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Menschenhandel in der Schweiz: Kolumbianische Netzwerke in der Romandie

Immer mehr Kolumbianerinnen in der Schweiz werden Opfer von Zwangsprostitution durch hoch organisierte kriminelle Netzwerke. Das Phänomen betrifft ganz Europa.
Immer mehr Kolumbianerinnen in der Schweiz werden Opfer von Zwangsprostitution durch hoch organisierte kriminelle Netzwerke. Das Phänomen betrifft ganz Europa.

Menschenhandel statt Escort – wie Netzwerke aus Kolumbien die Schweiz überschwemmen

In der Schweiz nimmt die Zahl der Opfer von Menschenhandel durch kolumbianische Prostitutionsnetzwerke stark zu. Einige aktuelle Berichte aus Kolumbien bringen den Menschenhandel nach Europa unter anderem mit Drogenkartellen in Verbindung.
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24.04.2026, 20:2024.04.2026, 20:20
Marie Parvex

Kunden von Prostituierten kennen das Problem schon seit Jahren. «Es ist zu einer regelrechten Plage in der Westschweiz geworden», schreibt ein Mann 2023 in einem entsprechenden Online-Forum. «Auf Kleinanzeigen-Seiten gibt es Dutzende Latinas ohne jede Erfahrung oder Motivation. Am Telefon ist nicht einmal sie selbst, sondern eine Art Sekretariat, das sich als sie ausgibt und einfach zu allem Ja sagt – ohne die Wünsche überhaupt an die Escort weiterzugeben.»

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Er ist nicht der einzige Kunde in der Westschweiz, der sich über diese kolumbianischen Organisationen beklagt. Diese Entwicklung auf dem Markt ist in solchen Foren längst zu einem eigenen Thema geworden. «Geht nicht zu diesen kolumbianischen Escorts, die in Lausanne und Umgebung wie Pilze aus dem Boden schiessen», warnt ein Romand.

«Sie versprechen das Blaue vom Himmel, aber am Ende ist alles totaler Reinfall (…) Ihre Inserate sind alle gleich formuliert, von der Person, die dieses beschissene Netzwerk betreibt, und tauchen ständig in den Top 20 auf, wodurch andere Frauen kaum noch sichtbar sind (…) Man hat das Gefühl, sie haben die Region zu 80 Prozent übernommen.»
Ein Kunde aus der Westschweiz

In Wirklichkeit stecken hinter diesen international organisierten Netzwerken, über die sich manche Kunden beschweren, immer häufiger schwere Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung von Frauen. In den betroffenen Fachkreisen wird die Entwicklung mit Sorge beobachtet: Das Phänomen nimmt deutlich zu.

«In wenigen Monaten haben wir eine immer stärkere Präsenz von Netzwerken beobachtet, die Frauen aus Lateinamerika ausbeuten», erklärt Angela Oriti, Co-Leiterin von Astrée, einer Waadtländer Fachstelle für Opfer von Menschenhandel.

«Das Wachstum ist seit zwei Jahren sehr stark. Inzwischen machen diese Opfer 27 Prozent unserer Klientinnen aus, und wir haben gezielt spanischsprachiges Personal eingestellt.»

Callcenter-Tricks und Airbnb-Wohnungen

Zwei Fälle haben kürzlich die Gerichte beschäftigt. Im Januar 2025 stand in Lausanne ein Paar wegen Menschenhandels vor Gericht. Es ging um 19 Opfer ohne Aufenthaltsstatus, von denen nur drei Anzeige erstatteten. An der Spitze dieses Netzwerks, das 11 Wohnungen in Sion, Martigny und Lausanne gemietet hatte, stand eine Frau kolumbianischer Herkunft – genau wie ihre Opfer.

Sie selbst war zuvor jahrelang in Lausanne ausgebeutet worden, nachdem sie in jungen Jahren in die Schweiz gekommen war. Wie 24 heures damals berichtete, handelte es sich um den ersten Prozess im Kanton Waadt im Zusammenhang mit einem kolumbianischen Netzwerk.

Im Februar 2026 verhandelte das Gericht in Martigny einen ähnlichen Fall. Angeklagt wurde eine kolumbianische Frau und ihr portugiesischer Partner. Wie im Waadtländer Fall war die junge Frau nach Europa gekommen und hatte zunächst selbst als Prostituierte gearbeitet, unter der Kontrolle eines Chefs, der 50 Prozent ihrer Einnahmen einbehielt, um die Infrastruktur des Netzwerks zu finanzieren. Später begann sie, Landsfrauen ohne Aufenthaltsstatus zu rekrutieren und zu organisieren, im Schnitt etwa acht Frauen gleichzeitig. Sie schaltete erotische Anzeigen auf, koordinierte Callcenter-Mitarbeitende in Kolumbien und mietete mehrere Wohnungen in Lausanne, Neuchâtel, Fribourg und Montreux, wie Le Nouvelliste damals berichtete.

