Intime Fotos gegen Geld: Wie Jeffrey Epstein Frauen in der Schweiz «unterstützte»
Seit der Veröffentlichung der 3,5 Millionen Seiten der Epstein-Files kommen täglich neue Verbindungen und Skandale von Jeffrey Epstein ans Licht. «Le Temps» fand nun mehrere Beweise dafür, dass der Straftäter mit seinem Reichtum mehrere Frauen in der Schweiz über Jahre hinweg finanzierte – jedoch nie ohne Gegenleistung.
Die Hinweise legen nahe, dass der amerikanische Milliardär das Studium von jungen Frauen an verschiedenen Schweizer Bildungseinrichtungen bezahlte. Die Frauen waren laut der Tageszeitung alle volljährig und stammten vorwiegend aus Russland und Osteuropa. Mit der finanziellen Hilfe von Epstein bezahlten sie Sprachkurse, studierten an der berühmten Musikschule Conservatoire della Svizzera Italiana in Lugano oder an renommierten Hotelfachschulen in Montreux. Einige bekamen auch die Möglichkeit, einflussreiche Menschen in der Modeindustrie zu treffen, woraus sie sich eine Modelkarriere versprachen.
Doch diese Generosität kam nie ohne Preis. Im Gegenzug verlangte Epstein regelmässig freizügige Fotos der Frauen oder forderte, dass sie ihn mit anderen Frauen in Kontakt brachten. In den Unterlagen sprach Epstein dabei immer von «Freundinnen» oder «Assistentinnen».
«Le Temps» konnte nun mehrere dieser Beziehungen nachverfolgen.
Der Fall von Sylvia*
Der erste Fall wurde bereits im Jahr 2009 dokumentiert. Im Juli 2009 wurde Jeffrey Epstein nach einer 18-monatigen Haftstrafe wegen Anstiftung zur Prostitution und Verführung Minderjähriger aus dem Gefängnis entlassen. Im Oktober des selben Jahres wurde dann eine E-Mail-Antwort an eine Frau dokumentiert, die von «Le Temps» Sylvia* genannt wird. Wie die Zeitung recherchierte, handelte es sich dabei um eine ehemalige Balletttänzerin, die um das Jahr 2010 in Genf gelebt hatte. Datiert ist die Antwort von Epstein auf Sylvias Anfrage am 14. Oktober 2009, die lautete: «Was kostet der Französischkurs, den du gefunden haben? Hast du mir eine Freundin besorgt?»
Daraufhin folgten zehn Jahre von immer herzlich wirkendem Austausch. In dieser Zeit bezahlte er Sylvia* einen Französischkurs, schickte ihr Geld zur Geburt ihres Kindes, bezahlte eine Massageausbildung in Paris und machte sie mit dem Model-Agenten Jean-Luc Brunel bekannt. Erst 2019 brach der Kontakt ab. Dies, nachdem Jeffrey Epstein wegen Menschenhandels mit Minderjährigen und Verschwörung zum Menschenhandel mit Minderjährigen angeklagt worden war.
Der Fall von Elena*
Neben Sylvia* gab es aber noch weitere Frauen, die Epstein zwischen 2009 und 2019 finanziell unterstützte. 2013 suchte etwa eine 23-Jährige Epsteins Hilfe. So hatte sie gerade ein Doppelmasterstudium am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen und der Universität Genf begonnen. Sie konnte sich jedoch die Studiengebühren von über 40'000 Franken nicht leisten. «Le Temps» nennt diese Frau Elena*. Laut der Zeitung ist Elena* heute 37 Jahre alt und eine ehemalige russische Athletin, die an den Olympischen Winterspielen teilnahm. Sie gilt als eine Schlüsselfigur in Jeffrey Epsteins Netzwerk.
So trafen sich Elena* und Epstein bereits 2011 in Paris im Luxushotel Ritz. Nach dem Treffen schrieb Elena* eine E-Mail an den Straftäter und meinte: «Wie du gewünscht hast, habe ich dich gegoogelt. Vielleicht sind junge Mädchen deine Leidenschaft, so wie Snowboarden meine ist. Jedenfalls habe ich keine Angst.»
Auf Anfrage von «Le Temps» an Elena* antwortete ihr Anwalt und stellte sie als ein «Opfer von Epstein» dar. Zudem schrieb er, dass Elena* das extrem traumatische Kapitel ihres Lebens hinter sich lassen und keine weiteren Kommentare abgeben wolle.
