Gesellschaft & Politik
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Ernst Suter vor seinem Haus in Dürnten (ZH).

Ernst Suter vor seinem Haus in Dürnten ZH. SRF

Völlig überrissene Steuerrechnung 

Steueramt treibt legasthenischen Hilfsarbeiter aus Dürnten ZH an den Rand des Ruins

Ein Hilfsarbeiter aus Dürnten ZH hat wegen seiner Schreibschwäche 20 Jahre lang keine Steuererklärung ausgefüllt. Nun steht er wegen überrissener Einschätzungen vor dem Ruin. 



Ernst Suter besitzt ein grosses Haus, ein Stück Land und verdient 60'000 Franken im Jahr. Trotzdem steht er vor dem Ruin. 

Wie «BeobachterTV» berichtet, hat Suter, der als Hilfsarbeiter in einem Schlachthof arbeitet, noch nie eine Steuererklärung ausgefüllt. Legasthenie und eine Schreib- und Leseschwäche verunmöglichen ihm das. 

Steuerrechnung über 100'000 Franken

Die Gemeinde und das kantonale Steueramt haben Suter deshalb jedes Jahr eingeschätzt. Weil Suter die Einschätzungen immer akzeptiert und die in der Folge geforderten Steuern immer bezahlt hat, sind Gemeinde und Steueramt davon ausgegangen, dass die Einschätzung jeweils zu tief war und erhöhten die Einschätzungen von Jahr zu Jahr. Das fatale Resultat: Für 2012 eröffnete der kantonale Steuerkommissär Suter eine Einschätzung über 480'000 Franken Einkommen. Im Jahr 2000 waren es noch 36'000 Franken. 

Diese zu hohen Einschätzungen empfahl die Gemeinde dem Steueramt auch dann noch, als Suter wegen Steuerschulden betrieben wurde. Weil er sich seiner Lese- und Schreibschwäche schämte, bezahlte er die geforderten Steuern solange anstandslos, bis er nicht mehr konnte. Nun stehen für das Jahr 2011 Ratenzahlungen von 9000 Franken pro Monat an. Vier Monate kann er die noch zahlen, dann muss er auch seine Liegenschaft auf die eine oder andere Weise zu Geld machen. 

Mittlerweile hat sich Suter bei Treuhänderin Barbara Schnyder Hilfe geholt. Diese konnte die jüngste Einschätzung korrigieren. Statt rund 100'000 Franken muss Suter nur noch 3'200 Franken zahlen. Die früheren Einschätzungen sind jedoch rechtskräftig, da Suter die Rekursfristen jeweils ungenutzt verstreichen liess.  

Letzter Ausweg: Goodwill der Gemeinde

«BeobachterTV» hat Suter nun Hilfe von einem auf Steuerrecht spezialisierten Anwalt geholt. Die Chancen, die zu hohen Einschätzungen rückwirkend zu korrigieren, sind jedoch klein. Das Steuerrecht stellt diejenigen, die keine Steuererklärung ausfüllen, massiv schlechter, als diejenigen, die ihre Steuern korrekt zahlen. So dürfen die Steuerkommissäre die Einschätzung jeweils jedes Jahr ohne weitere Prüfung um 20 Prozent erhöhen, um so die betreffenden Steuerzahler zu zwingen, ihre finanziellen Verhältnisse offen zu legen. 

Barbara Schnyder

Treuhänderin Barbara Schnyder hilft Ernst Suter mit seinen Steuererklärungen. Schnyder

Der letzte Ausweg ist eine Goodwill-Lösung mit der Gemeinde. Diese kommuniziert derweil zum Fall nur spärlich. Obwohl die 7000-Seelen-Gemeinde Suter im Jahr 2007 Land im Wert von 720'000 Franken abgekauft hat und der Gemeindepräsident bei der Vertragsunterzeichnung zugegen gewesen sein soll, bestreitet dieser, von Suters Problemen gewusst zu haben. Wie Gemeindepräsident Hubert Rüegg «BeobachterTV» mitteilte, habe man «keine Kenntnisse über die persönlichen und finanziellen Verhältnisse von Ernst Suter». Gegenüber watson wollte Rüegg nichts mehr sagen. Sein Telefon ist ausser Betrieb. 

