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Die brennenden Überreste des Helikopters in der Nähe des Gotthards.
Die brennenden Überreste des Helikopters in der Nähe des Gotthards.Bild: KEYSTONE

«Selbstsichere Alphatiere» – weshalb die Militärpiloten jetzt nicht verunsichert sind

Fünf schwere Unfälle in drei Jahren: Das wirft Fragen auf zum Zustand der Schweizer Luftwaffe. Ist die Häufung reiner Zufall? Oder gibt es eine Systematik? Und: Wie beunruhigt sind die Luftwaffenpiloten?
30.09.2016, 06:0830.09.2016, 06:50
SAMUEL SCHUMACHER / Aargauer Zeitung

Luftwaffenkommandant Aldo C. Schellenberg konnte seine Tränen am Mittwoch nicht verbergen. Zum zweiten Mal innert Monatsfrist musste er die Öffentlichkeit über einen tödlichen Unfall informieren. Nach dem F/A-18-Drama am Sustenpass Ende August kamen beim Absturz eines SuperPuma-Helikopters auf dem Gotthard am Mittwochmittag schon wieder zwei Piloten ums Leben.

Das Care-Team der Armee kümmert sich intensiv um die Angehörigen und die Kollegen der verstorbenen Piloten. «Es ist in dieser Phase wichtig, dass die Betroffenen einen Ansprechpartner haben», sagt Jürg Nussbaum, Kommunikationschef der Luftwaffe.

Fliegen ist sicherer geworden

Die Seelsorger und Psychologen der Armee tun ihr Bestes, die Militärjustiz hat die Untersuchungsarbeiten und die Helikopterflotte den Flugbetrieb wieder aufgenommen. Auch bei der Luftwaffe kehrt der Alltag zurück. Eine zentrale Frage aber bleibt: Ist die Unfallserie der vergangenen Monate reiner Zufall? Oder läuft bei der Luftwaffe etwas Grundsätzliches schief?

«Es gibt kein erkennbares Muster hinter der Unfallserie.»
Peter Müller, Erfahrener Mitlitärpilot

Peter Müller (69) war fast 30 Jahre lang Militärpilot. Für ihn ist klar: «Es gibt kein erkennbares Muster hinter der Unfallserie.» Die Abstürze seien in den meisten Fällen auf Pilotenfehler zurückzuführen. «Die Häufung in den vergangenen Monaten ist reiner Zufall.»

Dass die Absturzserie die Militärpiloten verunsichere und dadurch das Risiko für weitere Unfälle steige, glaubt der ehemalige Oberst im Generalstab nicht. «Wenn man einen grösseren Zeitraum betrachtet, dann stellt man fest, dass das Fliegen massiv sicherer geworden ist.» Der Flugbetrieb sei im Vergleich zu früher viel professioneller. «Bei uns hiess es jeweils: ‹So, etz gömmer no go flüüge.› Heute wird jeder Einsatz akribisch vorbereitet.»

Peter Müller war fast 30 Jahre lang Militärpilot.
Peter Müller war fast 30 Jahre lang Militärpilot.
«Aus unserer Klasse sind dann drei von 17, also fast jeder Fünfte, tödlich verunglückt.»
Peter Müller

Tiefe Betroffenheit bei Piloten

Aller Akribie zum Trotz: Dass es im Flugverkehr auch in Zukunft immer wieder Unfälle mit Toten geben wird, das müsse man akzeptieren. «Solange der Faktor Mensch mitspielt, lässt sich das nicht vermeiden», sagt Müller. Als er in den 60er-Jahren seine Ausbildung begann, habe man den jungen Militärpiloten ins Gesicht gesagt, dass jeder Zehnte von ihnen abstürzen und ums Leben kommen werde. «Aus unserer Klasse sind dann drei von 17, also fast jeder Fünfte, tödlich verunglückt.»

Die tödlichen Unfälle lösen in Pilotenkreisen trotz diesen statistischen Realitäten tiefe Betroffenheit aus. «Militärpiloten sind stark aufeinander angewiesen und müssen sich blind vertrauen können. Entsprechend gross ist jetzt die Trauer», sagt Müller. Andererseits aber gebe es eine spezielle Piloten-Mentalität: «Jeder ist sich sicher: Mir passiert nichts.» Militärpiloten seien meistens sehr selbstsichere Alphatiere, sagt Müller. «Wenn etwas Schlimmes passiert, dann ‹hypern› sie nicht gleich.»

Auch Luftwaffen-Kommunikationschef Nussbaum betont, dass die Unfallserie die Luftwaffe nicht in eine Krise stürzen werde. «Militärpiloten sind sich ihres erhöhten Berufsrisikos bewusst und auch entsprechend geschult.» Kein Pilot steige in ein Cockpit, wenn er sich dazu nicht zu hundert Prozent in der Lage fühle.

«Stress bei der Arbeit oder im Privatleben nimmt ein Pilot nicht ins Cockpit mit.»
Peter Müller

Seit gestern Mittag ist bekannt, dass beide Piloten, die auf dem Gotthard ums Leben kamen, Milizpiloten waren, also nicht hauptberuflich bei der Armee arbeiteten. Ein Punkt, der bei der Unfallaufklärung eine Rolle spielen dürfte. Peter Müller, der als Milizpilot bei der Luftwaffe nebenbei unter anderem als Assistent des Verteidigungsattachés in Skandinavien gearbeitet hat, sagt dazu: «Stress bei der Arbeit oder im Privatleben nimmt ein Pilot nicht ins Cockpit mit.»

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Helikopter-Absturz am Gotthard
quelle: keystone / chris van den heijkant
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Flugzeugabsturz überlebt

Müller selbst hatte in seinem Berufsleben verschiedentlich mit extremen Stresssituationen zu tun. «Das war nie ein Problem.» Auch was die Ausbildung und das Training anbelange, gebe es kaum Unterschiede zwischen Miliz und Berufspiloten. Das Milizsystem grundsätzlich infrage zu stellen, hält er für falsch. Zum Unfall auf dem Gotthard sagt er: «Pech gehabt. Die haben einfach dummerweise ein Kabel übersehen.» Die Militärjustiz müsse den Unfall jetzt genau untersuchen und allfällige Lehren daraus ziehen. Überreagieren oder in Panik-Modus schalten, das bringe aber nichts.

Müller weiss das aus eigener Erfahrung. 1968 hat er als Militärpilot einen Flugzeugabsturz überlebt. Kurz vor dem Aufprall seines Venom-Fliegers betätigte er den Schleudersitz. Er brach sich die Hand, blieb aber ansonsten unverletzt. Nach einem Tag im Spital ging er nach Hause, nach sechs Wochen sass er wieder im Kampfflieger-Cockpit. Was damals galt, gelte heute noch: «Man muss nach solchen Unfällen möglichst bald wieder in die Luft.» Die Helikopterpiloten der Luftwaffe haben diesen Rat befolgt. Seit gestern Morgen fliegen sie wieder.

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