Bundesrätin kuscht vor den Homöopathen: Rückfall ins geistige Mittelalter
Die Homöopathie ist ein Relikt aus alter Zeit, das nicht totzukriegen ist. Es handelt sich um eine 200 Jahre alte alternativmedizinische Disziplin, die geprägt ist von magischen Ideen, wissenschaftlichen Widersprüchen und einer gehörigen Portion Aberglauben.
Die Lehre von den Zuckerkügelchen Globuli enthält nämlich vier Grundprinzipien, die allesamt den Naturgesetzen widersprechen. Sie sind deshalb nicht kompatibel mit dem Gesundheitsgesetz. Trotzdem können Ärzte mit einer Zusatzausbildung homöopathische Therapien und Globuli seit 2012 mit den Krankenkassen abrechnen.
Gesetz verletzt
Somit verletzt der Bundesrat die Bestimmungen des Gesundheitsgesetzes mutwillig. Denn Arzneimittel müssen über den Placeboeffekt hinaus wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein, um zugelassen zu werden.
Den jüngsten Akt in dieser Politkomödie hat kürzlich die Gesundheitsvorsteherin Elisabeth Baume-Schneider inszeniert. Als vor zwei Jahren ein Homöopathie-Skeptiker eine Eingabe machte, nahm sich die Bundesrätin dem Thema an.
Doch nun enthüllte der «Tages-Anzeiger», dass sie die Untersuchung still und leise begraben hat. Sie realisierte offenbar, wie sensibel und konfliktträchtig das Thema ist, weshalb sie kalte Füsse bekommen hat.
Eine wichtige Rolle spielte dabei die Ärztevereinigung FMH. In ihrer Stellungnahme zuhanden des BAG schrieb sie, die Homöopathie erfülle die notwendigen Kriterien und sei deshalb unumstritten. Ein Hohn. Unterschrieben hat das fünfseitige Papier FMH-Präsidentin Yvonne Gilli. Pikant dabei: Die Ärztin ist selbst Homöopathin.
Dass sich die Ärztevereinigung für die Homöopathie ausspricht, ist ein Affront. Wie können Ärztinnen und Ärzte, die auf Kosten der Steuerzahler wissenschaftlich ausgebildet worden sind, diese krude Disziplin guten Gewissens befürworten, unterstützen und anwenden?
Die Bundesrätin stützte sich auf die Stellungnahme einer Homöopathin
Tatsächlich hat die Stellungnahme von Yvonne Gilli den Entscheid von Bundesrätin Baume-Schneider beeinflusst. Der «Tages-Anzeiger» schreibt dazu: «Die Argumente des BAG lesen sich in weiten Teilen wie ein Kondensat der Stellungnahme, die die Ärzteverbindung FMH im Zuge der Umstrittenheitsabklärung eingereicht hat.»
In einem Interview wurde Gilli früher darauf hingewiesen, dass es keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit der Homöopathie gebe. Sie wich der Frage aus und antwortete, es fehle das Geld für die Forschung.
Mit Verlaub, Frau Gilli: Seit 200 Jahren versuchen Homöopathen, die wissenschaftliche Evidenz zu erbringen. Erfolglos. Ausserdem gibt es Firmen, die sich mit homöopathischen Tinkturen und Globuli eine goldige Nase verdienen. Diese könnten sehr wohl Untersuchungen finanzieren. Sie lassen es aber wohlweislich bleiben, weil sie genau wissen, dass sich die angebliche Wirksamkeit nicht beweisen lässt.
Ausserdem gibt es seit vielen Jahren einen Lehrstuhl an der Universität Zürich zur Alternativmedizin, die Forschung betreibt. Bisher ebenfalls ergebnislos.
Man muss Yvonne Gilli und der FMH die wissenschaftliche Redlichkeit absprechen: Wenn eine Methode vier grundlegende wissenschaftliche Prinzipien verletzt, gibt es nichts zu forschen. Dann gehört sie von der Krankenkassenliste gestrichen.
Übrigens: Das BAG hätte sich bei seiner Antwort auf umfangreiche Untersuchungen von Ländern wie England, Holland, Frankreich oder Australien abstützen können. Diese Länder haben wie andere die Homöopathie bereits teilweise oder ganz von der Leistungsliste gestrichen.
Deutsche Ärzte sind gegen die Homöopathie
Der ehemalige deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach sagte einst, die Homöopathie sei wirkungslos: «Die Grundlage unserer Politik muss die wissenschaftliche Evidenz sein.» Er ergänzte, den Klimawandel könne man ja auch «nicht mit Wünschelruten bekämpfen».
