Interview
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Interview

Ex-Mossad-Chef Efraim Halevy: «Trump hat den Konflikt personalisiert»

Ex-Mossad-Chef Efraim Halevy kritisiert die Strategie des US-Präsidenten und erklärt, welche Vorteile eine nukleare Aufrüstung Teherans hätte.

Pierre Heumann, Tel Aviv / ch media



Der amerikanische Präsident Donald Trump hat diese Woche die Sanktionen gegenüber dem Iran verschärft. Im Visier ist nun auch Revolutionsführer Ali Chamenei.
Efraim Halevy: Das ist ein Schritt in die falsche Richtung.

Weshalb?
Was verspricht sich der Präsident davon? Dass sich Chamenei reumütig auf die Brust klopft und laut sagt, er habe gegen die USA gesündigt? Dass er Amerika um Verzeihung bittet und sich dann schuldbewusst zu Verhandlungen bereit erklärt, um einen Krieg zu verhindern? Ich glaube nicht, dass das ein hilfreicher Weg aus der Krise ist. Denn Trump hat den Konflikt personalisiert ...

… was das Risiko einer Konfrontation Ihrer Meinung nach erhöht?
Es erhöht die Gefahr, dass Entscheide gefällt werden, die in anderen Umständen anders ausgefallen wären, und dass es zu nicht beabsichtigten Konsequenzen kommt. Das Zielen auf den Revolutionsführer zeigt auch, wie falsch der Revolutionsführer in den USA beurteilt wird, wie er handelt, wie sein Entscheidungsprozess aussieht und wie er beeinflusst werden kann. Denn wenn man auf den Revolutionsführer einwirken will, muss man ihn studieren und begreifen, wie er in bestimmten Situationen reagiert und wo seine Schwächen liegen. Und wenn man mit ihm einen Dialog aufnehmen will, muss man sich doch auch fragen, wie sich dieses Ziel erreichen lässt. Die bisher von den USA angewandte Methode hat diesbezüglich keine Resultate gebracht.

Efraim Halevy

Der Israeli wurde 1934 geboren. Er ist einer der gefragtesten Sicherheitsexperten Israels. Während dreier Jahrzehnte arbeitete er für den Mossad, den er während vier Jahren bis 2002 leitete. Der studierte Jurist hatte mehrere Spitzenpositionen inne:Er war Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Botschafter bei der EU in Brüssel und massgeblich am Friedensvertrag mit Jordanien beteiligt.

Immerhin reduzieren die Sanktionen die Finanzkraft des Staates und damit seine Fähigkeit, Terrororganisationen wie die Hisbollah oder die Huthis weiterhin grosszügig wie bisher zu unterstützen.
Bis zu einem gewissen Grad haben Sie recht. Aber glauben Sie ja nicht, dass sich die Iraner deswegen von diesen Gruppen abwenden werden. Sie werden sie so lange unterstützen, bis der Iran mit den USA und der freien Welt ernsthafte Verhandlungen über die Bedürfnisse des Iran führen kann.

Solche Verhandlungen gab es allerdings bereits. Sie führten im Jahre 2015 zum Atom-Deal, dem JCPOA, der eine Aufhebung der Sanktionen beinhaltete.
Bei diesem Abkommen ging es ausschliesslich um die iranischen Nuklearaktivitäten. Andere Bereiche waren nicht Teil des Abkommens. Raketen, andere Methoden der Kriegsführung, zum Beispiel mit Cyber – das waren keine Themen.

epa07676575 Iranians hold posters depicting Iranian supreme leader Ayatollah Ali Khamenei mourn during a ceremony in Tehran, Iran, 27 June 2019, marking the return of bodies of Iranian soldiers killed in the Iran-Iraq war. According to reports, some 150 bodies of soldiers killed in the Iran-Iraq war of 1980 and 1988 were recovered in battlefields. Hundreds of thousands of Iranians are thought to have been either killed or went missing during the conflict, with some of their bodies found in recent years.  EPA/ABEDIN TAHERKENAREH

Bilder des Revolutionsführers an einer Kundgebung in Teheran: Ali Chamenei persönlich ist ins Visier der USA geraten. Bild: EPA

