Gesellschaft & Politik
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Interview mit Martina Imfeld von gfs.bern

«Stark muslimfeindliche Einstellungen haben zugenommen»

Eine neue Studie zeigt: Jede vierte Person in der Schweiz ist systematisch fremdenfeindlich. Dafür geht die Muslimfeindlichkeit zurück – zumindest die leichtere Form davon. Martina Imfeld, Politikwissenschaftlerin beim Forschungsinstitut gfs.bern sagt, wieso. 

Je 1000 Schweizer und 700 Ausländer gaben in den Jahren 2010, 2012 und 2014 in «Face-to-Face»-Interviews Auskunft zu ihrer Einstellung gegenüber anderen Nationalitäten, Muslimen und Juden. Nun liegen die Ergebnisse der vom Innendepartement beim Forschungsinstitut gfs.bern in Auftrag gegebenen Pilotstudie vor.

Politikwissenschaftlerin und Projektleiterin Martina Imfeld erklärt die Resultate. 

martina imhof, gfs bern

Zur Person

Martina Imfeld leitete die beim Forschungsinstitut gfs.bern durchgeführte Studie «Zusammenleben in der Schweiz». Imfeld ist Politik- und Sozialwissenschaftlerin und analysiert Themen in den Feldern Politik, Image, Rassismus, Jugend, Familien und Mittelschicht. (rar)

Frau Imfeld, jede vierte Person in der Schweiz legte 2014 eine systematisch fremdenfeindliche Haltung an den Tag. Hat Sie das überrascht? 
Martina Imfeld: 
Nicht wirklich. Der Prozentsatz hat seit 2010 sogar etwas abgenommen, um 6 Prozent. Unsere Zahlen zeigen aber, dass rassistische Haltungen einigermassen stabil bleiben. Die Zahlen veränderten sich über die Jahre nur geringfügig. 

Das heisst, wer Rassist ist, bleibt Rassist? 
Auf individueller Ebene kann man das natürlich nicht sagen, dazu müssten wir andere Daten erheben. Unsere Zahlen zeigen aber, dass der Anteil der in der Schweiz lebenden Personen mit rassistischer Einstellung einigermassen stabil bleibt.   

«Im Untersuchungszeitraum haben die stereotypen Einstellungen abgenommen, also dass Muslime als aggressiv oder frauenfeindlich wahrgenommen werden.» 



Woher kommen rassistische Einstellungen?
Die stärksten Einflussfaktoren neben Fremdenfeindlichkeit am Arbeitsplatz sind eigene Diskriminierungserfahrungen, die Erfahrung von psychischer Gewalt und die eigene Haltung zu aktuellen politischen Forderungen rund um die Migration. Der letzte Faktor erklärt auch die Schwankungen, beispielsweise bei der Muslimfeindlichkeit. 

Inwiefern? 
Die Muslimfeindlichkeit hat 2014 im Vergleich zu 2010 und 2012 stark abgenommen. 2010 lag sie bei 45 Prozent, 2014 bei 19 Prozent. Die erste Befragung fand im Frühling 2010 statt und dürfte noch unter dem Eindruck der aufgeheizten politischen Stimmung der Minarettinitiative gestanden haben. 

Die wichtigsten Resultate der Studie

Die Studie zum «Zusammenleben in der Schweiz» zeigt, dass 24 Prozent der in der Schweiz lebenden Personen eine systematisch fremdenfeindliche Einstellung haben. 2010 waren es noch 30 Prozent. 
Eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit zeigt sich offenbar am Arbeitsplatz: Bei der letzten Befragung im Mai 2014 gaben 27 Prozent an, es spiele für sie eine Rolle, welcher Nationalität die Arbeitskolleginnen und -kollegen angehörten. Vier Jahre davor waren es erst 18 Prozent. 
Der Anteil der Personen mit antisemitischen Einstellungen blieb relativ stabil und lag 2014 bei 11 Prozent. Dafür nahmen die muslimfeindlichen Einstellungen zwischen 2010 und 2014 ab. (rar/sda)

Politische Debatten beeinflussen also die Muslimfeindlichkeit. 
Ja, ganz klar. Sie entwickelt sich dynamisch mit. Nach dem Streit um die Minarettinitiative nahmen vor allem die stereotypen muslimfeindlichen Einstellungen wieder ab, also dass Muslime beispielsweise als aggressiv oder frauenfeindlich wahrgenommen werden. Starke muslimfeindliche Einstellungen haben allerdings eher zugenommen, also die härtere Form der Muslimfeindlichkeit: Befragte, die keine Muslime in der Schweiz oder ihnen die Religionsausübung verbieten wollen.

«Die Schweizer sind allerdings rassistischer als die Ausländer und frappant muslimfeindlicher.» 

Warum machen Pegida und das «Charlie Hebdo»-Attentat sich nicht in den Zahlen 2014 bemerkbar? 
Wahrscheinlich würden sich diese Ereignisse in den Zahlen widerspiegeln. Die letzte Befragung fand aber im Frühling 2014 statt. Pegida und das Attentat in Paris kamen später. 

In Ihrer Studie befragten sie auch jeweils 700 in der Schweiz lebende Ausländer. Wie rassistisch sind die Ausländer? 
Die Auswertungen zeigen, dass Schweizer und Ausländer ungefähr gleich häufig über eine antisemitische Einstellung verfügen. Die Schweizer sind allerdings rassistischer als die Ausländer und frappant muslimfeindlicher. Beide beurteilen das Problem des Rassismus aber etwa als gleich gross. 

Ist es nicht schwierig, Menschen in «Face-to-Face»-Interviews dazu zu bringen, ihre rassistische Einstellung zuzugeben? 
Natürlich kriegt man auf die Frage «Sind Sie ein Rassist?» niemals ein «Ja» als Antwort. Unser Fragebogen bestand aber aus über 100 Einzelfragen, die wir auf systematische Weise gruppierten. Eine Einstellung stuften wir erst dann als rassistisch oder antisemitisch ein, wenn jemand mehrmals und systematisch entsprechende Einzelaussagen gemacht hat. Um über 100 Fragen seine rassistische Einstellung konsequent zu verschleiern, müsste man schon sehr gewitzt sein. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 13.02.2015 14:39
    Highlight Highlight Wenn gewisse Kreise von Rassismus reden, dann meinen sie, dass andere Menschen ihre Vorstellungen akzeptieren sollen, weil sie es als richtig beurteilten. Diese Weltoffenheit bezieht sich damit auf die Menschen anderer Kulturen aber impliziert eine Intoleranz gegenüber Mitmenschen.
    Da es jedem Menschen frei steht sich das Land,in dem er leben möchte auszusuchen,kann er auch die Länder meiden, wo er seine Lebensvorstellungen nicht realisieren kann.
    Bedeutet konkret,dass z. B. ein Muslim, der die Relogion über weltliche Gesetze stellt hier nicht willkommen ist,da hier andere Spielregeln gelten.
  • Adonis 13.02.2015 13:47
    Highlight Highlight Bei Gott oder Allah!!!!!! Wen wundert das?

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