Ab Mai wird Benzin knapp – dann könnte auch ein Tempolimit eine Option werden
Der Preis für einen Liter Bleifrei 95 ist wieder etwas gesunken. Gemäss TCS kostete das Benzin zuletzt 1.87 Franken. Beim Diesel sind es 2.14 Franken. Hier lag der Preis Anfang April noch um 10 Rappen höher.
Dennoch kann von richtiger Entspannung keine Rede sein. Diesel ist immer noch rund 20 Prozent teurer als vor dem amerikanischen Angriff auf den Iran.
Es erstaunt deshalb nicht, dass der Spritpreis die Schweizer Autofahrenden nach wie vor stark umtreibt. «Seit Ende Februar 2026 sind beim Preisüberwacher mehrere Dutzend Meldungen aus der Bevölkerung eingegangen – und es kommen weiterhin täglich neue hinzu», sagt der stellvertretende Preisüberwacher Beat Niederhauser zu dieser Zeitung.
Erhöhungen werden schneller weitergegeben
Die meisten Meldungen betreffen die rasche Weitergabe steigender Preise sowie das Unverständnis über teilweise deutliche regionale Preisunterschiede. Das Phänomen, dass sinkende Ölpreise verzögert an der Zapfsäule ankommen, nennt sich «Rockets and Feathers», also Raketen und Federn.
Klettert der Ölpreis nach oben, schiesst bald danach der Benzinpreis raketengleich in die Höhe. Fällt der Ölpreis später wieder, sinkt der Preis an der Zapfsäule nur langsam, wie eben eine Feder auf den Boden fällt.
Anhaltspunkte für solche Praktiken hat der Preisüberwacher vor vier Jahren auch in der Schweiz gefunden. Damals gingen die Benzinpreise steil nach oben, als Russland die Ukraine überfiel. «In der Untersuchung fanden sich Hinweise darauf, dass Preiserhöhungen tendenziell schneller weitergegeben werden als Preissenkungen», sagt Niederhauser. Die damals analysierten Daten stammten allerdings nur von wenigen Unternehmen. Die meisten angefragten Tankstellenbetreiber reagierten nicht oder stellten nur lückenhafte Daten zur Verfügung.
Aufgrund fehlender Daten ist es auch aktuell schwierig zu sagen, ob und in welchem Umfang die Tankstellen tiefere Preise nur zögerlich weitergeben. Das gilt auch für die Frage, ob Tankstellen überzogene Margen abschöpfen. Eine neue Marktbeobachtung hat «Monsieur Prix» nicht eingeleitet.
Der Preisüberwacher stellt insgesamt fest, dass im Treibstoffmarkt der Wettbewerb spielt. Auch die Wettbewerbskommission (Weko) hat mangels Hinweisen auf unzulässige Wettbewerbsabreden oder auf einen Marktmachtmissbrauch kein Verfahren eröffnet.
Viel verspricht sich der Preisüberwacher von Echtzeit-Preisvergleichen. Diese bauen Druck auf die Tankstellen auf, weil die Konsumenten damit günstigere Angebote in der Nähe finden können. Eine solche App stellt etwa der TCS zur Verfügung. Diese nutzen bereits mehrere Tausend Automobilisten pro Tag. Der TCS beobachtet, «dass wenn eine Tankstelle den Preis senkt, andere Tankstellen in der Umgebung nachziehen».
Die letzten Tanker laufen bald ein
Bald könnten aber die Preise nicht mehr das grösste Problem an der Zapfsäule sein. Da die Strasse von Hormus weiter blockiert ist, droht Europa der Treibstoff auszugehen. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) rechnet damit, dass ab Mai nur noch reduzierte Lieferungen ankommen. «Die letzten Tanker, die die Meerenge noch vor der Blockade passierten, erreichen ihre Zielhäfen in Europa dieser Tage», sagt ein Sprecher auf Anfrage.
Besonders akut ist die Lage beim Kerosin. Die Flugbranche warnt, dass es in wenigen Wochen zu einer Knappheit kommen könnte, die auch die Sommerferien tangieren würde. Ein Grossteil des Flugbenzins kommt aus dem Nahen Osten. Gleichzeitig haben Länder wie China ihre Kerosin-Exporte gestoppt.
Die Schweiz verfügt für den Krisenfall über ein ausgeklügeltes Pflichtlagersystem. Der Bund verpflichtet die Unternehmen, Reserven anzulegen. Sobald die Versorgung kritisch ist, kann der Bundesrat die Notvorräte freigeben. Zuletzt war dies im Nachgang des russischen Überfalls auf die Ukraine nötig.
Insgesamt bunkert die Schweiz Benzin, Diesel und Kerosin in 55 Tankanlagen. Sie fassen 6,8 Milliarden Liter. Bei Benzin und Diesel reichen die Lager 4,5 Monate, beim Kerosin sind es 3 Monate. Warum reichen die Vorräte bei Benzin weiter als jene beim Kerosin? Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung begründet dies damit, dass diese Kerosin-Pflichtlager erst 1979 eingeführt wurden. «Das entsprach einer sinnvollen Abwägung zwischen Kosten und Versorgungssicherheit.»
«Bundesrat kann auch Temporeduktionen verordnen»
Im Krisenfall kann die Regierung aber noch weitergehende Massnahmen ergreifen. Dazu gehören Aufrufe zum freiwilligen Energiesparen, zum sparsamen Fahren oder zum Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr. «Der Bundesrat kann auch Temporeduktionen verordnen, die ebenfalls zu einer Reduktion des Treibstoffverbrauchs beitragen», sagt der BWL-Sprecher.
Eine Geschwindigkeitslimite auf den Strassen verordnete der Bundesrat bereits während der Ölkrise von 1973. Hatte zuvor noch «freie Fahrt» gegolten, führten die Behörden eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde ausserorts und auf der Autobahn ein. Zudem sollten drei autofreie Sonntage den Benzinverbrauch senken. Sie wurden zu einem Volksfest, die Bevölkerung nahm die Strassen in Beschlag. Längerfristig führte die Erfahrung der Ölkrise dazu, die Abhängigkeit vom Erdöl zu hinterfragen und die Energiepolitik zur Bundessache zu machen.
Welche Richtungswechsel die heutige Ölkrise nach sich zieht, wird sich erst im Rückblick zeigen. Klar ist: Kurzfristig könnte es ungemütlich werden. Denn selbst wenn die Strasse von Hormus wieder offen ist, dauert es Monate, bis der Schiffsverkehr den Normalbetrieb wieder aufgenommen hat. Fatih Birol, der Chef der internationalen Energieagentur, sagte kürzlich: «Im Monat Mai könnte es brenzlig werden.» Das gilt auch für die Schweiz.
