Die Industriekrise in der Schweiz scheint vorbei – doch Experten warnen
Laut einem wichtigen Frühindikator könnte die lange Industriekrise in der Schweiz vorbei sein. Doch der Irankrieg und der hohe Ölpreis wecken Befürchtungen, dass sich die Flaute verlängert.
Der Einkaufsmanagerindex (PMI) gilt als wichtiges Signal für die Konjunkturentwicklung. Und der PMI-Wert für die Industrie hat im März einen veritablen Sprung nach oben gemacht. Er schnellte im Vergleich zum Vormonat um 5,9 auf 53,3 Punkte hoch, wie die Grossbank UBS und der Einkauf-Fachverband Procure.ch am Mittwoch mitteilten.
Höchster Stand seit 4 Jahren im KMU-Sektor
Er liegt damit nicht nur weit über den Prognosen der von der Nachrichtenagentur AWP befragten Ökonomen, die von Werten zwischen 45,0 und 49,9 Punkten ausgegangen waren. Er hat auch erstmals seit dem Dezember 2022 die wichtige 50-Punkte-Marke geknackt.
Bei Werten unter 50 Punkten gehen die befragten Unternehmen von einer schrumpfenden wirtschaftlichen Aktivität aus. Liegt der Index oberhalb, dann ist von Wachstum auszugehen.
Ein ähnliches Bild zeigt der von Raiffeisen erhobene PMI für den KMU-Sektor, der ebenfalls am Mittwoch publiziert wurde. Er stieg mit 55,0 Punkten auf den höchsten Stand seit fast vier Jahren.
Zukunft ist ungewiss
In den USA und in der Eurozone seien die Industrie-PMI in den letzten beiden Monaten ebenfalls von einer positiveren Dynamik geprägt gewesen und die ersten März-Indikatoren für die Eurozone würden dies bestätigen, schreiben die UBS-Ökonomen. Somit würde die Schweizer Industrie dem Ausland folgen.
Die UBS-Experten wollen dennoch nicht das Ende der langen Industriekrise ausrufen. «Ob diese Verbesserung nachhaltig ist, bleibt jedoch ungewiss», schreiben sie angesichts des Kriegs im Nahen Osten und dem stark gestiegenen Ölpreis.
Nicht alles wie es scheint
Die aktuelle Verbesserung sei nämlich unter anderem auf gestiegene Lieferfristen zurückzuführen, die üblicherweise eine höhere Nachfrage widerspiegeln und daher positiv in den Indikator einfliessen. «Angesichts des Konflikts im Nahen Osten dürften die längeren Lieferfristen jedoch eher durch Störungen in den Lieferketten bedingt sein» so die Experten.
Auch die Raiffeisen-Ökonomen warnen vor zu viel Euphorie: Die Erholung stehe auf tönernen Füssen, schreiben sie. Beim KMU-PMI hätten vor allem die binnenorientierten Unternehmen zum Anstieg beigetragen, nicht aber die exportorientierten.
Und alles in allem habe der Kriegsausbruch im Nahen Osten die Chancen auf ein Ende der Industriekrise gedämpft. So hätten sich in der aktuellen Umfrage denn auch erste Bremsspuren gezeigt. Knapp 40 Prozent der befragten KMU rechnen demnach aufgrund der angespannten geopolitischen Lage bereits jetzt mit negativen Auswirkungen auf ihre Investitionspläne.
Starker Franken belastet
Zudem wiesen laut den Angaben zahlreiche Exportunternehmen in den Kommentaren auf die Frankenstärke als Belastung hin. Und der direkte Einfluss höherer Energiepreise sei ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Kleinere, meist binnenorientierte KMU deckten ihren Energiebedarf häufig über langfristige Verträge mit lokalen Stromversorgern – und spürten daher steigende Energiepreise erst zeitverzögert.
Anlass für Skepsis gibt auch ein anderer Frühindikator. So ist das KOF-Konjunkturbarometer, das am letzten Montag veröffentlicht wurde, überraschend unter den langjährigen Durchschnittswert gefallen. Begründet wurde dies mit den schlechteren Perspektiven der Exportindustrie – als Folge des Kriegs. (sda/awp)
