Schweiz
Sackgasse Sparen

Doppelverdiener-Haushalt kann trotz 12'000 Franken Lohn nicht sparen

Serie Sackgasse Sparen
«Natürlich könnten wir verzichten»: René J.* übers Sparen.Bild: watson
Sackgasse Sparen

Trotz Doppelverdiener: «Haben so wenig gespart, dass wir die Steuern in Raten abzahlen»

Fast jede zweite Person in der Schweiz sagt, sie könne kein Geld auf die Seite legen. Auch bei René J.* ist das der Fall. Warum er nicht sparen kann, hat viel mit seiner Lebensgeschichte zu tun.
18.01.2026, 04:5618.01.2026, 10:44

Als Kind lag René J.* manchmal wach und dachte an den Fernseher. Nicht an seine Lieblingsserie. Sondern an den Moment, in dem jemand klingelt – und das Ding mitnimmt. Betreibungen und Pfändungen gehörten in seiner Familie zum Alltag wie das gemeinsame Frühstück. «Ich habe das lange für normal gehalten», sagt er.

Heute verdient René durchschnittlich gut. Er arbeitet Vollzeit als Webentwickler. Zusammen mit seinem Partner kommen sie netto auf rund 12’000 Franken im Monat. Und trotzdem sagt er:

«Wir haben so wenig auf der Seite, dass wir zum Beispiel die Steuern in Raten abzahlen.»

René gehört zur Hälfte der Schweizer Bevölkerung, die nicht sparen kann. Doch bei ihm hat das damit zu tun, dass das Geld früher immer knapp war.

Die Armut realisiert

René wuchs in einem Sozialbau auf. «Working Poor» war seine Familie, sagt er heute. Doch als Kind realisierte er das nicht. Er hatte nie Hunger und auch tolle Spielzeuge, die ihm sein Götti schenkte.

Erst in der Lehre merkte er, wie gross der Abstand zu anderen sein kann. In der Berufsschule traf er auf Gleichaltrige, die die Kreditkarte ihrer Eltern fürs Mittagessen dabeihatten. Die in Villen wohnten. René hatte 60 Franken pro Woche, fertig.

Serie «Sackgasse Sparen»
Geld auf die Seite legen zu können, wird immer schwieriger – auch in der Mittelschicht. Repräsentative Umfragen zeigen: Fast jede zweite Person in der Schweiz kann nicht sparen. In dieser Kurzserie erzählt watson die Geschichten von drei Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die kein finanzielles Polster anlegen können. Teil 1: Claudia, die für ihre Kinder verzichtet. Teil 2: Wie die Jugend spart – oder nicht. Teil 3: Melanie, deren Lohn für zwei reichen muss. Teil 4: René, Doppelverdiener ohne Sparmodus.

In dieser Zeit entstand sein Plan: fertig mit dem Rechnen und raus aus dem Leben, in dem man jeden Franken umdrehen muss. «Ich schwor mir, nie mehr so leben zu müssen», sagt er.

«Saldo zu klein»

René zog direkt nach der Lehre aus und tat, was er schon so lange wollte: Er kaufte Dinge. Viele. Computer, TV, Gadgets, Games. Das meiste auf Raten. In seinem Kopf manifestierte sich ein Satz, den er zwar von seinen Eltern gelernt hatte, man aber in keiner Budgetberatung findet: Erst ab der dritten Mahnung wird es problematisch.

So ging das einige Jahre. Je mehr Lohn er verdiente, desto mehr Geld gab er aus. Es kam sogar vor, dass er an der Kasse bezahlen wollte und die Karte nicht funktionierte: «Saldo zu klein».

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Wollte nicht mehr jeden Rappen umdrehen müssen: René J.Bild: watson

Heute sagt er: «Zum Glück ist das lange her.» Seit Jahren bezahlt er alles sofort. Ratenkäufe hat er gestrichen. Und doch bleibt das Grundmuster: Was reinkommt an Geld, geht auch wieder raus.

Auch sein Partner passt in dieses Muster, aber aus einem anderen Grund. Er kannte das Gegenteil: eine Familie, die sich vieles leisten konnte – zumindest bis das Vermögen weg war. Bei René war Kaufen eine Überkompensation. Bei seinem Partner war Kaufen eine Gewohnheit. Zusammen wurde es fast schon ein Lifestyle.

Wofür überhaupt sparen?

Die Fixkosten klingen überschaubar: Das Paar zahlt rund 2200 Franken Miete, ein geleastes Auto für etwa 400 Franken, Krankenkassenprämien für um die 900 Franken. Der Rest verschwindet in sogenannten Alltagsausgaben wie Ausgehen, kleinen Spontanitäten, Dingen, die – wie René sagt – «gluschten».

Er betont: «Wir kaufen sorgenfrei ein.» Was sich nach Komfort anhört, hat auch einen Nebeneffekt: Für ein finanzielles Polster reicht es nicht.

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«Wir kaufen sorgenfrei ein»: René achtet beim Essenseinkaufen nicht explizit auf günstige Produkte. Bild: watson

Andere fragen sich, wie sie ohne Erspartes ruhig schlafen können. René kennt die Logik hinter der Regel, drei Monatslöhne auf der Seite zu haben. An der Umsetzung scheitert er aber – und oft auch am Willen dazu. «Natürlich könnten wir verzichten», sagt er. «Wir könnten jeden Monat mehrere tausend Franken sparen und würden überleben.» Doch das Paar stellt sich eine andere Frage: wofür?

Kinder wollen sie keine. Sich ein Eigenheim leisten zu können, fühlte sich für beide nie realistisch an. Erst beim Thema Alter wird René nachdenklich. Sie haben eine dritte Säule, zahlen aber nicht voll ein. «In der Politik tut sowieso jeder so, als stehe die AHV kurz vor dem Aus», sagt er. Die Hoffnung, im Alter den Lebensstandard weiterführen zu können, tendiere gleich null.

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René sagt, er rechne nach der Pensionierung mit Ergänzungsleistungen – und empfindet das im Rahmen der Schweizer Solidarität für angemessen. Er hat selbst für eine Kita-Finanzierung gestimmt, obwohl er nie Kinder haben wird. «Wenn ich heute einzahle, darf ich morgen auch etwas erhalten», sagt er. Es gehe schliesslich nicht um Luxus, sondern um einen Mindeststandard im Alter.

René gehört zur Hälfte der Schweizer Bevölkerung, die sagt: Sparen geht nicht. Bei ihm heisst das aber eher: Sparen ergibt keinen Sinn. Wenn die grossen Ziele unerreichbar wirken, bleibt nur der Alltag – und der soll sich nach Leben anfühlen.

* (Name der Redaktion bekannt)

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