watson in Sambia
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watson in Sambia

Unbezahlbare Erfahrungen

watson in Sambia: Wer hat hier eigentlich wem was beigebracht?

Schon sind die zwei Wochen vorbei, die Sven Ruoss und ich in Sambia zum Unterrichten hatten. Wir hoffen, die Studenten haben etwas gelernt. Wir haben dies auf jeden Fall.

reto fehr, sambia

«Kämpft nicht gegen das sambische Tempo an, ihr werdet euch sehr wehtun.» Den Tipp erhielten wir vor gut zwei Wochen kurz nach unserer Ankunft in Sambia. Ein deutscher Expat gab uns am Tag vor dem Start ins Universitätsleben diesen Tipp. 

Wir haben einige Male an ihn gedacht. Zum Beispiel am letzten Schultag. Wir wollen den Studenten zehn Dinge zeigen, was sie von der Schweiz vielleicht noch nicht wussten. Beamer, Internet und Lautsprecher sind zwingend erforderlich. Da fällt das Wlan aus. Auch mit dem 3G-Stick bringen wir keine Verbindung hin.

Das darf nicht wahr sein, denken wir. Jetzt hat es zwei Wochen meist reibungslos geklappt. Aber am einzigen Tag, an dem wir nicht die ganze Präsentation und alle Videos schon Zuhause heruntergeladen haben, geht nichts mehr. Bei weit über 30 Grad im stickigen Klassenzimmer suchen wir nach Lösungen. 

Etwas Programm-Umstellung und 30 Minuten später können wir die Präsentation starten. Die Lösung: Wir loggen uns auf einem der installierten Computer ein, verbinden den Beamer direkt mit dem Gerät und einer der Studenten hat von seinem Freund die Boxen der Stereoanlage besorgt.

UNZA 2014

Gruppenbild am Wasser. Bild: watson

Ein anderes Beispiel: Wir wollen mit dem Taxi an einen Ort in der Stadt. Normalerweise dauert dies 20 Minuten. Aber unser Taxi-Fahrer kriecht mit höchstens 40 Stundenkilometern durch die Gegend. Die Karre ist nicht mehr das Neuste und Zweifel an seiner ordnungsgemäss bestandenen Fahrprüfung schiessen aus dem Boden. 

Natürlich muss er auch noch tanken. Dreimal, d r e i m a l !!!, kurvt er um die acht Zapfsäulen, bis er «seine» gefunden hat. Sechs Mitarbeiter stehen herum, erst nach einer Minute macht sich einer daran, bei uns Benzin einzufüllen. Obwohl wir unterwegs dreimal mit unseren einheimischen Kollegen telefonieren und diese ihm erklären, wo wir hin wollen, fährt er mehr als einen Kilometer am Ort vorbei. Nach einer Stunde sind wir dann doch dort. Tiefenentspannt.

«Macht ihnen keinen Platz. Sie sollen fühlen, wie es uns hier täglich geht.» 

Energie nicht für Dinge verschwenden, die nicht zu ändern sind

Die letzten beiden Wochen waren ein hervorragendes Training, um sich nicht über Kleinigkeiten aufzuregen. Energie an Dinge zu verschwenden, die man nicht ändern kann, ist sinnlos. 

Dozentin Carole lebt dies vor. Seit rund drei Jahren bezahlt die Regierung der Universität weniger Geld. Um die Finanzierung trotzdem zu stemmen, müssen jetzt halt mehr Studenten aufgenommen werden, damit mehr Schulgebühren in die Kassen kommen. Die Folge: 24'000 statt 4'000 Studenten, zum Bersten volle Klassenzimmer und Dozenten, die sich um 180 Studenten in einem Jahrgang kümmern sollten. Wir erleben eine Lektion von Carole mit rund 80 Studenten. Grossartig!

Sie beginnt mit den Worten: «Wir haben Gäste aus der Schweiz hier. Sie sitzen dahinten am Boden.» Als einige Studenten uns ihren Stuhl anbieten sagt sie: «Macht ihnen keinen Platz. Sie sollen fühlen, wie es uns hier täglich geht.» Alle lachen. Mit der genau gleichen Art von humorvollem Referieren, Sticheln gegen Studenten und «die böse Lehrerin» spielen geht es weiter. 

UNZA 2014

Der Abschiedsapero wird um 14 Uhr zur Tanzparty. Bild: watson

Carole beklagt sich bei der Klasse, dass ihr am Tag zuvor niemand zum Geburtstag gratulierte. Ein schallendes «Happy Birthday»-Lied lässt sie kalt und sie zieht die «böse Lehrerin» mit einer grossen Prise Humor die ganze Stunde durch. Weil jemand an der Wandtafel ein «&» statt ein «und» geschrieben hat gibt's die Aufforderung die Sprache der Queen nicht zu verhunzen und die ganze Arbeit wird gnadenlos durchgestrichen. 

Als sich jemand mit einem Einwand meldet, warnt sie diesen: «Du darfst gerne etwas sagen, aber bitte nicht einfach, damit etwas gesagt ist. Wir wollen hier nicht unsere Zeit vergeuden.» Der Input ist dann wenigstens wirklich sinnvoll. Mit bester Unterhaltung scheinen die Studenten von der Powerfrau etwas zu lernen.

watson in Sambia

Leiter Unternehmensentwicklung Sven Ruoss und Sportchef Reto Fehr führen in Zusammenarbeit mit der Schweizer Hilfsorganisation B360 Education Partnerships an der Universität von Lusaka (UNZA) in Sambia ein zweiwöchiges Modul über Online-Journalismus durch. Die Studenten erhalten dabei wertvolle Inputs für ihre Newsplattform Lusaka Star. Die Zeitung wurde vor rund zwei Jahren mit Unterstützung der Zürcher Agentur Mediaschneider in ein Online-Portal umgewandelt und wird vom Studiengang Mass Communication betreut.

