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Die Angehörigenpflege im Goldrausch – wenige Klienten, hohe Gewinne

Wer der pflegebedürftigen Mutter beim Anziehen hilft, kann dies über eine Spitex-Firma abrechnen lassen.
Wer der pflegebedürftigen Mutter beim Anziehen hilft, kann dies über eine Spitex-Firma abrechnen lassen.Bild: Westend61

Der Goldrausch in der Angehörigenpflege

Aus Hilfe für pflegende Angehörige wurde ein Boomgeschäft. Private Spitex-Firmen wachsen rasant, die Kontrolle hinkt hinterher – und manche Gewinne sind auffällig hoch.
18.05.2026, 10:1718.05.2026, 10:48
Henry Habegger
Henry Habegger

Der Passant staunte, als er an einem Geschäft im Quartier vorbeikam. In der Wäscherei lagen Flyer auf: Die Inhaber betreiben nun auch noch eine private Spitex, spezialisiert auf Angehörigenpflege.

Das Geschäft mit der Pflege rentiert. Zahlen des Bundes zeigen: Das Unternehmen betreute 2024 gut zwei Dutzend Klientinnen und Klienten und erzielte einen Betriebsgewinn von knapp 150'000 Franken. 2025 verfünffachte die Firma ihren Umsatz. Den Grossteil der Einnahmen erzielte sie mit Langzeitpflege. Und die Familie ist auch in anderen Bereichen tätig: im Sanitärgeschäft und in der IT.

Das Beispiel steht für eine Entwicklung, in der Synergien, Opportunitäten und Schlupflöcher im Schweizer Gesundheitswesen genutzt werden. Es gibt viele tüchtige Geschäfts- und Pflegefachleute, viele aus Ländern wie Deutschland, dem Westbalkan oder der Türkei, dank deren die Versorgung funktioniert und Kosten gespart werden. Doch es sind auch Akteure unterwegs, die vor allem auf schnellen Gewinn aus sind.

Möglich machte den Boom ein Entscheid des Bundesgerichts von 2019: Krankenkassen müssen pflegerische Leistungen auch dann finanzieren, wenn sie von Angehörigen erbracht werden. Seither stellen manche Spitex-Organisationen Angehörige im Stundenlohn an, oft für 35 oder 40 Franken pro Stunde. Krankenkassen und Gemeinden vergüten jedoch bis zu 80 Franken und mehr pro Stunde. Aus der Differenz werden Administration, Betreuung, Kontrolle und Risiken finanziert. Bei manchen Anbietern bleibt sehr viel Gewinn übrig.

Unrecognizable senior woman getting help from caregiver with putting on socks.
Die Hilfe durch Angehörige ist für viele ein Vorteil: Pflegebedürftige können länger zuhause bleiben. Das entlastet Krankenkasse und Staatskasse.Bild: getty

Kontrolle der Leistung erweist sich als schwierig

Der Bund gibt seit einiger Zeit jährlich eine immer dicker werdende Statistik heraus. Ihr Titel: «Kennzahlen zu Schweizer Leistungserbringern der Krankenpflege und Hilfe zu Hause». Der jüngste Band, die Daten zu 2024, ist 1387 Seiten dick. Drei Jahre zuvor waren es noch 1162 Seiten. Dabei ist das Jahr, in dem die Angehörigenpflege so richtig boomte und ins Kraut schoss, noch gar nicht in der Publikation enthalten.

Für die Versicherer und die Behörden ist der neue Boom kaum zu kontrollieren. Auch, weil es bisher keine klare Unterscheidung gibt, welche Firmen zu welchen Teilen im herkömmlichen Spitex-Bereich tätig sind und welche in der boomenden Angehörigenpflege. Viele bieten beides an, was die Einschätzung, ob Abrechnungen gerechtfertigt sind, noch erschwert. Zudem muss die Spitex-Firma nicht in allen Kantonen ausweisen, ob eine Leistung von einer professionellen Pflegekraft oder von einem Laien ausgeführt wurde.

Darum buhlen immer mehr Firmen um das Geschäft mit Angehörigen: grosse und kleine, seriöse und weniger seriöse. Sie locken mit «attraktivem Stundenlohn», Sozialversicherung und beruflicher Vorsorge. Wer hinter einzelnen Unternehmen steht, bleibt auf manchen Webseiten unklar: Namen von verantwortlichen Personen fehlen – es geht offenbar nur darum, möglichst viele Kunden anzuwerben.

