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Analyse

Warum Donald Trump auf Barack Obama eindrischt

Der amerikanische Präsident attackiert neuerdings seinen Vorgänger. Selbst seine engsten Freunde sind irritiert: Dreht Trump durch – oder ist er ein politisches Genie?
19.05.2020, 13:5719.05.2020, 14:17

Die USA haben ein neues Gate, «Obamagate». Gemäss Trump handelt es sich dabei um «das grösste politische Verbrechen in der amerikanischen Geschichte, bei weitem». Doch selbst er kann nicht erklären, worum es dabei eigentlich geht. «Ihr wisst schon, was ich meine», wimmelte er eine entsprechende Journalistenfrage unwirsch ab.

Der Ursprung von Obamagate liegt in der überraschenden Kehrtwende des Justizministers William Barr in der Affäre um den ehemaligen Sicherheitsberater Michael Flynn. Obwohl sich dieser zweimal unter Eid schuldig bekannt hat, das FBI angelogen zu haben, hat Barr das Verfahren gegen ihn eingestellt, angeblich, weil Flynn mit unlauteren Mitteln zu dieser Aussage gedrängt worden sei.

Der ehemalige Sicherheitsberater Michael Flynn hat Obamagate ausgelöst.
Der ehemalige Sicherheitsberater Michael Flynn hat Obamagate ausgelöst.
Bild: AP

Für Trump ist dies der Anlass, die Geschichte der Russland-Affäre neu aufzurollen. Sie ist nun mehr als ein «schlechter Witz» und eine «Hexenjagd». Sie ist neuerdings eine perfide Verschwörung des «deep state» gegen Trumps Präsidentschaft; und im Mittelpunkt dieser Verschwörung soll angeblich Barack Obama stehen.

«Was soll Obamagate?», fragen sich jedoch selbst Trumps enge Freunde. Er kann doch dabei nur verlieren. Beliebter als Barack Obama ist derzeit nämlich nur dessen Frau Michelle. Ist es also ratsam, einen Wahlkampf ausgerechnet gegen dieses Ehepaar zu führen? Warum tut sich Trump das an?

Es sind persönliche Gründe, lautet eine These. Barack Obama ist seit jeher Trumps Nemesis. Trump soll überhaupt erst ins Rennen ums Weisse Haus eingestiegen sein, weil ihn Obama einst am Journalistenball vor der versammelten Washingtoner Prominenz lächerlich gemacht hatte.

Allerdings war Trump selbst schuld daran. Jahrelang hatte er die sogenannte «Birther»-These verbreitet. Sie besagt, dass Obama nicht in den USA geboren worden und deshalb kein legitimer Präsident sei. Die «Birther»-These hatte nie eine faktische Grundlage und war reine rassistische Hetze gegen einen schwarzen Präsidenten.

Obama macht sich über Trump lustig.

Vielleicht ist es Neid, lautet eine weitere These. Obama verkörpert alles, was Trump nicht ist. Er ist «intellektuell, kann sich ausdrücken, er ist geschickt, nachdenklich und cool», wie es «New York Times»-Kolumnist Charles Blow ausdrückt. «Es quält Trump, dass er (Obama) nicht nur auf den höchsten Punkt der Macht aufsteigen konnte, sondern auch auf den höchsten Punkt der Bewunderung.» Und ja, dass Obama einen Nobelpreis erhalten hat, lässt in Trump immer noch die Galle hochsteigen.

Vielleicht ist es auch politisches Kalkül. Trump schwärmt heute noch von Roy Cohn. Dieser war einst die rechte Hand des berüchtigten Kommunistenfressers Joseph McCarthy. (Nicht zu verwechseln mit Michael Cohen, Trumps ehemaligem Anwalt.) Cohn hat dem jungen Trump das Erfolgsprinzip eingehämmert, dem er bis heute treu geblieben ist: Sorge stets für Unruhe und Verwirrung.

Derzeit kann es für Trump nicht genug Chaos geben, denn er hat miserable Karten für seine Wiederwahl. Eigentlich wollte er mit der «besten Wirtschaft aller Zeiten» auftrumpfen. Heute muss er als impeachter Präsident antreten, der es nicht geschafft hat, den verheerenden Angriff auf die Gesundheit und die Wirtschaft der Amerikaner abzuwehren.

Roy Cohn (rechts) zusammen mit Joseph McCarthy an einem Hearing im Kongress.
Roy Cohn (rechts) zusammen mit Joseph McCarthy an einem Hearing im Kongress.
Bild: AP

Obamagate ist somit nichts anderes als ein weiteres Ablenkungsmanöver, das zudem den angenehmen Nebeneffekt hat, dass die Trump-Fans daran Freude haben. Es könnte sich jedoch auch als fatales Eigentor herausstellen.

In der «Washington Post» verweist Eugene Robinson darauf, dass nicht nur die Trump-Basis auf das Obama-Bashing reagiert, sondern auch die Schwarzen. Und deren Stimmen könnten in einer engen Wahl im November den Ausschlag geben. So schreibt Robinson:

«Ich muss mich nicht weit aus dem Fenster lehnen, um festzustellen, dass es eine einzigartige Verbindung zwischen den schwarzen Amerikanern und dem ersten schwarzen Präsidenten gibt. Wenn Trump ‹Obamagate› schreit, dann festigt er diese Verbindung und motiviert die schwarzen Wähler, für Joe Biden, Obamas loyalen Flügelmann, zu stimmen.»

Obamagate steht auf sehr wackligen Füssen. Selbst Justizminister Barr, der bisher sämtliche Schandtaten Trumps treu ergeben mitgemacht hat, distanziert sich davon. Er werde es nicht zulassen, dass «das Rechtssystem zunehmend für politische Zwecke missbraucht» werde, erklärte Barr kürzlich an einer Pressekonferenz. Ausdrücklich fügte er hinzu, dass er nicht davon ausgehe, dass es zu einem Strafverfahren gegen Obama und Biden kommen werde.

Will kein Verfahren gegen Obama: Justizminister Bill Barr.
Will kein Verfahren gegen Obama: Justizminister Bill Barr.
Bild: AP

Senator Lindsey Graham, einer von Trumps schlimmsten Speichelleckern, will ebenfalls nichts davon wissen. Obwohl ihn der Präsident schon mehrmals dazu aufgefordert hat, weigert er sich, Obama zu einem Hearing vor dem Senat aufzubieten. Als Vorsitzender des Justizkomitees hätte er die Möglichkeit dazu.

Angesichts dieser Zustände rätselt Washington derzeit einmal mehr: Ist Trump ein politisches Genie, das Dinge spürt, die andere nicht wahrnehmen können? Oder wird er immer mehr zum wahnsinnigen König, der den Bezug zur Realität verloren hat? Die Tatsache, dass Trump neuerdings das umstrittene Wundermittel Hydroxychloroquin schluckt, spricht eher für die Wahnsinns-These.

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Schlagabtausch zwischen Obama und Trump

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