Bevölkerung solidarisiert sich

Nun beginnt die Dürntner Bevölkerung sich mit Suter zu solidarisieren. Gemäss Barbara Schnyder haben sich Dutzende von Dürntner Bürgern bei ihr erkundigt, wie sie helfen könnten, wo man für Suter spenden könne. 

Für den 3. Dezember haben Suter, Barbara Schnyder und ihr Steueranwalt einen Termin mit der Gemeinde vereinbart, um eine existenzsichernde Lösung für Ernst Suter zu finden. (thi)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Stephan Locher 20.10.2015 10:51
    Highlight Highlight "Das Steuerrecht stellt diejenigen, die keine Steuererklärung ausfüllen, massiv schlechter, als diejenigen, die ihre Steuern korrekt zahlen."

    Da ist im Artikel von thi etwas aber ziemlich ungeschickt formuliert.
    Auch wer keine Steuererklärung ausfüllt kann seine Steuern korrekt bezahlen!
  • jcs 19.11.2014 12:28
    Highlight Highlight Die Gemeinde hat keine Chance, dieses Geld zu behalten, weil hier der Grundsatz der Verhältnismässigkeit krass verletzt wurde. Selbstverständlich kann sie ihn zurecht büssen wegen Nichteinreichung der Steuererklärung, aber beileibe nicht im geschehenen Umfang. Und auch eine Busse muss die Umstände berücksichtigen, welche hier nicht alltäglich sind.
  • Sash 19.11.2014 10:11
    Highlight Highlight Ich wohne seit zwei Jahren in Dürnten und von dieser Gemeindeverwaltung erstaunt mich aber rein gar nichts mehr! Da ist gesunder Menschenverstand und Fachkompetenz leider Mangelware. So wie der Amtsschimmel in Dürnten wiehert, habe ich noch in keiner Gemeinde erlebt. Auch von älter eingesessenen Personen hört man nichts Positives. Sei es von Sonderbehandlung bei gemeindeinternen Baubewilligungsvefahren über Engstirnigkeit bei der Hundeanmeldung hört man alles und über alle Abteilungen verteilt.
    ...bin bald weg aus dieser Geeinde!
  • AdiB 19.11.2014 09:49
    Highlight Highlight meine mutter hat wegen einer erbkrankheit (die mehr frauen in der familie trifft) iv bekommen. sie wusste aber nicht das man die iv zu 100% ohne abzüge besteuert. nach ein par jahrenmeldet sich das steueramt und was geschah. 10'000 fr. busse und eine nach besteuerung der letzen 5 jahre. als sie sich wehrte und erklärte das sie nicht wusste dass, das iv geld zu 100% besteuert werden muss, sagta man ihr sie kan froh sein nicht in den knast wegen steuerhinzerziehung gelandet zu sein. so ist das gesetz und das muss man akzeptieren.
    • Forrest Gump 19.11.2014 14:01
      Highlight Highlight Ja, wie überraschend, dass man seine Einkünfte versteuern muss. Damit konnte sie auch wirklich nicht rechnen. Die Spalte "Renten" in der Steuererklärung könnte ja auch zum Spass da sein. Statt sich mit einem kurzen Anruf auf dem Steueramt zu informieren, schaut man ob man durchkommt und jammert im nachhinein wenn man erwischt wird..
    • AdiB 19.11.2014 20:53
      Highlight Highlight sie hat auch nich gross gejamert. es war mehr wegen der buse. das versteuern war nicht das problem. aber meine eltern haben es auch sofort akzeptiert. ich will mehr damit sagen das nicht wiessen und sich nicht informieren, keine ausrede sein kann.
  • gsagt 19.11.2014 08:20
    Highlight Highlight Für mich klingt dies nach einer unglaublichen Geschichte von Ausnutzung dieses Büetzers. Wenn die kleine Gemeinde eine Einschätzung vornimmt, wäre eine Kontaktaufnahme nicht zu viel verlangt gewesen. Klar, juristisch hat sie wohl gemäss rechtlicher Grundlagen gehandelt. Wer jedoch auch nur ein wenig Menschenverstand hat, sollte da anders agieren. Ich bin sehr enttäuscht, dass so etwas in der Schweiz passieren kann.
  • jcs 19.11.2014 06:02
    Highlight Highlight @goschi: Ich hoffe, dass Sie nie in eine Notlage geraten, in der Sie statt einer Sachbearbeiter-Maschine einen Amtsvertreter mit Herz und Sachverstand bräuchten. Und doch, Moral spielt hier genauso eine Rolle. Der Steuerbeamte ist verpflichtet, auch zugunsten des Steuerpflichtigen zu handeln, wenn ihm entsprechende Informationen vorliegen. Hier hätte es nur ein Telefon in über zehn Jahren gebraucht, um das zu klären. Das ist in einer 7000 Seelen Gemeinde wirklich nicht zuviel verlangt.
    • goschi 19.11.2014 07:45
      Highlight Highlight Hatte das Steueramt denn diese Informationen?
      Die verfügbare Aktenlage sagt eben eigentlich nein, denn der Mann schämte sich seiner probleme und wollte damit offenbar nicht hausieren gehen (bis er es gleich in die Medien brachte, statt nur zum Steueramt, dafür schämt man sich dann offenbar doch nicht)