Höre ich da eine Kritik am Abkommen?
Dass so viele Themen ausgeklammert wurden, war die Absicht der P5+1 gewesen …

... also der fünf ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates, der USA, Russlands, Chinas, Grossbritanniens, Frankreichs sowie zusätzlich Deutschland
Israel war an den Verhandlungen zwar nicht beteiligt, hatte aber ebenfalls ein Interesse daran, dass die Gespräche mit dem Iran zu einem umfassenden Deal führen würden. Wer also heute behauptet, das Abkommen aus dem Jahr 2005 sei schlecht, weil es die Iraner nicht daran hindert, mit ihren Terrorangriffen fortzufahren oder das Raketenprogramm voranzutreiben, dem antworte ich: Das wurde überhaupt nicht diskutiert. Es war damals der Wunsch der freien Welt, die Nuklearfrage nicht mit irgendeinem anderen Thema zu vermischen. Das war, wie gesagt, auch die Position der israelischen Regierung, weil sie verhindern wollte, dass man mit dem Iran zusammen mit der Atomfrage plötzlich auch über die Zukunft Syriens, des Libanon oder der Hamas verhandeln würde.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hatte versucht, das Abkommen zu verhindern.
Ok, aber nicht er, sondern die USA haben es unterschrieben. Und zwei Jahre später hat Trumps Regierung beschlossen, sich aus dem Abkommen zurückzuziehen. Ich halte es, nachdem sich die USA vom Deal zurückgezogen haben, für unlogisch, jetzt den Iranern zu sagen, wir verlangen von euch A, B, C, D und E, Punkte, die im bisherigen Abkommen nicht geregelt worden waren.

Es stört Sie also nicht, dass Teheran Raketen baut, die nuklear bestückt werden können, oder Terrorgruppen unterstützt?
Doch, das ist ja gar nicht die Frage! Wenn wir vom Abkommen sprechen, kann ich nur wiederholen: Diese Themen waren bewusst ausgeschlossen worden.

Trump und Netanjahu sagen, dass der Iran keine A-Bombe haben wird. Wie lässt sich das verhindern?
(lacht) Das weiss ich nicht, und ich weiss nicht einmal, ob Trump oder Netanjahu wissen, wie sie das verhindern können.

epa07654182 (FILE) - A general view of the Iran's heavy water reactor in the city of Arak, Iran, 15 January 2011, reissued 17 June 2019. Media reports on 17 June 2019 state that Tehran has increased the countdown to its breaching the nuclear deal, reporting that it will break the uranium stockpile limit set in the deal in the next 10 days. The country’s atomic agency also said Tehran could from 07 July 2019 start the process of enriching uranium up to 20 percent, closer to weapons-grade levels.  EPA/HAMID FORUTAN *** Local Caption *** 50108029

Der Schwerwasserreaktor im iranischen Arak. Laut dem Atom-Abkommen musste er umgebaut werden, und angereichertes Uran musste der Iran abgeben. (Archiv) Bild: EPA/EPA

In der Vergangenheit wurden in Jerusalem Militäroperationen diskutiert, um die Atomanlagen auszuschalten.
Israels Politik zielt darauf ab, alles zu unternehmen, um eine iranische Atombombe zu verhindern. Aber wie das geschehen soll, wann es geschehen soll und ob man es im Alleingang oder zusammen mit anderen tun soll, ist offen. Das ist nicht Teil der öffentlichen Debatte, und was intern in der Regierung diskutiert wird, drang bisher nicht nach aussen.

Sind die Drohungen, die iranische Nuklearoption militärisch zu beenden, am Ende nichts als leere Worte?
Der Iran wird keine Nuklearbombe haben. Aber wie man das verhindern will, weiss ich nicht.

Wäre eine Atommacht Iran für Israel gefährlich?
Die Frage ist schwierig zu beantworten. Einerseits erhöht es die Gefahr. Aber anderseits kann man auch sagen, dass ein nuklear aufgerüsteter Iran verantwortungsvoll handeln würde, weil das Land sonst ein Problem hätte. Es gibt darauf keine einfachen Antworten.

