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Tod mit 96: Jürgen Habermas war der «Stuntman der Philosophie»

Mit 96 Jahren gestorben: Jürgen Habermas war der «Stuntman der Philosophie»

Jürgen Habermas war der «Verteidiger der Vernunft» – und der wichtigste noch lebende deutschsprachige Philosoph. Nun ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.
15.03.2026, 05:4215.03.2026, 05:42
Christoph Bopp / ch media

In der Person von Jürgen Habermas verlieren wir einen Denker von Weltformat, sowohl als Wissenschafter wie auch als Intellektueller. Geboren 1929 und aufgewachsen in der Handballstadt Gummersbach hatte er den Nationalsozialismus noch in den Jugendorganisationen erlebt, an die Front musste er nicht mehr, offenbar hatte er sich versteckt.

FILE - In this Nov. 7, 2006 photo German philosopher Juergen Habermas is seen in Koenigswinter near Bonn, Germany. (AP Photo/Hermann J. Knippertz, File)
Germany Obit Habermas
Jürgen Habermas war der Begründer der Theorie des kommunikativen Handelns.Bild: keystone

Irgendwann hatte ihn aber ein unbestimmtes Gefühl ergriffen, dass auch nach dem Neustart 1945 in der Bundesrepublik «einiges schief gelaufen» sei. Es unterschied sich deutlich von der «Uneigentlichkeit», mit der Martin Heidegger das Dasein überhaupt ausgestattet hatte. Ihm zufolge ist die Menschheit schon seit den Griechen falsch abgebogen in die «Seinsvergessenheit» und in die Wüste der «planetarischen Technik» geraten. Habermas meinte es – wie sich später zeigen sollte – konkreter.

Auf jeden Fall war es die Konfrontation mit Heidegger, die den jungen Habermas auf die Bühne brachte. Denn Heidegger hatte – kaum aus seinem Entnazifizierungsverfahren aufgetaucht – eine alte Vorlesung von 1935 publiziert, worin von der «inneren Wahrheit und Grösse der Bewegung» die Rede ist. Gemeint damit unbezweifelbar der Nationalsozialismus. Der Doktorand Habermas findet: Das geht nicht. Und macht dies in einem Artikel in der FAZ deutlich. Dies war auch der Moment, in dem ihm klar wurde, dass Politik und Philosophie keineswegs so getrennte Bereiche waren, wie sie ihm vorher vorgekommen waren.

Für Max Horkheimer war er zu aktiv

Und es war auch der Moment, sich von der Philosophie zu verabschieden, die raunend von nur ihr zugänglichen geheimnisvollen Weisheiten kündete. Philosophie in reduzierter Gestalt – fortan nichts anderes als eine nüchterne Arbeit an und mit Begriffen und in einer ebensolchen Sprache. Odo Marquard – um träfe Sprüche nie verlegen – traf Habermas’ Situation nicht schlecht: «... der Philosoph nicht mehr der Experte fürs Ganze – ist der Stuntman des Spezialisten, also sein Double fürs Gefährliche.»

epa12819068 (FILE) - German philosopher Juergen Habermas speaks during a press conference in Athens, Greece, 06 August 2013 (reissued 14 March 2026). German philosopher and sociologist Juergen Haberma ...
Jürgen Habermas anlässlich einer Konferenz in Athen im Jahre 2013.Bild: keystone

An seiner nächsten Station, als Assistent von Theodor W. Adorno am Frankfurter Institut für Sozialforschung, sollte es an Gelegenheiten für solche «Stunts» nicht fehlen. Für Institut-Chef Max Horkheimer war der junge Philosoph zu aktiv – gelinde gesagt. Die Granden der Kritischen Theorie hatten es sich in ihren kritischen Ordinarien-Lehrstühlen bequem gemacht und kein grosses Bedürfnis mehr nach Veränderung. Dass das nichts sei mit der Revolution, habe man doch schon vor dem Exil festgestellt, schrieb Horkheimer an Adorno. «Der soll seinen Marxismus irgendwo machen, aber nicht bei uns», beschied er.

Und so ging Habermas zur Habilitierung nach Marburg («Strukturwandel der Öffentlichkeit»), kam später aber wieder zurück nach einem Abstecher nach Starnberg (Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt). Die turbulenten 1968er-Jahre erlebte er in Frankfurt.

Im Gegensatz zu den studentischen Aktivisten hielt er die Situation nicht für revolutionär. Geboren mit einer Sprachbehinderung (Gaumenspalte, Hasenscharte), die beim Säugling operativ hatte behandelt werden müssen, machte man sich ausgerechnet in dieser Phase über ihn lustig. Es hat ihn getroffen. Sonst schien er damit zurechtzukommen.