Unbezahlbare Erfahrungen

Auch wir erleben eine geballte Ladung Humor von unseren Studenten. Während den letzten Präsentationen wurde beispielsweise Kanekwa von ihren Gruppenmitgliedern zum präsentieren gezwungen. Sie steht entspannt vor die Klasse und sagt: «Ich habe schon letzte Woche hier vorne gestanden, ich mach das nicht noch einmal. Heute ist mein Kollege Elias dran.» 

Unter grossem Applaus setzt sich Kanekwa wieder hin und lauscht den Ausführungen von Elias. Dieser improvisiert passabel, was die Sambier denken, wenn sie «Schweiz» hören. Doch bei Punkt 8 muss er sagen, dass er Schweizer Männer attraktiv findet und ergänzt: «Das hört sich jetzt aus meinem Mund etwas komisch an, aber eigentlich hätte ja Kanekwa präsentieren müssen.»

 Ich muss ziemlich schockiert aus der Wäsche geschaut haben. Nathan drückt «Delete», lacht und frohlockt.

Überhaupt sind Liebesdinge natürlich ein grosses Thema. Für eine (Männer-)Gruppe präsentiert Michael zehn Punkte für eine glückliche Beziehung und erhält dafür von den Damen den Titel «Dr. Love». Begleitet von verführerischen «Ooohs» und «Aaahs». 

Und Nathan ruft mich während dem Schreiben eines Artikels über Homosexuelle in Sambia zu sich, ich solle doch mal den Titel lesen, er sei nicht ganz sicher ob das gehe. Ich lese: «Das Böse unter uns.» Ich muss ziemlich schockiert aus der Wäsche geschaut haben. Nathan drückt «Delete», lacht und frohlockt: «Das ist überhaupt nicht meine Meinung. Ich wollte nur schauen, wie du reagierst.» 

UNZA 2014

Am Ende haben alle unsere Studenten die gestellten Aufgaben gelöst.  Bild: watson

Humor, Improvisation, Flexibilität, sich ändernde Planung und immer dran denken nicht das «Tempo Sambias zu bekämpfen». Es war während den letzten zwei Wochen Alltag. Wir hoffen, die Studenten konnten bisschen etwas lernen – wir haben unbezahlbare Erfahrungen fürs Leben gesammelt. 

Wird der Westen afrikanisiert?

Und trotz allen Widrigkeiten können wir dem belgischen Afrika-Experte David Van Reybrouck zustimmen, der kürzlich in der NZZ (sehr lesenswerter Artikel, übrigens) sagte, Afrika als «unterentwickelt» zu bezeichnen sei sehr eurozentrisch, weil man dann den Westen als Ideal sieht. Aber ist es nicht eher so, dass sich der Westen afrikanisiert? Hipster Trends wie Teilen und Tauschen werden hier seit Jahren vorgelebt. Westliche Firmen bezahlen viel Geld für nervende Teambildungs-Seminare – hier ist «Ubuntu», das Zusammengehörigkeitsgefühl tief verankert.

In keinem Stellenangebot fehlen in der Schweiz die Worte Flexibilität, Spontanität oder Innovation, welche wie die rollende Planung durch das Aufkommen von Handys immer wichtiger wurden. Charakterzüge wie Durchhaltewillen und Geduld werden im Westen bei extremen Sportveranstaltungen gesucht und trainiert – hier ist es der Alltag, dass man nicht bei der ersten Hürde aufgibt und der direkte Weg nicht immer der beste ist. Und werden durch die sich weiterhin ausbreitenden Sozialen Netzwerke nicht Kommunikation, Beziehungen und Vernetzung immer wichtiger? Vielleicht sollten wir manchmal auch etwas von Afrika lernen wollen. 

Wir profitieren davon ziemlich kurzfristig und unerwartet. Die Studenten wollen uns das Nachtleben in Lusaka zeigen.



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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • erichristine 08.12.2014 11:02
    Highlight Highlight super-stories, danke für euer engagement
  • Geno 07.12.2014 13:38
    Highlight Highlight Bravo Watson! Das war eine spannende Berichterstattung. Es stellt sich die Frage, ob solche Programme in Zusammenarbeit mit Entwicklungsorganisationen nicht standardmäsig angeboten werden sollen. Es gibt viele Leute, welche sehr gerne eine Auszeit von ihrem normalen Arbeitsleben nehmen würden und etwas "Sinnvolles" machen möchten. Ich selbst war schon in Afrika und jede Erfahrung hat mich weiter gebracht.
    Die Hilfsorganisation hätte die notwendige Publicity, Watson spannende und einzigartige Stories und die Teilnehmer ein persönliches Highlight und eine einzigartige Erfahrung. Die Entwicklungsländer andererseits hätten Erfahrungen aus der Schweiz, welche sie weiterbringen können.

Afrikanische Verhältnisse

watson in Sambia: 40 Leute auf knapp 20 Stühlen in einem stickigen, heissen Raum – für uns fast unaushaltbar, für die Studenten Luxus

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