Wie Zug in die «Nostalgie-Falle» getappt ist
Der EV Zug ist in die erste veritable Krise seit mehr als zehn Jahren gerutscht. Im Frühjahr 2014 haben die Zuger unter dem flamboyanten Doug Shedden letztmals die Playoffs verpasst und der Misserfolg kostete Sportchef Jakub Horak den Job. Seither reichte es immer mindestens zu Platz 6 und in zehn von elf Jahren sogar für die Top 4.
Diese erfolgreichste Zeit der Klubgeschichte brachte zwei Meistertitel plus zwei Finals. Parallel dazu sind Infrastruktur und die wirtschaftliche Grundlage so gut ausgebaut worden, dass der EV Zug inzwischen als Hockey-Vorzeigeunternehmen gilt. Die Erwartungen im Publikum, im Umfeld und im Unternehmen selbst sind richtigerweise hoch. Das Ziel: Wieder Meister werden.
Nach 18 Siegen und 21 Niederlagen liegt Zug auf Platz 8. Das Team hat 2026 noch keine Partie gewonnen. Eine veritable Krise also. Die Suche nach Ursachen und Sündenböcken ist nicht einfach und die Kritik am Trainer greift zu kurz. Um es auf den Punkt zu bringen: Sportchef Reto Kläy ist in die Nostalgiefalle getappt.
Wenn in einem Team mit guten Schweizer Spielern die Ausländerpositionen vorzüglich besetzt sind – im Idealfall mit vier aussergewöhnlichen und zwei überdurchschnittlichen Spielern – dann reicht es für einen Spitzenplatz. Aus dieser Erkenntnis heraus haben die Zuger im letzten Frühjahr gleich drei Ausländer mit Kostenfolge verabschiedet (Gabriel Carlsson, Fredrik Olofsson, Niklas Hansson) und durch David Sklenicka, Dominik Kubalik und Tomas Tatar ersetzt. Die finanziellen Mittel dazu hatten sie. So gesehen: Reto Kläy hat alles richtig gemacht.
Aber bei dieser Korrektur ist er in die Nostalgie-Falle getappt und hat Jan Kovar (35) behalten. Er hatte dessen Vertrag im Dezember 2024 vorzeitig bis 2027 verlängert. Wegen überragender Leistungen in der Vergangenheit. In den Meisterjahren war Kovar der überragende Leitwolf und Dirigent. Der Zweijahresvertrag war also eine Form der Anerkennung für geleistete Dienste. Nostalgie.
Inzwischen ist der Tscheche zwar formal als Captain immer noch Leitwolf mit einer zentralen Position in der Teamhierarchie. Aber diese Position wird nicht mehr durch Leistung untermauert und deshalb stimmt die Hierarchie nicht mehr. Im 7. Jahr in Zug muss sich Kovar erstmals eine Minus-Bilanz (-8) notieren lassen.
Bei der Konzentration auf die – erforderliche – Verbesserung der Ausländerpositionen hat Reto Kläy mit Attilio Biasca (22) und Ludvig Johnson (19) zwei wichtige eigene Talente (zu Gottéron) und mit Dario Simion (31) einen erfahrenen Nationalstürmer (zu Lugano) verloren. Bessere Ausländer, weniger gute Schweizer. Und weil der Teufel nie schläft, kommt ausgerechnet in dieser schwierigen Umbruchphase überdurchschnittliches Verletzungspech dazu: Die Ausfälle von Schlüsselspielern wie Lukas Bengtsson, Lino Martschini und Raphael Diaz würden jedem NL-Team zu schaffen machen.
Die «NZZ» sagt dazu gar, das sei so, wie wenn den ZSC Lions dauerhaft Sven Andrighetto, Mikko Lehtonen und Yannick Weber fehlen würden. Auch beim Trainer ist der Sportchef in die Nostalgie-Falle getappt: Trainer Dan Tangnes ist der Architekt des modernen, meisterlichen Zug. Der charismatische Norweger hat die ganze Organisation während sieben Jahren weit über den Sport hinaus geprägt. Wer ein wenig boshaft ist, kann durchaus sagen, dass Manager Patrick Lengwiler und Sportchef Reto Kläy erst in seinem Windschatten geworden sind, was sie heute sind.
Sieben Jahre sind für einen Trainer im Hockey eine Amtszeit von biblischer Dauer. Was lag nun näher, als einen von Dan Tagnes ausgebildeten Nachfolger zu engagieren? Also ist Michael Liniger auf diese Saison vom Assistenten zum Cheftrainer befördert worden. Der Emmentaler ist ein fähiger Bandengeneral mit einer profunden Ausbildung und starker Persönlichkeit. Aber der nächste Dan Tangnes kann er nicht sein. Aber ein neuer Trainer ohne Vergangenheit im Klub und mit einer neuen Philosophie hätte es mit ziemlicher Sicherheit ein wenig einfacher gehabt. Es gibt keinen zweiten Dan Tangnes.
Selbst wenn Michael Liniger diese Herausforderung nicht meistert – er wird eine schöne Karriere in der höchsten Liga machen. Nichts ist für einen Sportchef so schwierig wie die Erneuerung eines ruhmreichen Teams. Sportlicher Aufstieg und Niedergang sind die Gezeiten des Mannschafsportes. In Zug wird dieses «Naturgesetz» durch die Verkettung mehrerer Faktoren – Ausländer, Verletzungspech, Trainerwechsel – zusätzlich erschwert.
Trainer Michael Liniger hat einen Vertrag bis 2027, und der EVZ hat seit 2014 nie mehr einen Coach während der Saison entlassen. Trainerwechsel vor der Zeit entsprechen nicht dem Stil dieses Hockeyunternehmens.
Entscheidend ist die Korrektur einer Fehlentwicklung. Zügig, aber ohne Hast, mit einer Berücksichtigung der Lehren aus der Vergangenheit, aber ohne dass die Nostalgie notwendige und oft schmerzhafte personelle Änderungen blockiert. Eine Krise ist im Idealfall eine kurzzeitige Ausnahmesituation und wird nicht zum Dauerzustand. Eine goldene Regel aus dem nordamerikanischen Profihockey gilt eigentlich auch für Zug: Der General Manager (bei uns der Sportchef) darf sich dreimal beim Trainer irren. Dann muss er selbst das Büro räumen. Bei uns kommt noch dazu: Er darf sich höchstens drei Saisons beim ausländischen Personal irren.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Für Reto Kläy ist also auch im Falle einer Vertragsauflösung mit Michael Liniger noch nicht Matthäi am Letzten.
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