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Nokia's Chairman Risto Siilasmaa speaks during the company's shareholder's meeting in Helsinki, Finland, Wednesday, May 30, 2018. (Antii Aimo-Koivisto/Lehtikuva via AP)

Risto Siilasma hat Nokia vom Handy-Hersteller zum führenden Mobilfunkriesen transformiert. Bild: AP/Lehtikuva

«Nokia war die beste Firma der Welt – das führte zu ihrem Niedergang»

Risto Siilasmaa hat den Abstieg und Wiederaufstieg des finnischen Mobilfunkriesen aus nächster Nähe erlebt. Er erzählt, wie sich die 153 Jahre alte Firma neu erfinden musste.

26.09.18, 15:41 26.09.18, 17:54

Daniel Zulauf / Nordwestschweiz



«Losing touch?» Die Bodenhaftung verlieren? Den Teilnehmern des Forums der Schweizerischen Management-Gesellschaft erschliesst sich nicht spontan, weshalb das diesjährige Tagungsmotto als Frage formuliert ist. Man schwebt oder man schwebt nicht. Oder gibt es da noch etwas dazwischen? Nokia-Verwaltungsratspräsident Risto Siilasmaa nickt und gibt damit schon eine der ersten Erkenntnisse weiter, die er vor zehn Jahren als junges Mitglied der Nokia-Führung zu sammeln anfing. «Wenn Firmen die Bodenhaftung verlieren, dann tun sie alles, um dies zu verbergen», weiss der 52-Jährige aus eigener Erfahrung. «Aber das macht die Sache nur noch schlimmer.» Darum habe er ein Buch über Nokia geschrieben. «Ich will, dass unsere Mitarbeiter Bescheid wissen über die Fehler, die da gemacht wurden.»

Nokia war ein Gigant, als der Jungunternehmer und Technologiefan Siilasmaa 2008 den Board-Room erstmals betreten durfte. Die Firma verantwortete gegen 5 Prozent der finnischen Wirtschaftsleistung. 25 Prozent aller Exporte kamen aus ihren Fabriken. Um zehn Jahre Erfahrung reicher, sagt der Manager heute: «Nokia war die beste Firma der Welt. Das führte zu ihrem Niedergang.» In der nüchternen Art, wie der Ingenieur fast ohne grosse Gesten und Mimik die Geschichte erzählt, gewinnt sie immer weiter an Glaubwürdigkeit – und an Dramatik. «Transforming Nokia», sein Buch, das im Oktober in den Handel kommt, lese sich wie ein «Thriller», hört man.

Die sehenswerte BBC-Doku «The rise & fall of Nokia»

Im Jahr 2003 zeigte Johannes Väänänen den Nokia-Managern und anderen Handy-Herstellern ein Touch-Smartphone. Sie waren nicht interessiert. Vier Jahre später kam das iPhone (ab Minute 42).  Video: YouTube/tizrovideo

Vom Erfolg geblendet

Der immense Erfolg und der Glamour des Weltkonzerns hätten zunächst auch ihn als Aussenseiter im Board geblendet, räumt der Finne im Gespräch ein. Das Vertrauen im Unternehmen in die eigenen Möglichkeiten war schier grenzenlos. Niemand in der Führungsetage hielt es für nötig, etwas zu unternehmen, auch als die Realität in Form der ersten schlechten Nachrichten Einzug hielt. Die aufklappbaren Telefone der Konkurrenz verkauften sich in vielen Märkten ausgezeichnet. «Kein Problem», hiess es in der Zentrale in Helsinki: «Wenn wir als Marktführer nicht einsteigen, wird das Produkt quasi von selber aussterben.» Doch die Konkurrenz liess nicht locker. Sie lancierte Multi-SIM-Geräte. Die waren besonders beliebt bei den indischen Konsumenten, aber nicht bei Nokia. Siilasmaa war irritiert. Die Irritation mutierte zu Misstrauen – die schlechten Nachrichten häuften sich.

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Das Lumia 800 von Ende 2011: Moderne Nokia-Smartphones kamen viel zu spät auf den Markt.

Die Smartphones von Samsung und Apple setzten zum Höhenflug an. «Lumia», die heillos verspätete Antwort aus dem Hause Nokia, kam kaum vom Fleck. Angst machte sich breit. Im Mai 2012 ernannte man den nicht mehr ganz so unerfahrenen Siilasmaa zum Chairman, dem Vorstandsvorsitzenden. Zu diesem Zeitpunkt war Nokia schon fast im freien Fall. Was danach geschah, steht in den Geschichtsbüchern. 2013 verkaufte Nokia das Telefongeschäft an Microsoft – für läppische 5.4 Milliarden Euro. Von den 56 000 Mitarbeitenden, die der Konzern in seinem einstigen Kerngeschäft noch beschäftigte, wechselten 32 000 zum US-Computerriesen. Ein kleiner Rest von 7000 Leuten blieb bei Nokia. Tausende mussten entlassen werden.