      Es ist sehr einfach auf dem bösen Steueramt herumzuhacken, ich mein niemand mag das Steueramt, also feste drauf, aber eine objektive Begutachtung der Fakten, fern der Mitleidsmaschinerie, spricht eben nicht zwingend für das vermeintliche Steueropfer.
  • Maya Eldorado 19.11.2014 01:16
    Highlight Highlight Sozialstaat ist was anderes!
    So, wie der Mann spricht, ist er kopfmässig nicht so stark, dafür umso mehr ein fleissiger Arbeiter.
    Und: Die Schweiz nennt sich doch ein christliches Land!
    Ach ja: In der Schweiz sind Staat und Kirche strickt getrennt. Das ist auch gut so. Allerdings ist Kirche nicht mit dem gleichzusetzen, was damals vor gut 2000 Jahren Jesus Christus gelehrt hat.
  • jcs 18.11.2014 18:55
    Highlight Highlight Wie blind sich die Geneinde auch immer gestellt hat. Sie hat nun eine moralische Verpflichtung, das klar zuviel bezahlte Geld gut zu schreiben. Alles andere widerspricht den gesunden Menschenverstand. Grüsse an den Amtsschimmel!
    • goschi 18.11.2014 22:31
      Highlight Highlight Moral ist in Steuerfragen maximal zweitrangig und das ist jetzt nicht populistisch, sondern pragmatisch gemeint.

      Steuerrecht ist streng juristisch geregelt, es gilt für alle grundsätzlich die selbe Voraussetzung, wer sein Recht nicht wahrnehmen will, ist selber Schuld.

