US-Wahlen
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FILE - In this Monday, June 1, 2020 file photo, President Donald Trump holds a Bible during a visit outside St. John's Church across Lafayette Park from the White House in Washington. Polling released by the nonpartisan Pew Research Center on Wednesday, July 1, 2020 finds that Trump's strong approval among white evangelicals -- a cornerstone of his political base -- remains intact in the wake of the previous month's photo op at the church, which sparked criticism from some religious leaders, and the Supreme Court's ruling to protect LGBT people from employment discrimination. (AP Photo/Patrick Semansky)
Donald Trump

Donald Trumps Bibel-Auftritt am 1. Juni war ein Signal an seine evangelikale Wählerschaft. Bild: keystone

Im US-Wahlkampf sind die Umfragen stabil: Warum das nichts Gutes verheisst

Donald Trump bleibt Joe Biden im US-Wahlkampf auf den Fersen. Denn der Präsident kann auf ein treues Segment an weissen Wählern zählen, das um seine Identität fürchtet.



Der US-Wahlkampf befindet sich in seiner heissen Phase. Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden haben ihre Auftritte intensiviert und schenken sich nichts. In den nationalen Umfragen schlägt sich das nicht nieder, sie sind seit Monaten bemerkenswert stabil. Biden liegt rund sieben bis acht Prozentpunkte vor Trump.

Kann Biden also die Siegesfeier planen? Dazu ist es trotz allem zu früh. Zwar steht so gut wie fest, dass der Demokrat die Mehrheit der Stimmen holen wird. Aber in den USA wird der Präsident vom Electoral College gewählt, weshalb die Resultate in den Bundesstaaten und vor allem in den Swing States wichtiger sind. Und dort ist das Bild nicht so eindeutig.

Donald Trump vs Joe Biden: Wer hat noch mehr Saft in den Knochen

Video: watson/Lino Haltinner

Die meisten Politikbeobachter in den USA sehen Joe Biden auch in dieser Hinsicht im Vorteil, und die politische Landkarte eröffnet ihm mehr Wege zum Sieg als Donald Trump. Aber der Präsident hat in einzelnen Swing States aufgeholt, wenn auch nur leicht. Ein erneuter Coup wie 2016, als er Hillary Clinton auf der Zielgeraden abfing, scheint möglich.

Nie über 50 Prozent Zustimmung

Das wirkt erstaunlich. Trumps sprunghafter Charakter, seine endlosen Lügen, seine grenzwertigen Handlungen (Stichwort Impeachment), sein Flirt mit Diktatoren und nicht zuletzt sein Versagen in der Corona-Pandemie mitsamt Wirtschaftskrise müssten seine Wiederwahlchancen gegen Null sinken lassen. Doch sie sind nach wie vor intakt.

Dabei ist Donald Trump notorisch unbeliebt. Das renommierte Umfrageinstitut Gallup erhebt die Zustimmungswerte der US-Präsidenten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Trump ist der erste Staatschef, der nie die 50-Prozent-Marke knacken konnte, selbst dann nicht, als die Wirtschaft brummte. Trotzdem könnte er im November wiedergewählt werden.

Wie ist so etwas möglich? 1980 wurde der Demokrat Jimmy Carter – charakterlich ein Anti-Trump – nach einer verkachelten ersten Amtszeit vom Republikaner Ronald Reagan aus dem Amt gefegt. Doch seither haben die USA einen demografischen und kulturellen Wandel erlebt, der weisse Amerikaner mit geringer Schulbildung in Angst versetzt.

ADVANCE FOR MONDAY, SEPT. 5 AND THEREAFTER -FILE - In this Oct. 28, 1980 file photo, President Jimmy Carter shakes hands with Republican Presidential candidate Ronald Reagan after debating in the Cleveland Music Hall in Cleveland. The fall debates are always a big part of any presidential campaign. But with many 2016 voters underwhelmed by both Hillary Clinton and Donald Trump, this year’s debates could well be more influential than usual. In 1980, a cheerful Reagan shone in his debate against Carter, scolding him with a gentle “There you go again,” and posing a pointed closing question: “Are you better off than you were four years ago?” (AP Photo/Madeline Drexler, File)

Der hoch integre Jimmy Carter (l.) hatte 1980 keine Chance gegen Ronald Reagan. Bild: AP/AP

Es geht um Identität. Dies zeigt eine ausführliche Analyse von CNN. Die Identitätspolitik überlagert demnach die Parteipolitik und sorgt dafür, dass sich die Fronten zunehmend verhärten. So wird den Demokraten – nicht ganz zu Unrecht – vorgeworfen, sie würden sich mehr für Gleichstellungsfragen interessieren als für die Alltagsprobleme der Amerikaner.

Kurz erklärt: So funktionieren die US-Wahlen

Video: watson

Polizeigewalt entzweit die Lager

Besonders deutlich zeigt sich der Identitätsgraben bei Themen wie Rassismus und Sexismus. Eine deutliche Mehrheit der demokratischen Wählerschaft ist überzeugt, dass Schwarze und Frauen in den USA nach wie vor benachteiligt sind. Die Republikaner sind ebenso klar anderer Meinung. Diese Kluft hat sich in den letzten Jahren eher vertieft.