Aus Nokia gingen 1000 neue Firmen hervor

Viele wählten den Weg in die Selbstständigkeit. 50'000 Euro Startkapital gab Nokia jedem mit, der bereit war, diesen Schritt zu wagen. 1000 Firmen entstanden daraus. Wie viele davon heute noch existieren, weiss Siilismaa nicht. Doch zwei Jahre später zeigten sich 85 Prozent der Betroffenen glücklich oder sogar sehr glücklich mit ihrer neuen Situation, zitiert er eine damalige Befragung. Zwei Drittel der weich Gelandeten hätten schon gewusst, was sie nach der Zeit bei Nokia tun würden, als sie noch im Sold des gefallenen Giganten standen.

Das passt zu einer anderen Erkenntnis aus jenen dunklen Zeiten. «Denke immer in Alternativen» (und schliesse das schlimmstmögliche Szenario mit ein), schreibt Siilasmaa in seinem Buch, das in der finnischen Originalversion den Titel «Paranoider Optimismus» trägt. «Der Schlüssel zum richtigen Umgang mit den Gefahren des Erfolgs liegt nicht im Fehlermanagement, sondern in der Kultur einer Firma», sagt er. Der Niedergang von Nokia ging in erstaunlicher Stille, ganz ohne Streik vonstatten. Kaum ein ehemaliger Mitarbeiter eilte zu den Medien, um die Firma schlechtzureden. Die Leute seien loyal geblieben, weil sie sich auch in den schlechten Zeiten respektvoll behandelt fühlten, glaubt der Chairman.

Neue Firma, neues Personal

Die 153 Jahre alte Firma hat sich inzwischen neu erfunden. 2015 schwang sich Nokia mit dem Kauf von Alcatel-Lucent zum weltweit tätigen Vollanbieter für die anspruchsvollsten Netzwerke auf. Die Angebotsbreite und die globale Ausrichtung in der «programmierbaren Welt», in der das Internet zunehmend dazu dient, nicht mehr nur Menschen, sondern Objekte wie Maschinen und Fahrzeuge und ganze Fabriken miteinander zu vernetzen, ist heute das Alleinstellungsmerkmal von Nokia. Die Firma zählt wieder mehr als 100'000 Mitarbeiter. Von diesen sind noch 6000 in Finnland tätig. Der Anteil der Angestellten aus der alten Nokia beträgt weniger als 1 Prozent.

In der bevorstehenden Einführung des neuen Mobilfunkstandards (5G) sieht Siilasmaa eine Chance. Der Standard könne zum «Game Changer» werden. Dass Nokia im Netzwerkgeschäft auf Augenhöhe mit der chinesischen Huawei agiert, macht den Chairman stolz. Auch dass er wieder das grösste Unternehmen Finnlands präsidiert, ist ein starker Erfolgsbeweis. Doch Siilasmaa sorgt sich um Europa. «Unser Kontinent ist zurzeit nicht sehr wettbewerbsstark im Technologiesektor», sagt er. Von den 45 wichtigsten Technologiefirmen der Welt sind gerade mal drei europäisch: SAP, Nokia und Ericsson. Dabei kämen immer noch 30 Prozent der Innovationen aus europäischen Universitäten. «Irgendwie scheint die Verbindung zwischen der Forschung und ihrer kommerziellen Nutzung in Europa unterbrochen zu sein.» (aargauerzeitung.ch)