      Es tut mir leid, aber nach Jahren der kontinuierlichen Erhöhung erst jetzt plötzlich zu kommen ist mehrheitlich auch selber Schuld, man kann Hilfe auch erbitten ohne gleich an die medien gehen zu müssen.
  • Ben 18.11.2014 17:38
    Highlight Highlight Peinlich, diese Gemeinde!
    • jk8 18.11.2014 19:30
      Highlight Highlight haha danke für das kompliment - ich wohne hier
    • jk8 18.11.2014 19:31
      Highlight Highlight ...aber sobald ich genug Mittel habe, verlasse ich diese Gemeinde, welche, vom Volk her betrachtet einfach das letzte ist!
  • Regenbogen Piet 18.11.2014 16:00
    Highlight Highlight Steuerbetrug mal umgekehrt. Bei Hoeness sind noch Zimmer frei..
  • stiberium 18.11.2014 15:05
    Highlight Highlight Gebt dem Mann sein Geld zurück! Frechheit sowas. Sollte spätestens bei der 1. Betreibung mal jemand mit dem Herrn sprechen. Lassen die ihn einfach ausbluten...
  • Forrest Gump 18.11.2014 15:04
    Highlight Highlight Grundsätzlich hat halt jeder Bürger seine Rechte und Pflichten. Wer seine Steuererklärung nicht abgibt wird gebüsst und nach Ermessen eingeschätzt. Ist der Arbeitgeber und die persönlichen Verhältnisse unbekannt, gibt es halt effektiv nur eine Schätzung. Wenn die Rechnung stillschweigend bezahlt wird und der Pflichtige auch im nächsten Jahr nichts einreicht, muss man davon ausgehen, dass die Veranlagung zu tief war, und schätzt ihn entsprechend höher ein. Fr. 480'000 sind sicher übertrieben. Aber man sollte vielleicht den Fehler auch mal bei sich selber suchen..
    • Forrest Gump 18.11.2014 15:59
      Highlight Highlight Vielleicht noch wichtig für aussenstehende: Sämtliche Verwaltungsabteilungen unterstehen dem Amts-, oder Steuergeheimnis. Selbst wenn man also beim Hauskauf wirklich feststellen würde, dass der Herr geistige Defizite hat, ist es unwahrscheinlich, dass das Steueramt davon erfahren hätte. Dieses hatte mit dem Kauf (notabene vor 7 Jahren) ja nichts zu tun. Ein Mitarbeiter auf dem Steueramt erstellt im Jahr zudem rund 1200 Veranlagungen. Da kann man schlicht nicht jeden persönlich kennen. Es wäre am Pflichtigen gewesen, vorbeizugehen und den Fall zu schildern. Lieber 5 Tage im Blick erscheinen..
    • Forrest Gump 18.11.2014 16:27
      Highlight Highlight Sie Schreiben , dass es ihm peinlich war. Mit Foto in der Zeitung zu erscheinen, ist es offenbar nicht. Von einem Hilferuf an die Gemeinde steht im Text nichts. Der Herr erhält zudem offenbar keine IV oder Ergänzungsleistungen, die auf ein Gebrechen hinweisen würden. Woher soll die Gemeinde also davon wissen? Können Sie sich vorstellen, wie viele Personen die Steuererklärung nicht einreichen, einfach weil sie keine Lust haben? Es wäre klar am Pflichtigen gewesen sich zu melden. Aber der Gang zu den Medien scheint heute leider vielen wichtiger als ein fairer, offener Dialog.
    • Forrest Gump 18.11.2014 18:20
      Highlight Highlight Mit gesundem Menschenverstand sollte es allerdings auch für einen Legastheniker klar sein, dass man eine Steuererklärung einreichen muss und er nicht hunderttausende von Franken Steuern bezahlen muss. Aber der Fehler wird heute einfach lieber bei den bösen Beamten oder Ausländern gesucht. Falls dem Steueramt ein Arbeitgeber bekannt war, gebe ich Ihnen recht, dann ist der Lohnausweis einzuverlangen und entsprechend zu besteuern. Wenn ich aber keinen Arbeitgeber kenne und eine Person ohne zu maulen über Fr. 100'000 Steuern bezahlt, gehe ich von einem sehr hohen Einkommen aus und besteuere dies.
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  • IMaki 18.11.2014 15:03
    Highlight Highlight Wer kein Hirn hat, dem stehe ein Amt zu. (Lehrsatz der Zürcher Fachhochschule für Steuerbeamte. 1889)
    • beijingduck 18.11.2014 20:10
      Highlight Highlight So ist es

Zürich hatte «vielfältige und relevante» Verbindungen zur Sklaverei

Die Stadt Zürich war an der Sklaverei und dem Sklavenhandel finanziell beteiligt und so mitverantwortlich für die Versklavung tausender Afrikanerinnen und Afrikaner. Die Unterstützung erfolgte durch Staatsanleihen, den Handel und Plantagen.

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