Wilder Wettbewerb um Kunden

Schätzungen zufolge zahlten Krankenkassen und Gemeinden 2024 über 100 Millionen Franken für Angehörigenpflege, 2025 bereits rund 150 Millionen. Zwischen 2022 und 2024 soll sich die Zahl der angestellten pflegenden Angehörigen verneunfacht haben. Diese waren gemäss Angaben des Bundes meist in einem Pensum von 20 bis 25 Prozent angestellt. Aber wie wird kontrolliert, welche Leistungen wirklich erbracht werden? Ob die Firmen korrekt abrechnen? Ob in der Langzeitpflege nicht zu viele Stunden abgerechnet werden?

Sicher ist: Die Aussicht auf Gewinn lockt sehr unterschiedliche Akteure an. Ein Beispiel ist eine GmbH im Kanton Zürich, die seit etwa einem Jahr aktiv ist und stark steigende Umsätze verzeichnet. Der Betreiber versuchte sich im Bereich Gastro und Konsumgüter. Heute wirbt er mit Vergütungen von bis zu 45 Franken für pflegende Angehörige. Das ist deutlich mehr als der umstrittene Branchenprimus Pflegewegweiser verspricht, der derzeit mit einem Stundenlohn von 37.90 Franken wirbt.

Deux policiers de l'Office federal de la police, gardent l'entree du Tribunal federal lors de la ceremonie officielle du 150eme anniversaire du Tribunal federal le jeudi 15 mai 2025 a Lausan ...
2019 entschied das Bundesgericht, dass Krankenkassen Pflegearbeiten von Angehörigen über eine Spitex-Anstellung vergüten müssen.Bild: KEYSTONE

Vielleicht ist der türkischstämmige Schweizer bloss ein Strohmann, der Internet-Auftritt seines Unternehmens wirkt wie viele andere im Markt: Die Bilder stammen aus Pools oder sind KI-generiert. Zwei Pflegefachfrauen mit typischen Schweizer Nachnamen sind abgebildet, doch von den Vornamen steht nur ein Initial da. Gibt es diese Pflegerinnen überhaupt? Zweimal ist dieselbe Person zu sehen, nur mit anders gekämmten Haaren. Diese Seite und andere Seiten richten sich auffällig an fremdsprachige Kundschaft; es gibt sie unter anderem auf Albanisch, Arabisch, Russisch und Türkisch. Fest steht: Die Firma verzeichnete zuletzt stark steigende Umsätze.

Vorreiter sieht die Politik in der Pflicht

Unbestritten ist: Angehörigenpflege ist grundsätzlich sinnvoll. Pflege zu Hause kann für Betroffene besser sein und die öffentliche Hand entlasten, weil sie oft günstiger ist als ein Heimplatz. Dass pflegende Angehörige entschädigt werden, hat der Glarner Anwalt Hardy Landolt 2019 vor Bundesgericht erstritten. Heute ist er mit seinen Spitex-Firmen selbst ein grosser Player in diesem Markt.

Landolt sagte soeben der «SonntagsZeitung»: «Ja, ich war der Erste, der eine solche Firma gründete. Teils gehe es um Menschen, die ihren Job aufgegeben oder stark reduziert hätten, um schwer kranke Familienmitglieder zu pflegen. Nachdem ihm die Gerichte recht gegeben hätten, habe er die Entschädigung auch praktisch ermöglichen wollen.

Dass der Markt aus dem Ruder läuft, sieht Landolt als Folge politischer Untätigkeit. Die Politik weiche zentralen Fragen aus: Einerseits wolle niemand offen sagen, dass das Gesundheitswesen dafür zusätzliche Milliarden brauche. Andererseits sei es unpopulär zu erklären, dass Angehörige künftig einen Teil der Pflegearbeit gratis leisten müssten.

Hohe Gewinne mit wenigen Klienten

Die Rede von zusätzlichen Milliarden dürfte Geschäftemachern gefallen. Ob mit reiner Angehörigenpflege oder einem Mix mit Spitex: Schon mit wenigen Klienten lässt sich heute offensichtlich viel Geld verdienen.

In den Bundesstatistiken erscheint etwa eine Spitex im Kanton Aargau, die 2024 mit acht Kunden einen Betriebsgewinn von gut 120'000 Franken erzielte. Das Unternehmen rechnete pro Langzeitpflegefall 450 Stunden ab, das Neunfache des kantonalen Durchschnitts. So konnte es 42'000 Franken pro Fall verrechnen, hatte aber nur 27'000 Franken Aufwand.

Selbst mit wenigen Klienten lassen sich in der Angehörigenpflege hohe Gewinne erwirtschaften.
Selbst mit wenigen Klienten lassen sich in der Angehörigenpflege hohe Gewinne erwirtschaften.Bild: getty

Gewinne von über 10'000 Franken pro Klient sind keine Seltenheit. Eine 2020 gegründete Spitex in Zürich betreute 2024 gemäss Bundesdaten rund 150 Kunden, etwa 50 mehr als im Vorjahr. Der Gewinn stieg von knapp einer Million auf gut 1,7 Millionen Franken. Das ergibt fast 12'000 Franken pro Klient. 2025 steigerte die Firma ihren Umsatz erneut deutlich. Der Alleininhaber, ein Schweizer mit Migrationsgeschichte, arbeitete früher als Pflegeleiter in Spitex-Firmen und machte sich dann selbstständig.

