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Zusammenbruch der AMOC gemäss Studie wahrscheinlicher als gedacht

«Sehr besorgniserregend»: Zusammenbruch der Atlantikströmung wahrscheinlicher als gedacht

Eine neue Studie zeigt: Der Zusammenbruch der Atlantikströmung ist wahrscheinlicher als bisher angenommen. Dies hätte fatale Konsequenzen für Millionen Menschen.
16.04.2026, 17:3316.04.2026, 18:25

Eine neue Studie zur atlantischen meridionalen Umwälzströmung (AMOC) hat beunruhigende Erkenntnisse zutage gebracht. Gemäss dieser ist die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der AMOC «deutlich höher» als bisher angenommen.

Das ist die Atlantische meridionale Umwälzströmung (AMOC)
Im Vergleich zu ähnlich nördlichen Regionen wie Kanada oder Russland ist das Klima bei uns in Europa deutlich milder. So können in Schottland Palmen wachsen, wo auf gleicher geografischer Breite in Kanada nur Moose und Flechten gedeihen. Dies verdanken wir grösstenteils den Meeresströmungen im Atlantik, der sogenannten Atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation, auf Englisch «Atlantic Meridional Overturning Circulation» (AMOC), zu der auch der Golfstrom gehört. Die AMOC transportiert warmes Wasser aus Äquatornähe zu uns nach Europa. Sie ist Teil der noch grösseren sogenannten Thermohalinen Zirkulation, die den gesamten Globus umspannt. Im Nordatlantik sinkt hierbei kaltes, salziges Wasser in die Tiefe und zieht Wasser aus dem Süden nach, welches seine Wärme in die Atmosphäre vor Europa abgibt. Dabei ist von Bedeutung, dass die Atmosphäre grossteils nur im Winter kälter ist als der Ozean und dieser nur dann Wärme abgeben kann. Der Effekt der AMOC ist deshalb vor allem im Winter wichtig für das Klima in Europa.
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Beobachteter Trend der Meeresoberflächentemperatur von 1993 bis 2021 (Daten von Copernicus), mit grober Illustration der Ozeanströmung. Es ist ein Abkühlungstrend im Nordatlantik zu erkennen.Bild: Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie/Ruijian Gou)

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sprechen von sehr «besorgniserregenden» Erkenntnissen. Ein Zusammenbruch der AMOC hätte fatale Auswirkungen für Europa, Afrika sowie Süd- und Nordamerika. In Westeuropa zum Beispiel wären die Folgen extrem kalte Winter sowie sommerliche Dürren. Zudem würde der Meeresspiegel rund um den Atlantik zusätzlich zwischen 50 und 100 Zentimeter ansteigen.

Bereits länger war bekannt, dass die AMOC wegen des Klimawandels an einen kritischen Punkt kommen könnte. Denn mit der Erderwärmung steigen die Temperaturen in den nördlichen Meeren, wodurch das Oberflächenwasser an Dichte verliert. Das weniger dichte und wärmere Wasser sinkt langsamer in die Tiefe – was sich in der Folge auf das ganze Zirkulationssystem auswirkt. Die AMOC würde sich so abschwächen und im schlimmsten Fall zum Erliegen kommen.

In der aktuellen Studie kombinierten die Forscherinnen und Forscher Meeresbeobachtungen mit verschiedenen zusätzlichen Modellen, um möglichst zuverlässige Ergebnisse zu erhalten. Diese sieht eine geschätzte Schwächung der Strömung von 42 bis 58 Prozent bis zum Jahr 2100 vor. Gemäss der Studie würde dies mit «fast absoluter Sicherheit» zum Zusammenbruch führen.

Atlantische Umwälzströmung (AMOC)
Veränderung der AMOC relativ zur Stärke von 1850–1900 mit steigender globaler Mitteltemperatur in mittleren bis hohen Emissionsszenarien. Ein Lesebeispiel: Wird das Pariser Klimaziel eines globalen Temperaturanstiegs von 1,5 °C (grüne Linie) eingehalten, nimmt die AMOC im Median um rund 20 Prozent ab.Bild: Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie

Näher am Kipppunkt als gedacht

Der Leiter der Studie, Valentin Portmann von der Universität Bordeaux, sagt gegenüber dem «Guardian»: «Wir haben festgestellt, dass die AMOC stärker als erwartet zurückgehen wird, verglichen mit dem Durchschnitt aller Klimamodelle. Das bedeutet, dass sich die AMOC näher an einem Kipppunkt befindet als gedacht.»

Auch der deutsche Professor Stefan Rahmstorf warnt gegenüber der britischen Zeitung: «Dies ist ein sehr besorgniserregendes Ergebnis. Es zeigt, dass die ‹pessimistischen› Modelle, die bis zum Jahr 2100 eine starke Abschwächung des AMOC vorhersagen, leider die realistischeren sind, da sie besser mit den Beobachtungsdaten übereinstimmen.»

Rahmstof, der seit über 35 Jahren auf diesem Gebiet forscht, warnt, dass ein Zusammenbruch um jeden Preis verhindert werden solle: «Ich habe bereits gewarnt, als wir dachten, die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der AMOC liege vielleicht bei fünf Prozent.» Nun sehe es aber so aus, als würde die Wahrscheinlichkeit bei über 50 Prozent liegen.

Er fügt an: «Die dramatischsten und drastischsten Klimaveränderungen, die wir in den letzten 100'000 Jahren der Erdgeschichte beobachten, fanden statt, als die AMOC in einen anderen Zustand überging.»

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263 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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IHS_Maria
16.04.2026 18:34registriert Januar 2026
Ich erinnere mich daran, als Al Gore in seinem 1. Film das "Förderband des Ozeans" erklärte.

Es ist, gefühlt, soooo lange her...

Und doch scheinen wir immer noch nicht klüger geworden zu sein, als Kollektiv. Hauptsache, vor dem Weltuntergang noch einmal schnell nach Dubai fliegen.😔
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Janster
16.04.2026 17:43registriert März 2021
Der Artikel erwähnt es nur kurz, aber dieses Szenario hat das Abschmelzen sämtlicher Eismassen auf der Erde zur Folge. Was dann den Meeresspiegel ansteigen lässt um die besagten 100 - 200 Meter. Das hatten wir in der Erdgeschichte schon Mal in der Kreidezeit....
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John H.
16.04.2026 18:04registriert April 2019
Leider sagt "AMAG" wesentlich mehr Menschen etwas als "AMOC".
Vielleicht sollte man das Wort Kipppunkte auch einmal mit einer Entlassung oder einer Scheidung vergleichen.
Das geht auch schneller als man denkt.
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