Die bayerische Landesärztekammer kippte mit grosser Mehrheit die Homöopathie von der Weiterbildungsordnung. Seither ist die Zusatzbezeichnung «Homöopathie» für Ärzte gestrichen. Der Sprecher des homöopathiekritischen Netzwerks sagte nach der Abstimmung, es sei ein «Erdrutschsieg für die Patientensicherheit».
Welches sind nun die vier Konzepte, die der Homöopathie-Gründer Samuel Hahnemann vor 200 Jahren erkannt haben will? Seine zentrale Theorie lautet, dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werden könne.
Ein Beispiel: Als Hahnemann seinen Patienten das hochgiftige Schwermetall Thallium verabreichte, stellte er fest, dass ihnen die Haare ausfielen. Das brachte ihn auf die glorreiche Idee, bei Haarausfall Thallium in verdünnter Form zu verschreiben. Eine lebensbedrohliche Therapie.
Endloses Verdünnen der Tinkturen
Der zweite Irrtum betrifft die Verdünnung. Homöopathen verdünnen ihre Wirksubstanzen so oft, bis nur noch wenige oder keine Moleküle mehr in den Tinkturen oder Globuli enthalten sind. Das nennen sie Potenzierung. Homöopathen behaupten allen Ernstes, durch eine Verdünnung der Wirksubstanz erhöhe sich der Heileffekt. Das ist der wissenschaftliche Irrtum Nummer drei.
Wie erklären Homöopathen die abenteuerliche These der Verdünnung? Durch das Verschütteln und Verdünnen der Wirksubstanz nehme die Trägerlösung ihre Informationen auf und hätten somit quasi ein Gedächtnis. Damit sitzen sie der vierten Irrlehre auf.
Auch diese These ist wissenschaftlicher Unsinn. Bei diesem Phänomen müsste die Ausgangssubstanz in die Molekülstruktur der Verdünnungslösung eingreifen. Ein solcher chemischer Prozess ist unmöglich. Sonst wäre unser Trinkwasser, das seit Millionen von Jahren im Kreislauf ist, längst vergiftet, weil es mit unzähligen gefährlichen Flüssigkeiten in Berührung gekommen ist.
Ohne Wirkung keine Nebenwirkung
Das führt zum nächsten Widerspruch: Wenn sich beim Verdünnen nach homöopathischer Methode die Wirkung verstärken würde, müssten auch die Nebenwirkungen heftiger ausfallen. Doch die Homöopathen sind stolz darauf, dass Globuli nebenwirkungsfrei seien. Nur: Wenn die Tinkturen keine Wirkung haben, können auch keine Nebenwirkungen entstehen.
Vollends kurios und unglaubwürdig wird die Homöopathie, wenn man ihre «Wirksubstanzen» anschaut. Dazu gehören unzählige Extrakte aus Blausäure, Zyankali, Kot des Pottwals, Hundekot, Kakerlaken, Speichel der Aga-Kröte, Gallensteine, Bettwanzen, Auspuffgase eines Dieselfahrzeuges, Galle des Braunbären, Kuhmist, Witwenspinnen, Hoden, Eierstöcke und viele weitere gruselige Dinge.
Homöopaten sind Fundamentalisten. Sie klammern sich verzweifelt an das Wort von Hahnemann, egal, wie absurd seine Theorien sind. Deshalb sind bis heute keine Modifikationen an seinem Konzept vorgenommen worden, um die schlimmsten Irrtümer zu eliminieren.
Verdünnen – ein Segen für Alkoholiker?
Zum Schluss noch ein paar Gedanken zum Verdünnen und Potenzieren. Würden die beiden Aspekte funktionieren, wären sie ein Segen für Alkoholiker. Die Süchtigen könnten einen Tropfen Schnaps in einer Lösung so lang verdünnen und verschütteln, bis kaum mehr ein Molekül vorhanden wäre.
Dann müssten sie nach der hahnemannschen Theorie schon nach einem Schluck stockbesoffen sein. Ihre Leber, ihr Portemonnaie und ihre Angehörigen würden zu einem Freudentanz ansetzen, und der Staat könnte auf die teure Prävention verzichten.
Nur: Würde das Potenzieren funktionieren, müsste die Tinktur mindestens 500 Prozent Alkohol enthalten. Das wäre zumindest für die Schnapsbrenner ein Sechser im Lotto.
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