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 Für einmal mit Schutzbrille: Donald Trump beim Besuch einer Schutzmasken-Fabrik in Phoenix (Arizona).
Für einmal mit Schutzbrille: Donald Trump beim Besuch einer Schutzmasken-Fabrik in Phoenix (Arizona).
Bild: AP
Analyse

Warum Donald Trump nicht mehr über die Toten spricht

Um die Wahlen zu gewinnen, will der US-Präsident jetzt die Wirtschaft wieder in Schwung bringen – um jeden Preis.
06.05.2020, 14:1106.05.2020, 14:55

Einen der heftigsten Wutanfälle des US-Präsidenten der letzten Tage hat ein Werbespot des Lincoln Projects ausgelöst. Hinter dieser Gruppe steht eine kleine Gruppe von «Never Trumpers» – Republikaner, die Trump ablehnen (die gibt es tatsächlich noch) – denen auch George Conway angehört. Er ist der Ehemann von Trumps bissiger Beraterin Kellyanne Conway.

Weit mehr als über die Verantwortlichen des Werbespots hat sich Trump über dessen Inhalt aufgeregt. Unter dem Titel «Mourning in America» (Trauer in Amerika) zeigt es gnadenlos auf, wie die Regierung Trump in der Coronakrise versagt und das Land ins Elend geführt hat.

Dieser Wahlkampf-Spot hat Trump in Rage versetzt.

Besonders in Rage gebracht hat Trump dabei die Anspielung an Ronald Reagans legendären Slogan «Morning in America». Ärgerlich für den Präsidenten ist auch die Tatsache, dass er selbst seinen Wahlkampf genau mit diesem Motto geführt hat. Seinerzeit hat er von einem «Gemetzel» geschwafelt und versprochen, «Amerika wieder gross» zu machen.

Die Coronakrise deckt nun schonungslos die gravierenden Mängel des amerikanischen Systems und die Inkompetenz der Regierung auf. Hier ein paar Beispiele:

  • Der Präsident hat noch im März von ein paar Toten gesprochen. Mittlerweile sind es mehr als 70’000. Experten warnen, dass es im August mehr als 200’000 sein könnten.
  • In New York geht zwar die Anzahl der Infizierten und Toten zurück. Doch landesweit weist der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Vor allem in den bisher weitgehend verschonten ländlichen Regionen nehmen die Corona-Fälle rasant zu. Schuld daran ist unter anderem die Tatsache, dass Trump per präsidialem Ukas die fleischverarbeitenden Fabriken zwingt, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten, obwohl sie sich als wahre Seuchenherde entpuppt haben.
  • Im West Wing, dem Teil des Weissen Hauses, in dem der Stab des Präsidenten arbeitet, herrscht groteske Inkompetenz. So ist soeben enthüllt worden, dass die Mitarbeiter von Jared Kushners weder eine Ahnung von der Materie noch Beziehungen zu den Herstellern von Schutzanzügen haben. Dabei spielt Trumps Schwiegersohn eine zentrale Rolle in der Bekämpfung des Virus.

Den desolaten Zustand der Vereinigten Staaten beschreibt «New-York-Times»-Kolumnist Thomas Friedman wie folgt:

«Wir haben gleichzeitig unser kognitives, ökologisches, wirtschaftliches, soziales, öffentliches und privates Gesundheitsimmunsystem ausgehöhlt.»

Trotzdem will Trump die Task Force zur Bekämpfung des Coronavirus bald auflösen. Angesichts der Fakten kann man über diese unverständliche Massnahme nur spekulieren: Hat Trump realisiert, dass ihm die täglichen Pressekonferenzen mehr geschadet als genützt haben? Will er, dass Experten wie Anthony Fauci nicht mehr im Rampenlicht stehen?

Darf nicht vor dem Abgeordnetenhaus auftreten: Anthony Fauci.
Darf nicht vor dem Abgeordnetenhaus auftreten: Anthony Fauci.
Bild: AP

All dies mag zutreffen. Vor allem will Trump jedoch, dass die Amerikaner nicht mehr über Covid-19 und die nach wie vor hohe Anzahl Opfer sprechen. Stattdessen will er sich als Retter der Wirtschaft profilieren. So meldet der Wirtschaftsdienst Bloomberg:

«Die neue Wahlkampf-Botschaft (von Trump) lautet, dass er die Wirtschaft besser wieder aufbauen kann als sein mutmasslicher demokratischer Herausforderer Joe Biden. Dieser sei, so argumentiert das Trump-Lager, mitverantwortlich für die träge Erholung von der Finanzkrise im Jahr 2008.»

Entgegen dem Rat der Epidemiologen und Ärzte, ja entgegen selbst den Richtlinien des Weissen Hauses, drängt Trump daher die Gouverneure dazu, die Lockdown-Regeln wieder aufzuheben oder zumindest stark abzuschwächen.

Vor allem die Gouverneure der «roten», will heissen republikanisch regierten Staaten gehorchen dieser Forderung. Sie setzen dabei das Leben von Tausenden von Amerikanern aufs Spiel.

Offen stachelt Trump die Demonstranten gegen den Lockdown an. Dabei handelt es sich um einen bunten Haufen von zumeist weissen Trump-Fans, die, bewaffnet mit halbautomatischen Waffen und geschmückt mit der Flagge der Konföderation oder gar Hakenkreuz-Imitationen, randalieren.

Schwer bewaffnete Demonstranten vor dem Capitol in Lansing, der Hauptstadt des Bundesstaates Michigan.
Schwer bewaffnete Demonstranten vor dem Capitol in Lansing, der Hauptstadt des Bundesstaates Michigan.
Bild: EPA

Es handelt sich dabei jedoch um eine verschwindende Minderheit. Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner steht der forcierten Öffnung der Wirtschaft skeptisch, ja gar ablehnend gegenüber. Das zeigen verschiedene Meinungsumfragen der letzten Tage.

So wollen beispielsweise 67 Prozent der Befragten noch keinen Kleiderladen betreten, gar 78 Prozent nicht ein Restaurant. Trump erhält schlechte Noten für sein Verhalten in der Krise. Seine Zustimmungsrate ist wieder auf 44 Prozent gefallen.

Kein Wunder, versucht das Weisse Haus mit allen Mitteln, kritische Stimmen zu unterdrücken. Dr. Fauci darf nicht einmal vor dem Abgeordnetenhaus aussagen.

Noch schlimmer ist es Dr. Rick Bright ergangen. Der anerkannte Epidemiologe wurde gar von seinem Posten suspendiert. Er hatte sich kritisch zu Hydroxochloroquin geäussert, einem Malaria-Medikament, das lange von Trump gehypt wurde.

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