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • marcog 27.09.2018 09:54
    Highlight Das Problem bei der Entwicklung von Grosskonzernen ist weit verbreitet. Ein weiteres Beispiel ist Xerox mit dem Quasimonopol auf Kopierer. Zuerst kommen ein paar Ingenieure, welche eine gute Idee haben und kriegen eine Monopolsstellung. Um diese maximal auszuschlachten werden Manager angestellt, welche aber keine Ahnung von der Technik haben. Dadurch kommt der Fortschritt zum Erliegen und sobald es ernsthafte, innovative Konkurenz gibt, ist die Firma weg vom Fenster.
    Der Dokummentarfilm zu Nokia ist sehr sehenswert, und erklärt auch ziemlich genau diesen Prozess.
    5 1 Melden
  • infomann 27.09.2018 04:57
    Highlight Der Satz.
    Nokia ist vom Erfolg geblendet.
    Bei diesem Satz kommt mit eine Firma in den Sinn die heute genau so geblendet zu sein scheint.
    Apple. ......so schnell kann alles dahin schmelzen.
    17 0 Melden
  • -SEPP- 26.09.2018 20:17
    Highlight Mein neues NOKIA 8. So schöööön.....
    21 4 Melden
    • Mia_san_mia 26.09.2018 21:46
      Highlight Mein Huawei ist schöner.
      4 7 Melden
    • Gianni48 26.09.2018 22:47
      Highlight Ja, seit ich Nokia 8 Smartphones nutze bin ich wieder äusserst zufrieden. (Monatliche Sicherheitsupdates und Upgrades auf neue Android-Versionen sind selbstverständlich. So kommt demnächst Android 9 auf alle Nokias. Von solchen Dingen träumte ich bei Samsung ständig, nur wurden sie nie erfüllt. So habe ich mich endgültig von Samsung verabschiedet. Es lebe Nokia mit der Entwicklung in Finnland und der Montage in China aus derselben Küche wo auch die iPhones herkommen (z. B. mein kleines iPhone 5 SE.
      14 1 Melden
  • -SEPP- 26.09.2018 20:14
    Highlight Mein erstes Mobile war ein Motorola. Mein zweites Mobile war ein NOKIA. Mein drittes Mobile war ein NOKIA. Mein viertes Mobile war ein NOKIA. Mein fünftes Mobile war ein NOKIA. Mein s........ Dann musste ich ich lange Zeit warten aber mein "letztes" NOKIA begleitete mich jahrelang, treu jeden Tag. Manchmal dachte ich, wie wird das je wieder weitergehen.
    Dann ging die Sonne auf und das NOKIA war wieder da. Sofort ging ich in den nächsten Laden und kaufte mir das NOKIA 8. Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden.
    9 1 Melden
  • dash72 26.09.2018 19:55
    Highlight Ich kenne gewisse Nokia Manager. Ihr Ziel war nur noch die Pension zu erreichen. Selten solchen Egoismus erfahren. Die haben ganz viele kompetente Leute einfach nur in den Sand gesetzt und leben heute sehr gut finanziell aber mit einer hohen emotionalen Bürde. Darauf angesprochen, zeigen sie mir den Finger. Das ist auch mit uns passiert.diese Generation von Managern stirbt kläglich ab und sie werden immer mit einem schlechten Gewissen leben müssen. Mittelfinger für diese Generation. Gut zu sehen, dass es neue Energie gibt. Aber vor dem Manager 2000 zeigen wir einfach nur den Mittelfinger
    3 5 Melden
  • dä dingsbums 26.09.2018 16:45
    Highlight Spannend wäre es zu erfahren, wie die krankende Netzwerksparte von Nokia wieder profitabel wurde.
    Nokia Siemens Networks hiess die mal und war eher für schlechte News bekannt.
    43 6 Melden
  • Astrogator 26.09.2018 16:20
    Highlight "Ich will, dass unsere Mitarbeiter Bescheid wissen über die Fehler, die da gemacht wurden."
    Er hat es immer noch nicht kapiert.
    Ich würde Wetten die Mitarbeiter sahen das Unheil kommen liefen aber spätestens im mittleren Management mit ihren Bedenken auf Grund. Wenn Sie wüssten wie es funktioniert wären sie ja selbst im Management heisst es oft.

    Bei jedem meiner bisherigen Arbeitgebern die in Schräglage gerieten waren die Warnungen von den Leuten an der Front da, aber das elitäre Denken à la HSG und die Arroganz als Manager müsse man das Kerngeschäft nicht verstehen verhindern Lösungen.
    207 28 Melden
    • Pasch 26.09.2018 16:43
      Highlight Peter-Prinzip!
      46 4 Melden
    • wuschel1984 26.09.2018 19:19
      Highlight Auf den Punkt getroffen 👌🏻.
      18 3 Melden
    • Normi 26.09.2018 19:49
      Highlight Aha du kennst Risto persönlich ? Aus dir spricht der pure Neid ansonsten würdest du nicht aktuelle Aussagen mit Fehlern von vor 10 Jahren machen...

      Und wenn Nokia so schlecht ist warum hat es in allen Mobiltelefonen Nokia Technologie drin ?
      7 13 Melden
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  • The greatest man who ever inhaled oxygen 26.09.2018 16:17
    Highlight Einfach schade das Nokia so abgestiegen ist. Nokia Handys waren meine Lieblingshandys einfach nur legendär wegen ihren Spielen wie Snake, und vorallem wegen der Stabilität der Handys. Die konntest du an die Wand schmeissen mit voller Wucht und hatten nicht mal Kratzer. Jetzt habe ich ein iPhone, aber trotzdem mag ich Nokia, ich hoffe sie werden wieder Konkurrenzfähig, einfach damit ich ohne Bedenken ein Handy an die Wand schmeissen kann.
    113 17 Melden
    • zettie94 26.09.2018 16:29
      Highlight Die Firma Nokia baut gar keine Handys mehr, wie sollen sie also wieder konkurrenzfähig werden auf dem Gebiet?
      Aber schau dir mal die Handys von HMD an ;-) .
      An die Wand schmeissen kann man die zwar nicht mehr, aber konkurrenzfähig sind sie durchaus.
      52 6 Melden
    • Newsaddicted 26.09.2018 17:10
      Highlight Die heutige technik in den smartphones ist halt viel filegraner und komplizierter als früher - viel schadensanfälliger als die alten nokias.
      32 4 Melden
    • Pana 26.09.2018 17:26
      Highlight Die neuen Nokias sind ziemlich robust..
      32 1 Melden
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