Depression: Warum Roche & Co. trotz enormer Kosten kaum dazu forschen
Der Aargauer Schriftsteller Hermann Burger verglich seine Depression mit einer «Scheintotenstarre»: «Unsere Reflexe sind gestorben, wir sind dringend darauf angewiesen, dass der Gesunde einen Schritt auf uns zu macht.»
Diesen Schritt sind viele Gesunde gegangen. Wer psychisch krank ist, kann inzwischen auf mehr medizinische Hilfe und gesellschaftliches Verständnis zählen als der manisch-depressive Schriftsteller, der 1986 noch beklagte, die Aussenstehenden «verschanzen sich hinter ihrer unheilbaren Gesundheit» und begegneten depressiven Personen mit Angst.
Heute reden Betroffene freimütiger über Diagnosen, Therapiesitzungen oder Klinikaufenthalte. Doch die Annäherung zwischen Gesunden und Kranken ist längst nicht abgeschlossen. Im Gegenteil. Es gibt auch Bereiche, wo sich der Abstand zu den Patienten wieder vergrössert hat: namentlich in der Pharmaindustrie.
Lass dir helfen!
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
Die beiden Basler Pharmariesen haben ihre Forschung zu psychischen Krankheiten praktisch aufgegeben. Roche führt derzeit keine einzige klinische Studie zu einem neuen Antidepressivum durch. Stattdessen konzentriert sich der Konzern in der Psychiatrie und Neurologie vollständig auf Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose. Das letzte Antidepressivum von Roche namens Aurorix kam vor mehr als 30 Jahren auf den Markt. Dasselbe bei Novartis: Ausser einer Studie zu einem neuen Mittel gegen Schizophrenie läuft beim zweiten Basler Pharmariesen keine Forschung zu psychischen Krankheiten.
Angesichts der Zahlen müssten die Prioritäten klar sein
Das ist bemerkenswert, weil die Vorgängerfirma Geigy in der Psychopharma-Entwicklung einst weltweit führend war. Der Thurgauer Psychiater Roland Kuhn entdeckte Anfang der 1950er-Jahre – in höchstproblematischen Versuchen an nicht eingeweihten Patienten – zufällig, dass ein Geigy-Mittel depressiven Patienten Linderung verschaffte. Das Medikament Tofranil ging als erstes Antidepressivum in die Medizingeschichte ein.
Die Entdeckung läutete die Ära der Psychopharmaka ein. Auch Roche folgte der Aufbruchstimmung und entwickelte 1960 Librium sowie Valium gegen Angststörungen. Seine Vorreiterrolle hat Novartis, entstanden 1996 aus der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz, mittlerweile aufgegeben. 2017 hat der Konzern Tofranil vom Markt genommen.
Das schwindende Interesse der hiesigen Pharmaindustrie erstaunt. Schliesslich betonen die Firmen gerne, sie forschten dort, wo der grösste Bedarf besteht. Angesichts der Zahlen müssten psychische Krankheiten oben auf der Prioritätenliste stehen. In der Schweiz leidet jeder Zehnte an mittelschweren bis schweren Depressionssymptomen. Besonders betroffen sind Frauen und junge Menschen.
Die Schäden sind vielfältig – und enorm
Eine Depression belastet zuerst die Betroffenen. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung sinkt gemäss Studien um bis zu zehn Jahre. Somit ist die Krankheit schädlicher als Rauchen. Dank Psychotherapie und medikamentöser Behandlung können zwar viele die Krankheit überwinden oder finden zumindest einen lebenswerten Umgang damit. Doch der Weg zur Besserung ist weit.
Nicht nur die Suche nach einem Therapeuten ist schwierig. Auch ein passendes Medikament zu finden, funktioniert nach dem «Trial and Error»-Prinzip. Die Patienten müssen meist verschiedene Mittel ausprobieren, bis eines anschlägt. Bei jedem neuen Versuch folgen unangenehme Nebenwirkungen.
Nicht zu unterschätzen sind die wirtschaftlichen Auswirkungen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt, dass psychische Krankheiten einen Schaden von jährlich 313 Milliarden Euro verursachen. Das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung von Tschechien.
Warum lassen Roche, Novartis & Co. angesichts dieser erdrückenden Zahlen psychische Krankheiten links liegen? Antworten darauf hat Erich Seifritz, Direktor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
«Das Hauptproblem ist, dass Antidepressiva für die Industrie offenbar kein Geschäftsmodell mehr sind. Es ist sehr schwierig, ein solches neues Medikament gewinnbringend auf den Markt zu bringen», sagt Seifritz, «und das, obwohl Depressionen zu den häufigsten Krankheiten zählen und theoretisch ein grosser Markt da wäre.»
