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Bild: shutterstock

Yonnihof

Ein anderes Leben streifen



Wenn man etwas Schönes erlebt, dann sollte man es packen und es behalten. Und man sollte davon berichten. Das werde ich nun tun. 

Vor einer Weile fuhr ich von Bülach nach Zürich. Als ich in den Zug stieg, hoffte ich, ganz nach Schweizer Manier, dass ich ein Abteil für mich haben würde. Dem war jedoch nicht so. Ich ging auf ein Abteil zu, in dem schon eine junge Frau sass und fragte – wieder ganz Schweizerin –, ob «da na frei isch». Sie antwortete nicht und sah mich etwas schüchtern an, wehrte sich jedoch nicht, worauf ich mich schräg vis-à-vis hinsetzte. 

Yonnihof Yonni Meyer

Es gesellte sich im Anschluss ein älterer, bärtiger, robuster Mann im Karohemd zu uns. Als er sich gesetzt hatte, fragte die junge Frau vorsichtig, ob er auch in Oerlikon aussteigen müsse, worauf er antwortete, nein, er fahre nach Zürich, aber sie beide würden das mit dem Aussteigen schon hinbekommen. Da lachte die junge Frau sehr laut, so laut, dass sich einige Passagiere nach ihr umdrehten. Nach ihrer Lachsalve sagte sie: «Wissen Sie, ich bin eben behindert.» Der Mann nickte kurz anerkennend und fügte an: «Ich auch. Wir alle. Nur sieht man’s uns halt nicht sofort an.» 

Da lachte es wieder von der Fensterseite her und auch ich merkte, wie die Herzlichkeit und die Offenheit des Mannes mir unbewusst ein Strahlen aufs Gesicht gezaubert hatten. Die beiden begannen, sich zu unterhalten. 

Der Mann fragte, was denn an diesem Oerlikon so besonders sei. Ihre Verwandten würden da wohnen, kam die Antwort. Aha. Ja, und wo denn sie herkäme. Aus Schaffhausen. Aha. Das sei aber schöner als Oerlikon, sie habe Recht, da zu wohnen. Und wieder schallte ein grelles Gelächter durch den Regio-Zug. 

Der Mann erzählte, er habe lange mit blinden Kindern gearbeitet. Oh, meinte da die junge Frau, da habe sie ja noch Glück, sie sei weder blind noch im Rollstuhl. Sie habe lediglich Mühe mit dem Laufen und sei im Kopf ein bisschen langsamer als alle anderen. «Ein bisschen langsamer zu sein würde uns allen manchmal gut tun», erwiderte der Mann und ich hätte ihn umarmen können. 

Und so ging es hin und her und immer wieder prustete die junge Frau los. 

Viel zu laut. Für uns. Genau richtig. Für sie. 

Mich rührte dieses Gespräch unwahrscheinlich. Der Mann begegnete der jungen Frau komplett auf Augenhöhe, behandelte sie nicht wie ein rohes Ei, scheute nicht, sie zu berühren, witzelte, sagte ihr, sie sei ein «zäher Hagel» und das fand sie super. Sowas sagte ihr wohl sonst nie jemand. 

Sie plapperte und plapperte, erzählte von ihren Eltern, vom Vater, der Herzprobleme habe, weshalb sie mit ihrer IV zum Haushaltsbudget beitragen müsse und nicht ausziehen könne. Als ob eine Baustelle nicht schlimm genug wäre. 

Und man habe bei ihr nun einen Diabetes Typ 2 festgestellt. Als ob zwei Baustellen nicht genug wären. 

Aber dann redete sie von den Verwandten und der Katze und wie schön sie es mit ihrer besten Freundin jeweils habe und die Baustellen waren vergessen. Der Mann sass neben ihr und applaudierte, wenn sie sich freute und tätschelte ihr die Hand, wenn sie Trauriges erzählte, und er war einfach ganz bei ihr, ohne Wertung. 

Ich beobachtete die beiden und war voller Liebe. Klingt kitschig, ist aber so. 

Als die junge Frau in Oerlikon ausgestiegen war, sagte ich dem Mann, ich hätte das ein unfassbar schönes Gespräch gefunden. Er nickte und sagte: «Schön, wenn man das Leben eines anderen Menschen streifen darf. Und doch geben sich alle so viel Mühe, einander so wenig wie möglich zu berühren. Als würde man laufend Geschenke ablehnen.» 

Als würde man laufend Geschenke ablehnen.

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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