Sportpsychologe warnt junge Athleten: «Lindsey Vonn ist kein gutes Vorbild»
Nur knapp ist Lindsey Vonn der Amputation ihres linken Beins entgangen. Der schwere Sturz in der Abfahrt bei den Olympischen Spielen zog eine komplexe Schienbeinverletzung nach sich, die Vonn zu zwei Wochen im Spitalbett zwang. Sie war nahezu bewegungsunfähig, wie sie am Montag erzählte. Mittlerweile konnte die Skifahrerin immerhin wieder in ein Hotel ziehen, doch dauere die vollständige Heilung aller Knochen noch rund ein Jahr.
Vonn war schon in ihrem letzten Rennen vor den Winterspielen in Mailand und Cortina gestürzt. In Crans-Montana zog sie sich einen Kreuzbandriss zu – dennoch entschied sie sich zum Start bei Olympia, das ihre grösste Motivation beim Comeback nach über fünf Jahren Pause war. Der Entscheid, trotz der Verletzung zu starten und damit weitere Gesundheitsschäden zu riskieren, sorgte für Kritik. Vonn wehrte sich klar: «Ich bereue nichts.»
Der deutsche Sportpsychologe Lothar Linz möchte das Recht der 41-jährigen US-Amerikanerin nicht infrage stellen, selbst über ihren Start zu entscheiden. Er macht sich aber Sorgen über die Wirkung auf junge Sportlerinnen und Sportler. «Ich finde, sie ist kein gutes Vorbild», sagte er gemäss der Sportschau. Es stehe Vonn frei, so zu entscheiden, und im Falle eines Erfolgs würde sie auch die Anerkennung verdienen. «Aber es ist nichts, was ich bewundernswert finde. Das dürfen wir nicht feiern. Das dürfen wir nicht verstärken, das ist das Entscheidende», so Linz im Rahmen einer Veranstaltung des Netzwerks «Mental gestärkt» und der Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie in Köln.
Problematisch sehe der renommierte Sportpsychologe, der viele Weltmeisterinnen und Olympiasieger auf dem Weg zu ihren Titeln psychologisch betreut hat, dass junge Athletinnen und Athleten denken könnten: «Es ist cool, es ist gut, wenn ich ein solches Risiko eingehe und so mit meinem Körper umgehe.» Vielmehr fordert er, «dass sich ein 16-jähriger, eine 20-jährige Sportlerin sehr gut überlegen soll, ob das der richtige Weg ist. Denn die Folgen können sehr schwerwiegend sein.» Die Meinung gelte unabhängig von dem Horrorsturz Vonns.
Die deutsche Turnerin Elisabeth Seitz, weiss wovon Linz redet. Sie hat schon einige Operationen hinter sich. «Man muss sich durchbeissen durch Verletzungen», habe sie als Kind in der Turnhalle gelernt. Später realisierte sie, dass es nicht in Ordnung sei, «wenn man eigentlich Schmerzen hat und doch eine Bodenübung turnt». Doch wurde auf diese keine Rücksicht genommen, so Seitz. Beim Training habe der Grundsatz gegolten: «Viel hilft viel.»
Noch immer seien Sportpsychologen, die bei der Prävention von und dem Umgang mit Verletzungen helfen können, in einigen Sportarten aber nicht gefragt. «Der Umgang mit Verletzungen ist abhängig von der Kultur der Sportart», erklärte Lothar Linz. Entscheidend seien dabei vor allem die Trainer, die Athletinnen und Athleten würden kaum gefragt, ob sie die Unterstützung gerne hätten. Dabei sollten sie im Vordergrund stehen, findet Ex-Judoka und Arzt Christophe Lambert: «Sie gehen immer vor.» Und am Ende sollte die Entscheidung bezüglich der Rückkehr nach einer Verletzung bei ihnen liegen: «Der Athlet ist nur dann fit, wenn er sich fit fühlt und nicht, wenn Arzt oder Physiotherapeut das entscheiden.»
Auch deshalb sei es das gute Recht von Lindsey Vonn gewesen, trotz schwerer Verletzung an den Start zu gehen. Die Herausforderung bestehe für Sportpsychologe Linz dann aber darin, wie er dies mit den Sportlerinnen und Sportlern, die er betreut, bespricht. So dürfe der Erfolg nicht über allem stehen, gerade wenn die Gesundheit auf dem Spiel stehe. «Ich würde einem 20-Jährigen nicht pauschal sagen: Das darfst du nicht, das geht nicht oder sowas», stellt Linz klar, «aber ich würde sicherlich nicht in die Beratung reingehen und sagen: Du, die Goldmedaille ist alles und tue dafür alles.» Das müsse nämlich «sehr gut abgewogen sein». (nih)
