Lateinamerika
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Bolivien wählt – im langen Schatten des Evo Morales



FILE - In this Sept. 19, 2020 file photo, a supporter, wearing a mask depicting former President Evo Morales, strikes a pose during a campaign rally for Luis Arce Catacora, the Bolivian presidential candidate for the Movement Towards Socialism Party, or MAS, in La Paz, Bolivia. MAS is the party founded by Morales who was ousted in November 2019, after several weeks of demonstrations that erupted over allegations of fraud in last year's October presidential election that Morales claimed to have won. (AP Photo/Juan Karita, File)

Evo Morales ist im Exil, aber Anhänger hat er immer noch viele. Bild: keystone

Evo Morales sitzt zwar mehr als 2500 Kilometer entfernt im argentinischen Exil, aber er ist der entscheidende Mann in Bolivien. Wie gross sein Einfluss in dem Andenstaat immer noch ist, hat sich bei den Strassenblockaden mitten in der Corona-Pandemie gezeigt. Hunderte Demonstranten schnitten Städte von der Versorgung ab. Sie stehen der linken MAS-Partei des Ex-Präsidenten nahe, der weiter mobilisieren, das Land lahmlegen kann. Eine Teilnahme an den Präsidenten- und Parlamentswahlen am Sonntag untersagte ihm ein Gericht. Sein Schatten liegt jedoch auch über diesen Wahlen.

Nach der Präsidentenwahl im Oktober 2019 musste der damalige Staatschef auf Druck des Militärs zurücktreten. Ihm wurde Wahlbetrug vorgeworfen, Morales setzte sich ins Ausland ab, eine Interimsregierung übernahm. Die Anhänger Morales' sowie seine Verbündeten in der Region sprechen von einem Putsch. Und es stellt sich die Frage, ob die Wahlen diesmal transparent sein werden - und wie es weitergeht in Bolivien. Die Ungewissheit ist gross, auch angesichts einer möglichen Rückkehr Morales' bei einem Sieg des MAS-Kandidaten Luis Arce, ebenso die Angst vor Gewalt.

Einige Analysten halten diese Wahlen für die wichtigsten des demokratischen Boliviens. «Wie selten in der Geschichte des Landes liegt die Zukunft in unseren Händen», sagt etwa der Wirtschaftswissenschaftler Gonzalo Chávez von der Katholischen Universität in La Paz. Diese Wahlen gehören auch zu den konfliktreichsten. In den vergangenen Wochen haben sich die Berichte über Angriffe auf Mitglieder des Wahlgerichts, Kandidaten und Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Seiten in dem Andenstaat gehäuft.

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte in Bolivien registrierte seit Wahlkampf-Beginn am 6. September mehr als 40 Gewaltattacken. Verteidigungsminister Fernando López nannte die Morales-Regierung bei einem Akt für die Soldaten, die 1967 den Guerillero Ernesto «Che» Guevara töteten, einen «Feind im eigenen Land» und sagte, die Streitkräfte seien «bereit». Der Hass ist tief verwurzelt, geht weit zurück.

epa08003847 Former Bolivian President Evo Morales speaks during an interview with Agencia Efe in Mexico City, Mexico, 16 November 2019 (issued 17 November 2019). Morales said that he 'is afraid' of a civil war to break out in Bolivia, and asked his Bolivians to putt an end to the confrontation.  EPA/JOSE MENDEZ

Bild: EPA

Morales ist der Präsident, der Bolivien seit der Unabhängigkeit von Spanien 1825 am längsten regiert hat. 13 Jahre, von 2006 bis 2019, war der frühere Koka-Bauer und Gewerkschafter an der Macht. Dabei half ihm das starke Symbol, auch der erste indigene Präsident des Landes zu sein. Er stammt aus einer Aymara-Familie, mehr als 60 Prozent der bolivianischen Bevölkerung sind Indigene, die vom weissen Establishment lange ignoriert worden waren.

«Evo Morales hat das Land bezüglich der Anerkennung indigener Rechte und ihrer politischen Beteiligung deutlich vorangebracht», sagt Juliana Miyazaki von der Gesellschaft für bedrohte Völker. «Doch sein Verhalten gegen Ende seiner Amtszeit hat dem Ansehen der bolivianischen Demokratie geschadet.» Dank der Einnahmen aus dem verstaatlichen Gasgeschäft verringerte Morales zwar die Armut und verbesserte die Lebenssituation der Indigenen. Aber Kritiker werfen ihm und der MAS-Partei auch einen Ausverkauf an China und einen autoritären Stil vor. Morales klammerte sich an die Macht und überspannte den Bogen. Die erzkonservative Übergangspräsidentin Jeanine Áñez wiederum wird kritisiert, sie übe Vergeltung statt zu versöhnen und setzte vor allem die Justiz als Mittel der Verfolgung ein. Bolivien ist ohnehin gespalten in Hochland und Tiefland, indigene Mehrheit und europäisch-stämmiges Establishment.

Daran entlang ziehen sich grossteils auch Parteilinien und Wählerpräferenzen. So versuchte MAS-Kandidat Arce, Wirtschaftsminister unter Morales, entscheidende Stimmen im Hochland zu sammeln, der liberale Ex-Präsident Carlos Mesa in Santa Cruz. Von einem «Herzschlagfinale» ist die Rede. In Umfragen kam Arce zuletzt auf 33.6 Prozent, Mesa auf 26.8 Prozent; für einen Sieg in der ersten Runde sind mehr als 50 Prozent der Stimmen nötig - oder über 40 Prozent und zehn Prozentpunkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten.

Nach Übergangspräsidentin Áñez zog auch Ex-Präsident Jorge Quiroga seine Kandidatur zurück, um die Stimmen der konservativen Wähler nicht unter zu vielen Kandidaten zu verteilen. Der Politikberater Vigmar Vargas aus La Paz meint: «Es wird entscheidend sein, ob weitere Kandidaten zurückziehen.» Noch wichtiger findet er: «Niemand präsentiert ein alternatives Projekt für die Zukunft des Landes.»

Vor einigen Jahren hatte Morales einmal gesagt, nach seiner Amtszeit wolle er ein Restaurant eröffnen und dort selbst als Kellner arbeiten. Bei einer Rückkehr in den Regierungspalast würden auch alle Exilanten zurückkehren, sagt MAS-Kandidat Arce - was auch das Rückflugticket für Evo Morales wäre. (aeg/sda/dpa)

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