • Charlie Brown 16.09.2020 18:53
    Highlight Highlight Zwischen den Freiern wird stossgelüftet. Höhö.
  • drüber Nachgedacht 16.09.2020 18:35
    Highlight Highlight Wer will den so Sex haben...
  • c0rnfl4ke 16.09.2020 17:53
    Highlight Highlight "Männern unter 18 Jahren und Frauen ist der Eintritt verboten, denn dahinter befinden sich die weltbekannten Bordelle der Reeperbahn."

    Moment, Frauen dürfen die Reeperbahn nicht betreten?! Stimmt das wirklich oder ist das einfach am falschen Ort im Satz gelandet?
    • esmereldat 16.09.2020 21:39
      Highlight Highlight Die Reeperbahn schon, aber die Bordellenstrasse nicht. Darüber bin ich auch gestolpert, warum dürfen da Frauen nicht rein?
    • Julian_87 17.09.2020 07:32
      Highlight Highlight Du musst unterscheiden. Die Reeperbahn ist die grosse Strasse auf der viele Menschen sich tummeln, wo die Discos und die Nachtclubs sind.
      Was hier gemeint war ist die Herbertstrasse. Dort ist der Zutritt für Personen unter 18 verboten. Frauen ist soweit ich weiss der Zutritt nicht verboten, aber es passiert ganz schnell, dass man dann einen Eimer Wasser über den Kopf bekommt o.ä. Daher empfehle ich das keiner Frau.
    • Riesenpinguin 17.09.2020 08:01
      Highlight Highlight Die Hermannstraße ist eine Seitenstraße auf der Reeperbahn und der Teil, der mit diesen roten Toren begrenzt ist. Frauen werden halt sofort von den dort arbeitenden Damen angegangen, das ist einerseits historisch so gewachsen und hat andererseits mit dem Fernhalten von unerwünschter Konkurrenz und Touristengruppen zu tun.
  • Pisti 16.09.2020 17:46
    Highlight Highlight Prostitutionsstätten wieder mal was gelernt😂😂
  • Peter Wilson 16.09.2020 17:22
    Highlight Highlight «Auch nicht mit 'Bitte, Bitte' und auch nicht mit dem Hunderter extra», stellt Ingrid klar.

    Aber sicher doch...😂
  • Amarillo 16.09.2020 17:22
    Highlight Highlight Mit etwas gutem Willen ist vieles möglich. Funktioniert aber nur unter "professionellen" Bedingungen und nicht, wenn wegen illegaler Einreise oder Visavergehen die Prostitution in anonymen Wohnungen stattfindet, wie es kürzl. beim Corona-Fall an der Langstrasse zu beobachten war. In Hamburg geht man die Probleme offenbar mit mehr Pragmatismus und mit weniger Moralismus an. Die Prostituierten haben die Initiative ergriffen und sind Teil der Lösung; es sind nicht "wohlmeinende" Dritte da, die den Prostituierten erklären wollen, was gut für sie sei. Ob's wirklich funktioniert, bleibt abzuwarten.
    • who cares? 16.09.2020 17:39
      Highlight Highlight Genau, die Frauen da machen alles freiwillig und super gerne. Wer wird schon nicht gerne von einem Typen penetriert, der sonst keine findet und sich gar nicht um dich kümmert. Mehrmals täglich. Solche Arbeit muss normalisiert werden, ein Job wie jeder andere. Die psychischen Probleme und der Drogenkonsum? Alles Zufall.
    • N.Zückt 16.09.2020 18:14
      Highlight Highlight Tönt sehr gut, dazu ist mir kein Fall von illegaler Prostitution in Deutschland bekannt, trotzdem wage ich zu bezweifeln, dass es das nicht gegeben hat... in all der Zeit...
  • K1aerer 16.09.2020 17:14
    Highlight Highlight Da kann man ja gleich das ganze verbieten. Wie will man so etwas kontrollieren?!
  • Gopfidam 16.09.2020 16:48
    Highlight Highlight Wieviele verheiratete Männer wohl jetzt weniger ins Puff gehen?
  • MaximaPoena 16.09.2020 16:01
    Highlight Highlight Irrsinn im Quadrat!
  • smartash 16.09.2020 15:33
    Highlight Highlight Mal schauen ob wegen diesen Massnahmen auch Leute auf die Strasse gehen um dann gegen eine Sexdiktatur protestieren


