Was viele am Skandal um Patrick Fischer falsch verstehen
Patrick Fischer ist als Eishockey-Nationaltrainer der Schweiz entlassen. Dies entschied der Schweizer Verband SIHF am Mittwoch, nachdem er dem 50-Jährigen zunächst noch den Rücken gestärkt hatte. Fischer hatte sich ein gefälschtes Covid-Zertifikat bestellt, um an die Olympischen Spiele 2022 in Peking zu reisen. Mit seinem Geständnis habe er Grösse gezeigt und Anerkennung verdient, schrieb der Verband erst. Die Kehrtwende kam nach der anhaltenden öffentlichen Debatte über Fischers Eignung als Nati-Trainer.
Auch die Entlassung des verdienten Trainers, der die Schweiz zu drei WM-Silbermedaillen führte, sorgt für Empörung. Gerade diejenigen, welche der damaligen Corona-Politik des Bundes und der empfohlenen Covid-Impfung skeptisch gegenüberstanden, empfinden den Entscheid nun als übertrieben und ungerechtfertigt. Dabei geht aber ein wichtiger Aspekt vergessen.
Patrick Fischer stolperte nicht darüber, ein Impfskeptiker oder -gegner zu sein. Niemand schrieb ihm vor, sich zu impfen. Es gab keine Pflicht und er hätte auch ohne Impfung an den Olympischen Spielen 2022 teilnehmen können, wie die Schweizer Snowboarderin Patrizia Kummer zeigte. Sie ging freiwillig in eine dreiwöchige Quarantäne und erklärte kürzlich, dass sie erneut diesen Weg wählen würde.
Fischer hingegen belog sein Team, die Gegner, die Öffentlichkeit und auch Gastgeber China, der eine besonders strenge Corona-Politik fuhr. Ausgerechnet er, der seinen Spielern immer abverlangte, dem Team alles unterzuordnen, eine Familie zu sein. Fischer, der Lian Bichsel gemeinsam mit Nati-Direktor Lars Weibel hart abstrafte, weil der junge Verteidiger ihrer Meinung nach eben dies nicht getan hatte. Weil Bichsel im Jahr 2023 ein Aufgebot für die U20-WM verweigerte, um sich nach einem Teamwechsel auf seine neue Situation vorzubereiten, schlossen die Nati-Verantwortlichen den Jungstar seither und bis nach der WM 2026 aus.
Jetzt zeigte sich aber, dass Fischer seiner höchsten Regel selbst nicht Folge leistete. Hätte er dies getan, hätte er sich entweder impfen lassen oder wäre in Quarantäne gegangen. Stattdessen entschied er sich dazu, zu betrügen. Gerade weil es oft so wirkte, als würde sich der Trainer moralisch überlegen fühlen, verlor er nun jegliche Glaubwürdigkeit. Wer den Spielern Regeln vorgibt, denen er selbst nicht folgt, ist als Anführer unbrauchbar. Patrick Fischer stand als Heuchler da.
Verschlimmert wurde dies durch die Hintergründe von Fischers Geständnis. Wahrscheinlich hätten ihm gar viele verziehen, hätte er seinen Fehler von sich aus gestanden und ehrliche Reue gezeigt. Er tat dies aber einzig und allein, weil ihm das SRF mit der Enthüllung sonst zuvorgekommen wäre.
Noch dazu blieb es nicht bei der Lüge von damals. Als er der Schweiz am Montagabend von seinem gefälschten Covid-Zertifikat erzählte, äusserte er eine weitere Unwahrheit. «Bis auf diesen Vorfall habe ich mich immer ans geltende Recht gehalten», wurde Fischer vom Verband zitiert – dabei steht im Strafbefehl zu seinem Corona-Vergehen, dass er zu dem Zeitpunkt auf Bewährung war.
Für ein Verkehrsdelikt wurde er 2020 zu einer bedingten Geldstrafe in einer Höhe von 11'000 Franken verurteilt. Fischer hätte doch wissen müssen, dass dies ans Licht kommen wird. Dennoch log er erneut. Er war sich der Konsequenzen offenbar nicht bewusst, wie, als er gegenüber zwei SRF-Journalisten beim Mittagessen ungefragt seine Corona-Lüge gestand.
Dass ihn nun viele Impfgegner unterstützen, erscheint auf den ersten Blick logisch. Dabei betrog Fischer auch die Leute, die sich wie er nicht impfen liessen. Während viele von ihnen darunter litten, nicht vollständig am öffentlichen Leben teilnehmen zu dürfen, nahm Fischer den «Easy Way Out» (also den einfachen Ausweg). Was eigentlich oft für Aufregung sorgt – dass eine berühmte Person das Gefühl hat, sich nicht an Regeln halten zu müssen –, sorgt nun für Jubel. Dies ist unverständlich.
Auch sie müssen erkennen, dass Fischer, der in der Schweiz stets grosse Sympathie genoss, in dieser Affäre aber alles andere als aufrichtig agierte. Und das geht bei einem Nationaltrainer nicht. Das war die Ursache für die berechtigte Kritik. Darüber stolperte er am Ende. Nicht über seine Entscheidung, sich damals nicht impfen zu lassen. Es ist wichtig, dies in der Beurteilung der ganzen Affäre im Kopf zu behalten.
