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Die Bundesraete Ignazio Cassis, Guy Parmelin und Karin Keller-Sutter, von links, sprechen an einer Medienkonferenz ueber das Institutionelle Abkommen Schweiz-Europaeische Union und zur Begrenzungsinitiative, am Freitag, 7. Juni 2019, in Bern.(KEYSTONE/Peter Schneider)

In welche Richtung soll es gehen? Ignazio Cassis, Guy Parmelin und Karin Keller-Sutter an der heutigen Medienkonferenz. Bild: KEYSTONE

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Der Bundesrat schindet Zeit, aber bis Ende Jahr muss ein Entscheid her

Ein defensives «Aber» statt ein klares «Ja»: So lautet die Botschaft des Bundesrats zum Rahmenabkommen mit der EU. Dabei ist ein baldiger Entscheid zwingend. Alles andere ist der Schweiz nicht würdig.



Sie erwarte «ein positives Signal» des Bundesrats in Richtung Brüssel, meinte eine Aussenpolitikerin diese Woche im Bundeshaus. Dabei bezog sie sich auf den Entscheid über das weitere Vorgehen beim institutionellen Abkommen mit der EU, der für Freitag erwartet wurde. Sie hoffe auf ein deutliches «Ja» und ein mildes «Aber», so die Parlamentarierin.

Nun hat der Bundesrat entschieden. Doch das Signal an die EU ist alles andere als eindeutig. Wenn man den bilateralen Weg als Strasse betrachten will, dann hat die Landesregierung beim Rahmenvertrag gerade mal vom ersten in den zweiten Gang geschaltet. Oder um den Sportjargon zu verwenden: Der Bundesrat versucht, auf dem politischen Spielfeld weiter Zeit zu schinden.

Etwas anderes bleibt ihm kaum übrig. In den Konsultationen wurden zu viele Vorbehalte gegen das von Staatssekretär Roberto Balzaretti ausgehandelte Abkommen geäussert. Von den Parteien bekannten sich nur BDP und GLP uneingeschränkt dazu. Die SVP sagte klar Nein, alle anderen ergänzten ihr Ja mit einem mehr oder weniger deutlichen Aber. Dem ist der Bundesrat gefolgt.

«Dialog» mit der EU

Eigentliche Nachverhandlungen will er nicht führen. Vermutlich hat der zuständige EU-Kommissar Johannes Hahn sie im Gespräch mit Aussenminister Ignazio Cassis einmal mehr ausgeschlossen. Nun soll im «Dialog» mit der Europäischen Union «eine für beide Seiten befriedigende Lösung» zu den drei Aspekten gefunden werden, die in den Konsultationen am meisten Anstoss erregt haben.

Gemeint sind die flankierenden Massnahmen gegen Lohndumping, die staatlichen Beihilfen und die Unionsbürgerrichtlinie. Kein Thema mehr ist offenbar das ebenfalls kritisierte Schiedsgericht. Die Erfolgschancen sind ungewiss. Bei der Unionsbürgerrichtlinie scheint der Bundesrat notfalls zu einer einseitigen Erklärung bereit zu sein, weil sie im Vertragstext gar nicht erwähnt wird.

EU-konformer Arbeitnehmerschutz

Die Sicherung des Lohnschutzes muss primär durch innenpolitische Massnahmen erfolgen. Der Arbeitgeberverband erklärte sich in einer Mitteilung bereit, zusammen mit den Sozialpartnern Vorschläge zu entwickeln, «damit der bisherige Arbeitnehmerschutz in der Schweiz erhalten und gleichzeitig EU-konform ausgestaltet werden kann». Das stimmt zumindest vorsichtig optimistisch.

Ob dies auch für eine weitere Verlängerung der Börsenanerkennung gilt, muss sich zeigen. Justizministerin Karin Keller-Sutter machte vor den Medien klar, dass der Bundesrat einen entsprechenden Entscheid aus Brüssel erwartet. Sie verwies auf die beiden europapolitisch positiven Volksentscheide vom 19. Mai zum AHV-Steuerpaket und zum Waffenrecht.

Rasches Ergebnis angestrebt

Kann sein, dass die EU sich noch einmal erweichen lässt. Die erste Reaktion aus Brüssel war ziemlich einsilbig, aber nicht negativ. Allerdings kann der Bundesrat den endgültigen Entscheid zum Rahmenabkommen nicht ewig hinausschieben. Er sollte bis Ende Jahr erfolgen, aus mehreren Gründen. So wird die EU eine endlose Zeitschinderei kaum goutieren.

