Ausgerechnet Donald Trump droht die Ära seines geliebten Erdöls zu beenden
Holt euch euer Öl selbst», schrieb Donald Trump frühmorgens auf seiner eigenen Plattform Truth Social an die Adresse verbündeter Länder. Die USA hätten im Iran die meiste Arbeit erledigt. Nun sei es an anderen, die Strasse von Hormus wieder freizubekommen. Schliesslich bräuchten die USA diese ohnehin nicht.
Das war schlicht gelogen. Trump hat im Iran keine notwendige Arbeit erledigt, sondern ein Chaos historischen Ausmasses angerichtet. Die USA sind, wie andere Industrieländer, auch abhängig vom globalen Ölmarkt und damit von der Strasse von Hormus. Das zeigte sich erst diese Woche, als der durchschnittliche Benzinpreis die Marke von 4 Dollar pro Gallone übersprang. Und dennoch könnte Trumps wildes Geschimpfe eine Wende markieren. «Holt euch euer Öl selbst», das klingt laut dem Energieanalyst Rory Johnston wie der Titel eines Buchs über das «Ende einer Ära».
Die Ära, die da endet, wäre jene des Erdöls; die Ära, die neu beginnt, jene der erneuerbaren Energien. Oder zumindest könnte Trump mit seinem chaotischen Vorgehen weltweite Energie-Trends massiv beschleunigen, die bereits zuvor immer mehr Fahrt aufgenommen hatten.
Schon vor dem Iran-Krieg war das Vertrauen in die USA geschwächt. Dafür hatte Trump eigenhändig gesorgt. Mit seinen willkürlichen Zöllen. Mit dem damit einhergehenden Bruch früherer Handelsabkommen. Mit seinem territorialen Gelüsten in Richtung Kanada und Grönland.
Technologisches Wunder
Wenn auf die USA kein Verlass mehr ist, dann ist auch kein Verlass auf den Garanten der Nachkriegsordnung. Die USA sorgten nach dem Zweiten Weltkrieg für ein einigermassen stabiles globales Energiesystem, vor allem basierend auf Erdöl aus dem Nahen Osten. Wenn Trump der Welt sagt, holt euch euer Öl selbst, dann verabschieden sich die USA von dieser Rolle. Damit steigt das geopolitische Risiko von Erdöl.
Öl ist dann nicht länger allein eine Gefahr für das Klima. Sondern für die Energieversorgung, weil ein Land plötzlich zu wenig haben könnte. Für die Unternehmen, weil ihre Kosten ausser Kontrolle geraten könnten. Für die Haushalte, weil ihre Lebenshaltungskosten hochzugehen drohen. Für eine ganze Volkswirtschaft, weil sie in eine Rezession getrieben werden könnte. Kurz, es ist eine Gefahr für die Sicherheit eines Landes. Damit steigt der Anreiz, nach Alternativen zu suchen.
Diese Alternativen gibt es. Sie sind nicht einmal mehr teurer als ihre ölbasierten Konkurrenzprodukte, sondern in der Regel sogar kostengünstiger. Der Nobelpreisträger Paul Krugman schreib auf seinem Substack-Blog von einem «technologischen Wunder».
Dieses «Wunder» wird nachgezeichnet von der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (Irena), der rund 170 Länder angehören. Irena nennt das Tempo, mit welchem die Kosten gefallen sind, schlicht «spektakulär».
Die Photovoltaik beispielsweise produzierte ihren Strom schon im Jahr 2024 zu zehnmal tieferen Gesamtkosten als noch 2010. Mittlerweile können laut Irena die fossilen Konkurrenten mit kaum einer erneuerbaren Energieform mithalten. 2024 waren rund 90 Prozent der neu in Betrieb genommenen erneuerbaren Projekte «kostengünstiger als jede fossile Alternative».
Den Gegnern gehen die Argumente aus. Früher konnten sie noch darauf hinweisen, dass Photovoltaik und Windturbinen vor allem dann liefern, wenn die Sonne stark scheint oder der Wind bläst. Doch heute sind Batterien in der Lage, Strom zu zehnmal tieferen Kosten als im Jahr 2010 zu speichern. So wird es möglich, dass Solar- und Windenergie dann liefern, wenn es die Kundschaft will und nicht das Wetter.
Dieses «Wunder» erklärt das schon vor dem Iran-Krieg explosive Wachstum der erneuerbaren Energien. 2025 entfielen auf sie genau 85,6 Prozent der gesamten neu in Betrieb genommenen Stromproduktion, vorwiegend dank Wind und Solar. Gegen Jahresende 2025 kamen erneuerbare Energien so auf einen Anteil von 49 Prozent der weltweit bereits installierten Stromkapazitäten.
Und das alles geschah, bevor Trump den Iran angreifen liess. Also bevor die Preise für Rohöl, noch mehr von Benzin und noch weit mehr von Diesel weltweit stark stiegen. Bevor die Welt rätseln musste, wie hoch dieser laut Experten «grösste Ölschock aller Zeiten» die Preise noch treiben wird. Und bevor Trump mit jedem wütenden Truth-Social-Post den Preis für Rohöl – und damit für die nächste Tankladung – stark rauf- oder runtertreibt.
Doppelt so hohes Interesse
Inmitten dieses Chaos von Trumps Gnaden zeigt sich laut der Irena die «strukturelle Widerstandsfähigkeit» der erneuerbaren Energien mit «brutaler Deutlichkeit». Sie produzieren dezentral und in der Heimat, sind kostengünstig und sofort einsetzbar. Und wem das nicht deutlich genug ist, bekommt von Irena-Direktor Francesco La Camera zu hören:
Die wirtschaftlichen Vorzüge der erneuerbaren Energien haben anscheinend auch Autofahrer entdeckt. Elektrovehikel bieten ebenfalls einen gewissen Schutz gegen die Unwägbarkeit des globalen Ölmarktes. Die «Financial Times» titelt deshalb:
Elektroautos hätten sich vor dem Krieg zwar nicht so schnell verbreitet, wie es die Autohersteller einmal gedacht hatten. Doch auch mit diesen Wachstumsraten hätten sie in anderthalb Jahrzehnten die Benziner vollständig aus wichtigen Märkten wie der EU und China verdrängt. Seit dem Kriegsbeginn verzeichneten US-amerikanische Verkaufsportale plötzlich 20 Prozent mehr Suchanfragen für Elektrovehikel, gar 100 Prozent mehr für die beliebtesten Automodelle.
Mit anderen Worten: In Zeiten mit Donald Trump als Präsident der USA schützen die erneuerbaren Energien auch teilweise gegen seine Launen, sein allgemeines Chaos und seine Politik des Rechts des Stärkeren. (aargauerzeitung.ch)