Gedrängt zu einer Kurzformel, könnte man sagen: Habermas war stets ein Verteidiger der Vernunft. Vernunftgebrauch ist Aufklärung, hatte Kant gesagt. Nach 1945 schien das problematisch. Die erwähnten Horkheimer/Adorno hatten ihre Dialektik beschrieben. Die Vernunft sei auf ihre instrumentelle Gestalt (Mit welchem Mittel erreiche ich am besten meinen Zweck?) reduziert und zu einem Herrschaftsinstrument nicht nur über die Natur, sondern auch über Menschen geworden. «Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.»

Er war der Verteidiger der Vernunft

Habermas beharrte trotz allem auf ihrem emanzipativem Kern. Das «Projekt der Moderne» wollte er fortsetzen. Kann es, fragte er, nicht trotzdem eine auf der Vernunft basierte Theorie der Gesellschaft geben? Oder anders: Kann die so entzauberte Vernunft nicht doch noch einen Massstab liefern für eine Kritik an der Gesellschaft? Lässt sich die moderne Gesellschaft so analysieren («rekonstruieren»), dass sie eine kritische Theorie dieser Gesellschaft ist?

So wurde er trotzdem noch zu einem kritischen Theoretiker («kritisch» klein geschrieben). Man kann eine Gesellschaft objektivierend-erklärend analysieren, wie es Kollege Niklas Luhmann tat. Er setzte das letzte Lego-Steinchen ein und verkündete: «Fertig, das System, so funktioniert die Gesellschaft.» Man kann sich aber auch fragen, wie die Menschen als Gesellschaft auf Herausforderungen und Probleme jeweils reagiert haben. Und ob es nicht andere Möglichkeiten gegeben hätte oder geben würde, sich gesellschaftlich zu organisieren.

Marx hatte im Anschluss an Hegel in der Arbeit das gesehen, was Gesellschaft integriert. In der kapitalistischen Produktionsweise fand er den ausgebeuteten und entfremdeten Arbeiter und der Proletarier wurde zum revolutionären Subjekt und die Veränderung der Gesellschaft zum Besseren eine historische Notwendigkeit.

Die moderne Nachkriegsgesellschaft liess sich allerdings so nicht mehr beschreiben. Entscheidend war: Es gab Demokratie und politische Rechte. Den Unterschied beschrieb Habermas selber so:

«Statt auf die Vernunft der Produktivkräfte, letztlich also der Naturwissenschaft und Technik, vertraue ich auf die Produktivkraft der Kommunikation.»

Die «Theorie des kommunikativen Handelns»

Der Weg zum Hauptwerk, der «Theorie des kommunikativen Handelns» (1981), war vorgezeichnet. Es gab noch ein paar Kurven auf dem Weg dorthin, aber die kommunikative Vernunft war installiert. Parallel dazu in der Philosophie gab es den «linguistic turn». Erkenntnis findet nicht länger im singulären Bewusstsein oder Selbstbewusstsein statt, sondern im Dialog mittels der Sprache. Die menschliche Sprache leistet den Zugriff auf die Welt, nicht die Vorstellung.

Hatte Kant in seiner Aufklärungskonzeption die Vernunft noch in den Schädel eines Einzelsubjekts eingesperrt, liefern die modernen Wissenschaften eine ihren Methoden gemässe Verfahrensrationalität (Theorie und Experiment). Die Vernunftmomente selbst (das Theoretische, das Praktische, das Politische, das Ästhetische etc.) haben sich auseinanderdifferenziert. Es gibt nun für alles Experten, der über-allwissende Universalphilosoph hat ausgedient. Es manifestiert sich auch in den jeweiligen «Fach-Sprachen», die Laien nicht verstehen. Auch Habermas, dem Soziologen, hat man diesen Vorwurf gemacht.

Nicht Macht zählt, sondern das bessere Argument

«Seit ein Gespräch wir sind» (Hölderlin) hat sich im menschlichen Miteinander ein Netz aufgespannt von gemeinsamen Annahmen, Verhaltensweisen, Faustregeln und vielen anderen unbewussten Prädispositionen, dessen Ausmass und Wichtigkeit uns vielleicht erst heute richtig aufgehen, wenn wir bemerken, dass die munter quasselnden Künstlichen Intelligenzen darüber gerade nicht verfügen. Ihnen fehlt das, was Habermas dann «die Lebenswelt» nennen sollte.

In ihr wurzelt alle Rationalität. In der Moderne haben sich dann einzelne Sphären ausdifferenziert und eigene «Rationalitäten» entwickelt. Habermas nennt das «das System». In Politik und Wirtschaft zum Beispiel haben sich die «Medien» Macht und Geld breit gemacht. «Medien» heissen sie, weil sie gewissermassen den Umweg über sprachliches Aushandeln ersparen. Macht und Geld sind «Abkürzungen», mit denen man seinen Willen durchsetzen kann. Ohne Lebenswelt geht nichts. Aber das System wurde immer mächtiger. Habermas sollte dann einmal von der «Kolonisierung der Lebenswelt durch das System» reden. Und man weiss, was gemeint ist.