    Und nebenbei:

    «Der Zutritt mit Erkältungssymptomen, Schnupfen, Grippesymptomen oder einem Gefühl von Abgeschlagenheit ist untersagt!»

    sollte das nicht generell gelten? Nicht nur im Bordell und nicht nur während einer Pandemie?
    • BVB 16.09.2020 23:26
      Highlight Highlight Wieso sollte man wegen einer Erkältung irgendwo den Zutritt verwehrt bekommen?
    • smartash 17.09.2020 11:46
      Highlight Highlight Gut, den Zutritt verwehren ist etwas gar heftig. Zumindest im Supermarkt und ähnlichem. Aber an einem Ort mit soviel Körperkontakt wie in einem Bordell?


      Warauf ich eigentlich hinauswollte: Es wäre sehr anständig, wenn du bei einer Erkältung Zuhause bleibst und deine Viren nicht überall verteilst
  • Hummingbird 16.09.2020 15:31
    Highlight Highlight "Männer und 18 Jahren und Frauen ist der Eintritt verboten"
    Wenn ich sowas lese, gehe ich als Frau auf die Palme. Da werden also Frauen minderjährigen Männern/Jugendlichen gleichgestellt, ausser die, die sich für Geld anbieten. Ist sowas im Zeitalter der Gleichstellung überhaupt rechtens/zulässig, Frauen den Zugang zu verwehren? Falls ja, was ist die Begründung?
    • Mario Conconi 16.09.2020 21:43
      Highlight Highlight An diesen Barrieren sind seit den 1970er Jahren Schilder angebracht, Diese Schilder wurden von der Polizei „zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“ und auf Bitten der Prostituierten angebracht. Juristisch ist die Herbertstraße allerdings ein öffentlicher Weg und darf de jure von allen betreten werden.

      In den 1970 war dise der Wunsch der Prostituierten, um zu verhindern das Frauen Ihre Ehemänner an der Herbertstrasse suchen gehen. Habe ich an einer Reeperbahnführung gelernt
    • cille-chille 17.09.2020 05:59
      Highlight Highlight Im Falle der Herbertstrasse kann ich das nachvollziehen.
      Aber schau doch mal ne Dok über den Kiez.
      Ist ja im Sinne, für die Frauen, welche dort arbeizen und soll ja auch kein Zoo sein.
    • Hardy18 17.09.2020 06:30
      Highlight Highlight Ganz einfach. Es eine ausgewiesene Strasse der Prostitution. Geh als Frau hinein und du wirst auf der Strasse deinen ungewollten Spass haben, oder auch nicht.

      Es ist ein Selbstschutz für Frauen.

      Und ja! So etwas muss es sogar noch in unserer Zeit geben, dass man von anderen Geschlechtern getrennt sein darf.
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  • I_am_Bruno 16.09.2020 15:31
    Highlight Highlight «Was erlaubt ist, ist Handmassage, Oralverkehr und auch Geschlechtsverkehr, aber immer nur rücklings zum Freier.» verstehe ich nicht. Wer ist wie rücklings zu wem beim Oralverkehr?
    • SeboZh 16.09.2020 15:40
      Highlight Highlight Das mit dem "Rücklings"wird sich ja wohl eher auf den GV beziehen 😉ansonsten haben die Damen in Hamburg evtl Skills die man nur dort findet
    • [CH-Bürger] 16.09.2020 15:46
      Highlight Highlight @Bruno
      allwä einer der Kompromisse, die eingegangen wurden (werden mussten)... 🤷🏼‍♂️
    • bokl 16.09.2020 15:50
      Highlight Highlight Rücklings gilt beim GV.
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