Bundesrat Ignazio Cassis, Dritter von links, mit Bundesrat Guy Parmelin, Zweiter von links, und Staatssekretaer Roberto Balzarett, Vierter von links, an den Konsultationen zwischen dem Bundesrat und den Gewerkschaften betreffend des Rahmenabkommens Schweiz EU, am Mittwoch, 13. Maerz 2019, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Gespräch mit Arbeitgebern und Gewerkschaften während den Konsultationen zum Rahmenvertrag. Bild: KEYSTONE

Ignazio Cassis erklärte, beide Seiten seien an einem raschen Ergebnis interessiert. Es sei im Interesse der Schweiz, mit den Leuten zu sprechen, die sich mit der Materie auskennen. Die neue EU-Kommission müsste sich erst einarbeiten, und ob sie der Schweiz gewogener sein wird als das Team des scheidenden Präsidenten Jean-Claude Juncker, darf zumindest bezweifelt werden.

Der Hauptgrund aber ist, dass der Bundesrat sobald wie möglich erklären muss, ob er den bilateralen Weg wirklich «weiterentwickeln» will, wie er in seiner Mitteilung betont. In diesem Fall führt kein Weg am institutionellen Abkommen vorbei. Sich durchzuwursteln ist keine langfristig tragfähige Option im Umgang mit unserem wichtigsten Handelspartner.

Der Bundesrat sollte auch nicht warten, bis die Begrenzungsinitiative der SVP vom Tisch ist, wie es die Gewerkschaften wünschen, um den Offenbarungseid in der Europafrage möglichst weit hinausschieben zu können. Bis Ende Jahr muss ein Ja zum institutionellen Abkommen her. Oder man lässt es bleiben und nimmt die Konsequenzen in Kauf. Alles andere ist der Schweiz nicht würdig.

Wir erklären dir das institutionelle Rahmenabkommen

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    Alle Leser-Kommentare
  • FW123 08.06.2019 09:08
    Highlight Highlight Die Schweiz muss endlich erkennen, dass der BR die Verhandlungen vergeigt hat. Seit Jahren sind die Forderungen auf dem Tisch, der BR hat weder kommuniziert noch verhandelt, aber erklärt, er wisse nicht was das Volk will. Hauptgrund für die schwachen Verhandlungen der CH ist die Besetzung des Verhandlungsmandats: da ist C. Blocher, der wollte eh das Scheitern der Verhandlungen, dann der Lehrling Casis und der letztmalige Bundespräsident Berset, der nicht in der Lage war, zu führen, und Casis schlicht überfordert - und nun ist der einzige Lichtblick KKS, die beiden anderen BR sind unbrauchbar.
  • Rumbel the Sumbel 08.06.2019 07:41
    Highlight Highlight Der Bundesrat ist mir würdig, wenn er ein klares Nein signalisiert, es sei denn unsere Bedingungen werden zu unseren Gunsten angenommen. Warum? Weil wir nicht EU Mitglied sind und hoffentlich nie sein werden!
  • Pinkerton 07.06.2019 21:34
    Highlight Highlight Ja, ein rascher Entscheid wäre gut, und zwar ein Übungsabbruch. Dieses missglückte Rahmenabkommen ist ein Murks und ein Anschlussvertrag, der sich mit der Souveränität der Schweiz nicht vereinbaren lässt. Es wäre auch der EU gegenüber fair, wenn das nun klar und unmissverständlich kommuniziert würde.
    • orso129 09.06.2019 08:22
      Highlight Highlight Die Alternative wählen, wie die Hochlohnländer Norwegen, Island und Liechtenstein: Rasch in den EWR! So können wir zBsp die Löhne unserer Büetzer und unseren Wohlstand schützen und mit unserer direkten Demokratie unabhängiger bleiben.
  • Cityslicker 07.06.2019 17:49
    Highlight Highlight „Ignazio Cassis erklärte, beide Seiten seien an einem raschen Ergebnis interessiert“ - und doch kann der Bundesrat 10 Jahre nach Beginn der Diskussionen noch immer nur definieren, was er NICHT möchte. Too little, too late - sorry. Traurig, dass innerhalb eines ganzen Jahres noch nicht einmal die innenpolitische Aufgabe angegangen wurde, wirksame aber vertagskompatible Lohnschutzinstrumente zu entwickeln. Vogel-Strauss-Politik hilft nichts - wer nicht weiss, wo er hinwill, wird leider nie ankommen.

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