Für diesen Widerspruch gibt es verschiedene Gründe. Einer ist, dass die Depression eine hochkomplexe Krankheit ist. «Wir verstehen noch immer nicht genau, welche spezifischen molekularen Veränderungen im Gehirn mit einer Depression einhergehen», sagt Seifritz. Dementsprechend unsicher und teuer ist die Forschung, um diese Mechanismen zu ergründen.
Die Suche nach einer Kur bei anderen Hirnerkrankungen wie der Multiplen Sklerose ist zwar auch nicht einfach. Doch hier kennt die Wissenschaft etwas präziser die Mechanismen, über welche ein Medikament ansetzen muss. «Davon sind wir bei Depressionen noch weit entfernt», sagt Seifritz.
Wer an einer Depression leidet, dessen Hirn weist vermutlich einen Mangel der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin auf. Diese Neurotransmitter steuern Stimmung und Antrieb. Die bekannten Antidepressiva setzen deshalb hier an und verbessern die Versorgung mit diesen Stoffen.
Dass mehr Serotonin oder Noradrenalin die Stimmung heben können, ist zwar in der Praxis erwiesen. Viele Betroffene berichten über eine Besserung. Doch welche Mechanismen im Körper genau ablaufen, ist nach wie vor unklar. Erschwerend für die Forschung kommt hinzu, dass solche biologischen Ursachen keine alleinige Erklärung bieten. Hinzu kommen psychologische Faktoren wie grosser Stress oder unverarbeitete Traumata.
Wie erkenne ich eine Depression und was mache ich dagegen?
«Es gibt nicht die Depression. Darum wird es auch nicht die eine Pille dagegen geben», sagt Erich Seifritz. Das ist neben der aufwendigen Ursachenforschung ein weiterer Grund, weshalb sich die Industrie lieber auf klarer eingegrenzte Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson konzentriert: Neue Antidepressiva müssen besser wirken als ihre Vorgänger – idealerweise bei weniger Nebenwirkungen. Das schaffen sie nur, wenn sie sich auf eine spezifische Unterform der Krankheit konzentrieren. «Das sorgt dafür, dass sich der Markt aufteilt und sich die Gewinnchancen reduzieren», sagt Seifritz.
Ketamin, Ayahuasca und Bluttests
Der Pharmakonzern Roche nimmt auf Anfrage nur allgemein Stellung. Man habe aktuell keine klinischen Studien für psychiatrische Indikationen am Laufen – und man könne auch nicht darüber spekulieren, ob sich das ändern wird. Und Novartis konzentriert sich laut eigenen Angaben auf einige der schwerwiegendsten und bislang unzureichend behandelten neurologischen Erkrankungen.
Psychiater Erich Seifritz bleibt dennoch hoffnungsvoll. Es gebe durchaus Firmen, die weiterhin forschten. Dazu gehört etwa der US-Konzern Johnson & Johnson. Das Unternehmen hat einen Ketamin-Nasenspray lanciert, der bei schweren Depressionen angewendet wird. Dieser ist seit 2020 auch in der Schweiz zugelassen.
Potenzial sieht Seifritz auch in Psychedelika wie Psilocybin, LSD oder Ayahuasca: «Die ersten klinischen Studien sind vielversprechend.» Die Zürcher Klinik hat selbst bei einem Versuch des Zürcher Start-ups Reconnect Lab mit Ayahuasca teilgenommen. Psychedelika wirken unter anderem, indem sie die sogenannte Neuroplastizität des Gehirns stimulieren, also seine Fähigkeit, Nervenzellen immer wieder neu zu vernetzen. «Der Patient öffnet sich so für psychotherapeutische Interventionen. Idealerweise verlernt er negative Denkmuster und Verhaltensweisen und lernt neue», sagt Seifritz.
Eine gezieltere Behandlung verspricht weiter ein neuer Bluttest namens Edit-B, der in der Schweiz erst letzten Herbst zugelassen wurde. Er gibt Aufschluss darüber, ob jemand unipolar depressiv oder bipolar depressiv ist. Bei Zweiterem wechseln sich Hochgefühl und Niedergeschlagenheit ab. Je nach Diagnose greifen die Ärzte auf andere Therapien zurück. Daneben existieren Gen-Tests. Sie sollen vorhersagen, ob ein Antidepressivum bei einer Person wirkt oder nicht. Damit würde die mühsame Suche nach dem Zufallsprinzip entfallen.
Diese Entwicklungen wertet Erich Seifritz positiv. «Ich erwarte, dass man bei bestimmten Formen der Depression sehr gute Medikamente finden wird.» Doch dafür braucht es Geduld – und Medikamentenhersteller, die wieder einen Schritt auf die Patienten zugehen. Auch, wenn anderswo höhere Gewinne locken.