Wie die Unterlagen aber zeigen, hielt der Kontakt zwischen Elena* und Epstein ebenfalls bis 2019 an. Der Hauptzweck bestand dabei darin, dass Elena* dem amerikanischen Millionär im Gegenzug zu finanzieller Unterstützung regelmässig neue junge Frauen vorstellte. Dazu gab es eine eindeutige E-Mail von Elena* mit dem Titel «3 Kandidatinnen».
Doch diese drei Profile waren nicht die einzigen, die Elena* Jeffrey vermittelte. «Le Temps» beschreibt auch die Fälle von vielen weiteren Frauen. Eine davon vermittelte Elena* zur Zeit, als sie in Zürich bei der Privatbank LGT tätig war. Gegenüber Epstein beschrieb sie sie als «die schönste russische Assistentin in Zürich».
Der Fall von Aiste*
Eine weitere wichtige Figur war laut der Zeitung die sogenannte Aiste*, eine Violinistin aus Osteuropa. Sie schickte Epstein 2015 die Rechnung für die Studiengebühren der renommierten Musikschule Conservatoire della Svizzera Italiana in Lugano. Laut E-Mails, die online einzusehen sind, nahm sie auch an einem Essen in Epsteins Haus teil, zusammen mit dem Filmemacher Woody Allen. Aiste* gehörte so später zu Jeffrey Epsteins engstem Kreis. Wie Le Temps schreibt, hat Aiste* keine ihrer Fragen beantwortet. Sie liess jedoch über ihren Anwalt ausrichten, dass sie zu Jeffrey Epsteins Opfern gehöre und von ihm schwer missbraucht worden sei.
Aiste* war eine der Frauen, die für die Unterstützung von Epstein mit Fotos bezahlten. So soll der Milliardär sogenannte «Fotos des Tages» gefordert haben. Es handelte sich um eine unausgesprochene Vereinbarung, bei der der Amerikaner besonders unerbittlich agierte. So gibt es Texte, die zeigen, wie Epstein sofort einschritt, wenn er seine Fotos nicht bekam: «Erklär mir, warum du unsere Vereinbarung nicht eingehalten hast», liest man etwa.
Wenn junge Frauen sich dem ehemaligen amerikanischen Finanzier widersetzten und die Vereinbarungen nicht einhielten, wurde der Kontakt abgebrochen. So etwa endete die Beziehung zwischen Epstein und einem Model, dem er 2011 versprach, sie der Victoria's Secret in New York vorzustellen. Das Model lernte er über eine seiner anderen Frauenkontakte kennen. Epsteins Assistentin wollte daraufhin ein Treffen mit ihr in ihrer Wohnung organisieren. Als sich die junge Frau jedoch weigerte, nach New York zu reisen, verärgerte dies den Millionär, der daraufhin das Treffen mit Victoria's Secret absagte.
Der Fall von Karyna Shuliak
Der letzte dokumentierte Fall, in dem Epstein einer jungen Frau eine Ausbildung in der Schweiz finanzierte, war im Jahr 2019. Diese war Karyna Shuliak. Die Belarussin war die letzte Freundin von Epstein vor seinem Tod. Shuliak wollte für einen sechswöchigen Sommerkurs vom 16. Juni bis 26. Juli 2019 die Villa Pierrefeu in Glion, Waadt, besuchen. Epstein bezahlte die Studiengebühren von 34'000 Franken.
«Le Temps» fand dazu Shuliaks Anmeldeformular an der Villa Pierrefeu in den öffentlichen Files. Darauf ist zu sehen, dass sie die Frage «Wie haben Sie von der Schule erfahren?» mit dem Namen «Ariane de Rothschild» beantwortete. De Rothschild zählt zu den Persönlichkeiten, die zwischen 2013 und 2019 den engsten Kontakt zu Jeffrey Epstein hatten. Auf die Anfrage der Tageszeitung antwortete ein Sprecher der Villa Pierrefeu, dass es nie eine direkte oder indirekte Verbindung zu Epstein gab.
Karyna Shuliak schloss ihre Ausbildung in Montreux jedoch nie ab. Der Grund dafür war die Festnahme von Epstein durch das FBI am 6. Juli 2019 in New York. Shuliak reiste nach New York und kehrte nur nach Montreux zurück, um ihre persönlichen Sachen abzuholen. Drei Tage später wurde Jeffrey Epstein tot in seiner Zelle aufgefunden. Er vermachte Karyna Shuliak 100 Millionen Dollar.
*Namen von «Le Temps» übernommen, diese wurden von der Zeitung geändert.