Auf den ersten Blick wirken sie wie kleine Organisationen, geführt von Paaren oder Familien. In Genf sagt Guillaume Carnegie, Kommunikationsverantwortlicher bei der Kantonspolizei, es handle sich um «kleine Netzwerke, die oft aus dem Ausland gesteuert werden und teilweise miteinander verknüpft sind».

«Mobil und reaktionsschnell passen sie ihre Arbeitsweise laufend an, um der Polizei und Justiz zu entgehen.»
Kantonspolizei Genf

Diese kolumbianischen Netzwerke haben jedoch oft ähnliche Strukturen: Sie mieten Wohnungen, häufig über Airbnb, organisieren Callcenter und schalten Anzeigen teils aus Spanien oder Kolumbien, rekrutieren Frauen in prekären Situationen mit falschen Versprechen und kassieren rund 50 Prozent ihrer Einnahmen.

Diskretion und Anonymität im Internet
Diese kolumbianischen Netzwerke nutzen gezielt die Möglichkeiten des Internets für die Rekrutierung: über Kleinanzeigen, Webcam-Kontakte oder die Anonymität und einfache Vermietung von Plattformen wie Airbnb. Generell stellt die Bundespolizei Fedpol fest, dass diese Entwicklung die Ermittlungen deutlich erschwert. «Die Ausbeutung findet seltener auf der Strasse oder in klassischen Etablissements statt und verlagert sich zunehmend in private Wohnungen, Airbnb-Unterkünfte oder sogenannte Escort-Dienste, bei denen die Opfer an einen vereinbarten Ort gebracht werden. Das erschwert die Identifizierung der Betroffenen durch traditionelle Kontrollen», so die Behörde.

Extrem gefährliche Netzwerke

Die Fälle, die vor Gericht landen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Viele Opfer leben in Angst, werden bedroht und sagen deshalb nie aus. «Diese Netzwerke sind offenbar sehr gefährlich, und Strafanzeigen sind entsprechend schwierig – insbesondere wegen des Risikos von Vergeltungsmassnahmen gegen Familienangehörige im Herkunftsland», erklärt Angela Oriti.

«Nach den Informationen, die uns vorliegen, sind diese Netzwerke auch im Drogenhandel aktiv. Einige Opfer wurden während der Ausbeutung sogar zum Konsum von Drogen gezwungen.»
Angela Oriti, Co-Direktorin von Astrée

Doch wer sind diese Menschenhändler überhaupt? Ihre zunehmende Präsenz wird in vielen Schweizer Städten beobachtet, etwa in Zürich, Lausanne oder Genf. Laut Berina Repesa, Sprecherin des Fedpol, ist dieses kriminelle Phänomen in der Schweiz seit dem Ende der Covid-Phase verstärkt aufgetreten.

«Wir beobachten immer mehr Opfer von Menschenhandel aus Kolumbien und vermuten dahinter organisierte kriminelle Strukturen. Die Betroffenen stammen häufig aus Städten wie Cartagena oder Medellín.»
Berina Repesa, Sprecherin Fedpol

Opfer in ganz Europa

Diese Netzwerke gibt es in ganz Europa. Zahlreiche Ermittlungen in Frankreich, Spanien oder Deutschland zeigen immer wieder das gleiche Muster: Airbnb-Wohnungen, Callcenter im Ausland, standardisierte Abläufe. Eine wirklich präzise Analyse der Strukturen hinter dieser Ausbeutung fehlt bislang jedoch. Vermutlich auch deshalb, weil diese Form von Kriminalität mit Ziel Europa noch relativ neu ist.

Diana Villegas ist Juristin und Kriminologin am Institut de criminologie de Paris und stammt ursprünglich aus Kolumbien. Sie ist erst vor wenigen Wochen auf dieses kriminelle Phänomen gestossen. «Ich frage mich, ob es Überschneidungen zwischen Drogenhändlern und Menschenhändlern gibt», sagt sie und kündigt an, der Sache genauer nachzugehen.

Arbeiten die Netzwerke mit der Mafia zusammen?