Die Folgefrage: Handelt die iranische Regierung rational?
Natürlich handelt sie rational. Jede Regierung muss darauf abzielen, das Wohl der Bürger und die nationalen Interessen zu steigern.

Wie erklären Sie es sich dann, dass die Regierung in Teheran in der Atomfrage nicht nachgibt, obwohl sie damit die Sanktionen verhindern und damit das Los der Bevölkerung verbessern könnte?
Selbstverständlich könnte sie das. Aber ich meine, dass auch die USA ein Interesse daran haben müssten, den Iran an den Verhandlungstisch zurückzuholen. Doch ich glaube nicht, dass das möglich ist, wenn die USA die Iraner und neuerdings sogar den Revolutionsführer erniedrigen.

Derzeit wird ja intensiv darüber spekuliert, ob es im Mittleren Osten zum Flächenbrand kommt. Wie würde sich Israel in dieser Situation verhalten?
Das wird alles von den Umständen abhängen. Derzeit sind derartige Fragen hypothetisch. Denn wichtige Akteure, auch Trump, sind unberechenbar. Nur so viel: Israel hat kein Interesse an einem regionalen Krieg, ist aber sehr besorgt über die Art und Weise, wie sich Teheran aufführt. Doch die Iraner schauen derzeit auf die USA und weniger auf Israel. In den iranischen Medien ist «Israel» derzeit kein grosses Thema.

Diese Woche trafen sich in Jerusalem die Sicherheitsberater Russlands, der USA und Israels. Wie beurteilen Sie die Position Moskaus in dieser Krise?
Russland ist am ehesten in der Lage, mit allen involvierten Playern einen Dialog zu führen, und hat von allen externen Mächten den grössten Einfluss. Die USA sind in der Region militärisch stärker als Russland, haben aber bedeutend weniger Einfluss als Moskau.

Rettung für den Atomdeal?

Hochrangige Diplomaten haben bei einem Treffen in Wien einen neuen Versuch gestartet, das Atom-Abkommen mit dem Iran noch zu retten. Am Freitag kamen Spitzenbeamte aus Deutschland, Russland, Grossbritannien, Frankreich, China und der EU mit Irans Vizeaussenminister Abbas Araghchi zusammen. Im Vorfeld hatte Araghchi den Druck auf die Partner der Vereinbarung erhöht. Ohne praktische Ergebnisse werde der Iran wie angekündigt seinen Teil-Ausstieg aus dem Deal konsequent durchziehen.
(sda)​

(aargauerzeitung.ch)

Iran testet zwei weitere Langstreckenraketen

Trump will ein Politikwechsel im Iran

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • maga84 01.07.2019 04:48
    Highlight Highlight Interessantes Interview. Dennoch stellt es den Iran in die Ecke des Bösen, besonders mit Aussagen, dass der Iran "Terrorgruppen unterstützt".
    Aber was ist mit dem "Westen"? Dieser wird so indirekt als die Guten dargestellt. Aber was ist mit der Einmischung des Westens in diverser Konflikte in der Region?
    Spannend wäre nun ein Interview aus Sicht der anderen Seite z.B. Irans Aussenminister Mohammed SARIF. So kann sich der Leser seine Meinung fundiert bilden.
  • malu 64 01.07.2019 01:49
    Highlight Highlight Ein Iran mit Atomwaffen wäre unter Umständen sicherer und verlässlicher, als USA und Israel mit den jetzigen Präsidenten.
  • Baba 30.06.2019 22:57
    Highlight Highlight Halevys Aussagen überraschen mich als unerwartet besonnen...
  • landre 30.06.2019 21:41
    Highlight Highlight Lesenswert und wirklich interessant. Danke Watson.

Kurdin, Jesidin, Deutsche: Warum Düzen Tekkal nicht mehr schlafen kann

Düzen Tekkal (41) ist derzeit die wichtigste Stimme der Kurden in Deutschland. Im Interview sagt sie, dass es noch nicht zu spät ist, Rojava zu retten. «Aber jetzt muss schnell gehandelt werden.»

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