Dies manifestiert sich auch in der Einschätzung der Polizeigewalt gegenüber unbewaffneten Schwarzen. Eine Umfrage des überparteilichen Public Religion Research Institute ergab, dass solche Vorfälle für die Demokraten einem Muster folgen. Für rund 80 Prozent der Republikaner hingegen handelt sich nach wie vor um Einzelfälle.

Weisse Christen in der Minderheit

Wenn Donald Trump die teilweise gewalttätigen Proteste nach solchen Vorfällen dazu benützt, die weisse Bevölkerung in den Suburbs aufzuwiegeln, geht es ihm gemäss der CNN-Analyse weniger um «Law and Order» oder um das Gespenst sinkender Hauspreise. Er appelliert direkt an die Angst vor dem Identitäts- und Bedeutungsverlust.

epa08630724 Protestors march durig a demonstration held  in the wake of the shooting of Jacob Blake by police officers, in Kenosha, Wisconsin, USA, 27 August 2020. According to media reports Jacob Blake, a black man, was shot by a Kenosha police officer or officers responding to a domestic distubance call on 23 August, setting off protests and unrest. Blake was taken by air ambulance to a Milwaukee, Wisconsin hospital and protests started after a video of the incident was posted on social media.  EPA/Matt Marton

Trump benutzt die BLM-Proteste, um an die Verlustängste der weissen Wählerschaft zu appellieren. Bild: keystone

Demografisch werden die «Non Hispanic Whites» bis 2040 eine Minderheit unter vielen sein. In einem Segment ist dies schon geschehen: Seit 2008 sank der Anteil der weissen Christen an der Gesamtbevölkerung von 54 auf 44 Prozent. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Amerikaner, die keiner Religion oder Konfession angehören, von 12 auf 25 Prozent verdoppelt.

Diese «Säkularisierung» macht auch vor christlich-evangelikalen Hochburgen wie dem Staat Kansas nicht halt, der zum so genannten Bible Belt gehört. Der Bedeutungsverlust geht für viele ans Lebendige. Das weisse christliche (vor allem protestantische) Amerika hält sich traditionell für von Gott auserwählt, das von Gott auserwählte Land anzuführen.

Diese Führungsrolle kommt ihm zunehmend abhanden, und das hat Folgen: «Die weisse christliche Basis schrumpft und wird gleichzeitig schriller», sagte Robert Jones, Gründer und Leiter des Public Religion Research Institute, zu CNN. Es sei keine Überraschung, dass sie sich «mit Zähnen und Klauen» gegen die Untergrabung ihrer ureigenen Identität wehre.

«Die am meisten verfolgte Gruppe»

Noch deutlicher formuliert es Philip Gorski, ein Religionssoziologe an der Universität Yale, im Tamedia-Interview: «Viele weisse Evangelikale betrachten sich als die am meisten verfolgte Gruppe in den USA.» Das habe damit zu tun, dass Trumps Evangelikale langsam die Deutungshoheit verlören: «Und zwar an die Progressiven, die das Land Richtung Säkularismus führen.»

Wanda Albritton, of Miami Springs, Fla., raises her ams in prayer during a rally for evangelical supporters at the King Jesus International Ministry church, Friday, Jan. 3, 2020, in Miami. (AP Photo/Lynne Sladky)
Wanda Albritton

Viele Evangelikale fühlen sich zunehmend verfolgt. Bild: AP

Donald Trump, dessen eigene Religiosität überschaubar ist, schlachtet diese Gefühle ungeniert aus, indem er apokalyptische Bilder von Migranten-«Karawanen» oder wütenden Mobs zeichnet, schwarze Politiker und Sportler attackiert oder die unbewiesene Behauptung in die Welt setzt, christliche Traditionen wie Weihnachten seien bedroht.

Furcht vor einem Kulturkampf

Die Perspektiven sind deshalb wenig erbaulich. Selbst wenn Trump verlieren sollte, blieben die unterschiedlichen Visionen von nationaler Identität «auf Kollisionskurs», heisst es in der CNN-Analyse. Die diesjährige Stabilität sei nur ein Vorgeschmack auf die künftige Volatilität. Skeptiker befürchten in den nächsten Jahren nichts weniger als einen ausgewachsenen Kulturkampf.

Amerika wäre jedoch nicht Amerika, wenn es nicht auch eine optimistischere Sichtweise gäbe. So zeigt eine Studie der Universität Harvard, in die Politico Einsicht erhielt, dass immer mehr Amerikaner genug haben von der tiefen Polarisierung. 70 Prozent der Befragten sind demnach der Meinung, sie hätten mehr gemeinsam, als viele dächten.

Amerikaner wollen die Spaltung nicht

«Die Amerikaner wollen die Spaltung nicht, zu der sie die Politik zwingt», meinte Studienleiter John Shattuck. Viele Grundrechte würden von beiden Lagern unterstützt, selbst kontroverse wie das Recht auf Abtreibung oder die Einwanderung. Allerdings sind die Demokraten für solche Anliegen offener als die Anhänger der republikanischen Partei.

Die grösste Differenz gibt es beim Thema Rassismus bei der Polizei. 84 Prozent der Demokraten sind überzeugt, dass Schwarze und andere Angehörige von Minderheiten davon betroffen sind, aber nur 32 Prozent der Republikaner. So sehr sich die Amerikaner mehr Einheit wünschen: Das Thema Identität könnte noch für manche Verwerfung sorgen.

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