Mindestens 25 Spitex-Firmen wiesen 2024 Gewinne von über einer halben Million Franken aus. Zur Spitzengruppe gehört eine 2021 in der Ostschweiz gegründete Spitex, deren Besitzer ursprünglich aus Südasien stammen und in mehreren Kantonen aktiv sind. Allein im Aargau erwirtschaftete die Firma 2024 mit bloss 13 Klienten einen Gewinn von knapp 170'000 Franken. Laut Bundesdaten standen einem Aufwand von 130'000 Franken Erträge von 300'000 Franken gegenüber. Auch diese Firma steigerte ihren Umsatz 2025 massiv; definitive BAG-Zahlen liegen noch nicht vor.

Rasant steigende Umsätze

Ein weiteres Beispiel findet sich im Kanton Zürich. Im Dezember 2024 machte ein Unternehmen 42'000 Franken Umsatz. Ein Jahr später waren es 1,28 Millionen Franken. Die GmbH gehört einer Pflegefachfrau. In derselben Region betreiben zwei ebenfalls aus dem Westbalkan stammende Frauen seit 2024 eine Spitex. Der Umsatz stieg rasant und betrug 2025 bereits bis zu 100'000 Franken im Monat. In ihrer Diaspora präsentieren sich die Frauen als erfolgreiche Unternehmerinnen, die es in der Schweiz trotz schwieriger Ausgangslage geschafft haben. Dass die Klienten bei solchen Einrichtungen häufig aus der gleichen Diaspora stammen, erleichtert die Kontrolle der verrechneten Leistungen nicht.

Es gibt Dutzende solcher Gesellschaften. Viele sind aus dem Nichts entstanden. Manche nutzen Verbindungen zu anderen Branchen, manche rekrutieren ihre Kundschaft gezielt über Netzwerke unter Landsleuten, was auch die externe Kontrolle erschwert. Ähnliche Muster kennt man etwa aus der Versicherungsbranche, wo Kundenstämme von einem Arbeitgeber zum nächsten transferiert werden und hohe Boni auslösen.

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Die 10 zufriedenstellensten Jobs der Schweiz
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Die 10 zufriedenstellensten Jobs der Schweiz

Berufstätige in der Pflege sind gemäss einer neuen Studie führend bei der Arbeitszufriedenheit

👉 Insgesamt attestierte die Studie des Forschungsinstituts Sotomo, die am Dienstag veröffentlicht wurde, der Pflegebranche die höchsten Zufriedenheitswerte. Dabei konnten kaum Unterschiede nach Geschlecht festgestellt werden.

👉 Ältere Arbeitnehmende empfinden laut der Studie häufiger ein Gefühl der Erfüllung und des Stolzes. Dieses Gefühl sei für ein erfülltes Arbeitsleben mitunter entscheidend.

👉 Wichtig für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz seien aber nicht nur die Sinnhaftigkeit und Erfüllung im Beruf. Auch strukturelle Rahmenbedingungen müssen gemäss der Studie gegeben sein. Diese bewerteten Berufstätige aus der Pflegebranche weniger positiv. Insbesondere bei der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben soll es laut Studie hapern.

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Die beliebtesten Kommentare
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Snowy
18.05.2026 10:27registriert April 2016
Eine bekannte von mir pflegt seit einigen Tagen ihren kranken Ehemann zu Hause.

Seither erhält sie fast täglich Anrufe von solchen Gauner-Firmen. Woher sie ihre Nummer haben, weiss sie nicht. Zuerst waren sie freundlich.
Nun versuchen sie meine Bekannte zu Bedrängen:
"Warum pfelgen sie ihren Mann gratis, dafür gibts Geld vom Staat!"
"Wir können sie im Stundenlohn anstellen, selbst wenn sie gar nicht wirklich arbeiten etc".

Das kann's einfach nicht sein - zeigt aber exemplarisch woran unser Gesundheitssystem krankt. Zuviele Anspruchsgruppen, Lobbyismus und zu wenig Eigenverantwortung.
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Robin Hood
18.05.2026 10:31registriert Januar 2014
Goldrausch bei den Anbietern, und dafür stetig steigende Krankenkassenprämien. Ein absoluter Missstand den es umgehend zu korrigieren gilt. Wo bleibt die Politik?
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Schlaf
18.05.2026 10:29registriert Oktober 2019
Die Frauen der Barbershopbetreiber haben auch ein Geschäftsfeld gefunden.

Traurig, ist aber so!
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