Menschenhandel gehört in Kolumbien zu den am stärksten zunehmenden Delikten. Das Land verfügt zwar über eine staatliche Beobachtungsstelle für Menschenhandel, die Forschungsprojekte zu diesem Thema präsentiert. Aktuelle Berichte sucht man dort allerdings vergeblich.

Laut eines Dokuments auf der Website der kolumbianischen Polizei, das auf Informationen von vor 2010 basiert, haben diese Menschenhandelsnetzwerke meist einen familiären Kern.

«Es ist also möglich, dass die Gruppe selbst nicht besonders komplex organisiert ist, aber mit stärker strukturierten Netzwerken zusammenarbeitet – etwa mit den Triaden oder den japanischen Mafiaorganisationen, den Yakuza –, um ihre kriminellen Aktivitäten in einem Drittland umzusetzen.»
Bericht 2010, veröffentlicht von der kolumbianischen Polizei

Neuere Hinweise gibt es aus Kolumbien selbst: Im Februar 2024 reiste das Office français de protection des réfugiés et apatrides ins Land. Dabei wurde festgestellt, dass Frauen, die sich in den grossen Städten prostituieren – was mit dem Tourismus-Boom zugenommen hat –, oft Räumlichkeiten «bei kriminellen Netzwerken mieten müssen, die teils von aktiven oder ehemaligen Polizisten geführt werden».

Oder mit Drogenhändlern?

Was internationale Menschenhandelsnetzwerke betrifft, sind sie laut demselben Office français de protection des réfugiés et apatrides «in Mexiko, Peru, Chile, der Dominikanischen Republik, aber auch in Europa aktiv, wo kolumbianische Staatsangehörige einen wachsenden Anteil der Opfer und der Beschuldigten ausmachen (…) Die in Spanien ansässigen Netzwerke steuern und kontrollieren die Aktivitäten der Frauen vollständig und schicken sie in andere europäische Länder wie die Niederlande, Belgien und Frankreich. Diese Strukturen können von aktiven oder ehemaligen kolumbianischen Polizisten geführt werden, die teilweise Verbindungen zu den Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) haben, einer paramilitärischen Drogenorganisation, die als terroristisch eingestuft wird.»

Diese Verbindungen zu Drogenkartellen, terroristischen Organisationen und teils auch zu Polizeinetzwerken werden auch in einem Jahresbericht von 2024 erwähnt, der auf der Website der US-Botschaft in Kolumbien veröffentlicht wurde.

«Man weiss, dass mehrere illegale bewaffnete Gruppen – darunter terroristische Organisationen wie die FARC, die ELN (…) sowie der Clan del Golfo – in Regionen aktiv sind, in denen besonders verletzliche Menschen ausgebeutet werden können. (…) Laut einer 2023 veröffentlichten Untersuchung betreiben Tren de Aragua, eine internationale kriminelle Organisation aus Venezuela, und die ELN Menschenhandelsnetzwerke in der Grenzstadt Villa del Rosario.»
Jahresbericht 2024 zum Menschenhandel, US-Botschaft in Kolumbien

Die Organisation Tren de Aragua, die 2010 entstanden ist und unter anderem im Drogenhandel aktiv ist, ist auch dafür bekannt, Opfer von Menschenhandel in andere Länder der Region zu verschieben.

Auch wenn die Netzwerke des Menschenhandels nach Europa bislang nur wenig erforscht sind, zeichnen diese Berichte ein beunruhigendes Bild – und liefern mögliche Erklärungen dafür, warum viele Opfer in Angst leben. Eingebunden in scheinbar familiäre Strukturen, könnten sie am Ende in den Händen von Drogenkartellen oder sogar terroristischen Organisationen landen.

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192 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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sinkflug
24.04.2026 21:00registriert Juli 2020
«Auf Kleinanzeigen-Seiten gibt es Dutzende Latinas ohne jede Erfahrung oder Motivation», schreiben also die "Kunden". sprich "Freier". Dass diese Frauen offensichtlich Opfer von Menschenhändlern sind, interessiert sie anscheinend nicht - sie beschweren sich lediglich, weil die Servicequalität nicht stimmt. Diese Gleichgültigkeit ist einfach erschreckend. Was für eine Welt.
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Pointless Piraña
24.04.2026 21:03registriert Dezember 2019
Ah, der Service ist das Problem. Nicht der Menschenhandel.
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Schlaf
24.04.2026 20:26registriert Oktober 2019
Das praktische bei uns ist halt, dass man das Geld relativ unkompliziert gleich noch waschen kann..
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