Die SBB warnen: Es fehlen Milliarden für den Unterhalt
Noch ist im Bahnland Schweiz alles im Lot. Die Züge fahren pünktlich und sicher, die Schienen sind im passablen Zustand. Dennoch warnt Linus Looser, Leiter Infrastruktur bei den SBB: «Wir fahren im Moment auf dem Zahnfleisch und leben von der Substanz.» Man habe zwar nicht morgen Zustände wie auf dem Netz der Deutschen Bahn. Doch wenn man weiterhin Investitionen hinausschieben müsse, könne es in zehn bis 15 Jahren kritisch werden.
Die SBB beziffern den Rückstand beim Substanzerhalt auf 9,5 Milliarden Franken. Er ist allein im letzten Jahr um 12 Prozent angestiegen. Dieses Geld müsste die Bahn eigentlich in neue Schienen, Stromanlagen oder Bahnhöfe investieren. Doch dafür fehlen die Mittel. Deshalb greifen die SBB nur dort ein, wo es unbedingt nötig ist.
Diese notfallmässigen Reparaturen fallen längerfristig viel teurer aus als wenn man sie planmässig durchführen würde. Und irgendwann könnte ein Kipppunkt überschritten werden. Die Folgen wären Zugsausfälle oder Verspätungen. Den Ernst der Lage zeigt ein neuer Bericht zum Netzzustand, den die SBB am Freitag veröffentlicht haben: Den Gesamtzustand bewertet die Bahn noch mit der Note «ausreichend bis gut».
Geld, Geld, Geld
Damit der «Kipppunkt» nicht überschritten wird, fordert die Branche nun mehr Geld. Im Einnahmetopf, dem sogenannten Bahninfrastrukturfonds (BIF), soll die Politik zusätzliche Mittel für Unterhalt und Betrieb bereitstellen. Konkret soll der Betrag bis 2032 um jährlich fünf Prozent wachsen, danach um 4 Prozent. Zudem sei die Teuerung zu berücksichtigen. Der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) hat bereits konkrete Ideen, woher das Geld kommen soll: Das Mehrwertsteuerpromille soll verlängert, die Mineralölsteuer angezapft oder auf geplante Sparübungen verzichtet werden.
Dass die Branche über fehlendes Geld klagt, hat verschiedene Gründe. Die Kosten für den Unterhalt und Betrieb schiessen wegen steigender Anforderungen in die Höhe. Gleichzeitig will der Bundesrat bis 2045 den Schienenverkehr massiv ausbauen. Das bindet nicht nur zusätzliche Mittel, sondern treibt die Kosten für den Unterhalt weiter in die Höhe. Schliesslich müssen die neuen Schienen auch gewartet werden. Da der BIF insbesondere für die geplanten Ausbauten hinten und vorne nicht reicht, braucht es neue Finanzierungsquellen. Die Vorlage geht demnächst in die Vernehmlassung und kommt voraussichtlich 2028 vors Volk.
Die Warnungen von SBB-Manager Linus Looser sind vor diesem Hintergrund zu verstehen: Die Branche bringt sich bereits jetzt für die anstehende Abstimmung in Position. Die Botschaft lautet: Der Ausbau darf nicht auf Kosten des Unterhalts gehen. «Wir bremsen den Ausbau nicht», sagt Ueli Stückelberger, Direktor des VöV. «Er muss aber mit Mass erfolgen und darf nicht dazu führen, dass wir die Zuverlässigkeit und die Pünktlichkeit vernachlässigen.»
Trams oder Metro statt S-Bahn
Der Ausbau müsse vielmehr dort erfolgen, wo er den höchsten Kundennutzen bringe. Das heisst: Dort, wo tatsächlich Engpässe bestehen. Der Bundesrat plant aktuell mit den Schlüsselprojekten Neuchâtel – La-Chaux-de-Fonds, dem Ausbau des Bahnhofs Genf Cornavin, dem Ausbau des Bahnhofs Basel SBB, dem Zimmerberg-Basistunnel II, dem vierten Gleis Zürich Stadelhofen, einer ersten Etappe des Durchgangsbahnhofs Luzern und dem Grimseltunnel.
Stückelberger regt hier an, das Fahrplanangebot und nicht einzelne Projekte in den Vordergrund zu stellen. Zudem sei zu prüfen, wo statt einer Eisenbahn auch Tramlinien oder Metros gebaut werden könnten. Das sei kostengünstiger. Dazu braucht es allerdings ein neues Anreizsystem: Aktuell sind die Kantone daran interessiert, Eisenbahnlinien auszubauen, weil hier der Bund alles bezahlt.
Die Bahnbetreiber fordern nicht nur mehr Geld. Sie wollen es künftig auch sparsamer einsetzen. So sollen bei Unterhalts- und Umbauarbeiten nicht mehr teure Luxus-Lösungen zum Zug kommen, sondern pragmatische Ansätze. Eine Arbeitsgruppe arbeitet hier bereits daran, den entsprechenden Spielraum in den brancheneigenen Vorgaben und den Gesetzen auszuloten (CH Media berichtete). Allein am Zürcher HB könnten die SBB beispielsweise 100 Millionen Franken sparen, wenn sie einen Teil des Perrons bei der Einfahrtskurve nicht behindertengerecht umbauen müssten. (aargauerzeitung.ch)