Geht man von der Sprache aus, wird schnell klar, dass sprechende Subjekte immer in einem Zusammenhang mit anderen Subjekten stehen (Intersubjektivität). Und dass das eigentlich für alle Diskurse gilt, vor allem für die kognitiven (der Weltbezug des Wissens), aber auch für die moralischen. Wer an den Diskursen teilnimmt, muss akzeptieren, dass Aussagen begründet werden müssen und dass über die Gültigkeit letztlich die Qualität der Begründung entscheidet. Nicht Macht oder mehr Geld, sondern das bessere Argument. Diese kommunikative Vernunft wurde erst in der Moderne wirklich freigesetzt.

Wann kommt der Diskurs an sein Ende?

Die bekannten Schlagworte wie «herrschaftsfreier Diskurs», «Konsens» oder «der Zwang des besseren Arguments» und ähnliche bezeichnen nicht nur Bedingungen der Möglichkeit kommunikativer Vernünftigkeit, sondern sind als Baustellen zu sehen, an denen gearbeitet werden muss.

Auch Habermas ist klar, dass man nicht so lange diskutieren kann, bis man zu einem Konsens, einer Lösung gelangt, der prinzipiell alle zustimmen «könnten» (was theoretisch gefordert würde), sondern in der Realität der Diskurs jeweils irgendwo an ein Ende kommt. (Das ist der Moment, wo in der Gemeindeversammlung «abstimmen!» gerufen wird.)

In diesem «könnte» liegt das Problem. Wer entscheidet, was «vernünftig» ist? Vernunft ist eben auch ein prinzipiell offenes Verfahren und Vernünftigkeit eine offene Haltung. Das zeigt auch die Aporie, dass man es «vernünftig» finden kann, allzu totalitäre oder absolute «Vernunftmodelle» abzulehnen.

Wer sich auf die Vernunft einlässt, kommt an kein Ende. Er muss aushalten, dass vielleicht nie Realität wird, was «vernünftig» wäre. Die «ideale Sprechsituation» oder ähnliches werden sich nicht historisch zwingend irgendwann einstellen. Und konkret muss man sich bewusst sein, dass es ohne die Mitwirkung der Menschen nicht geht.

Wenn es in der Demokratie um mehr gehen sollte als nur um die Spielchen, wer gerade an der Macht sein darf, braucht es die Bereitschaft zur Partizipation, zum Zuhören, zum Konsens und zum Kompromiss. Und diese Bereitschaft ist etwas, um das man sich bemühen muss. Sie entsteht nicht von selbst und schon gar nicht in den Bubbles der Social Media oder in einer Zone, die hin und wieder «mit Blödsinn geflutet» wird.

Die politische Entwicklung machte ihm Sorgen

Jürgen Habermas’ Einzigartigkeit machte ihn auch schwierig. Er entwickelte seine Theorien jeweils nicht auf der grünen Wiese, sondern nahm alles auf, was es dazu an Diskursen noch gab. «Alles» ist dabei so wörtlich zu nehmen wie möglich. Wer als Philosoph nicht «raunen» will, steht in der Pflicht, sich mit dem auseinanderzusetzen, was andere gedacht haben. Das tat Habermas und nahm das Fussnotengewirr und den Vorwurf in Kauf, den ihm der Kollege Sloterdijk gemacht hat: Er habe in seinem Leben keinen «einzigen originalen Gedanken» gehabt.

Viel mehr beschäftigte ihn in seinen letzten Jahren, dass er spüren musste, – wie er dem Schriftsteller Philipp Felsch gestand – : «all das, was sein Leben ausgemacht habe, gehe gegenwärtig verloren». Habermas war ein optimistischer Mensch. Aber die aktuellen Entwicklungen, nicht nur die politischen, rührten an seine Hoffnungen.

Wenn ich in letzter Zeit an Jürgen Habermas gedacht habe, ist mir immer Johann Sebastian Bach am Ende seines Lebens in den Sinn gekommen. Beide waren absolute Weltmeister in ihrer Kunst, für die sich aber immer weniger interessierten. (aargauerzeitung.ch)

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Die beliebtesten Kommentare
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Tim Roll
15.03.2026 07:31registriert März 2014
Habermas hinterlässt ein Denken, das Öffentlichkeit als gemeinsamen Lernraum verstand. Sein Tod lädt nicht zur Nostalgie ein, sondern zur Frage: Wie verteidigen wir heute Diskursräume gegen Lärm, Hass und Vereinfachung? Vielleicht zeigt sein Werk, dass Vernunft nie von selbst spricht. Sie braucht Menschen, die zuhören, prüfen und erneut ins Gespräch gehen.
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