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Yonnihof

Nervige Genderdiskussionen

11.05.15, 12:24 11.05.15, 14:56

Nun ist er endlich (fast) da, der Vaterschaftsurlaub. Es fehlt nur noch die ständerätliche Zustimmung. Gut so. Nicht ganz optimal ist die Länge: gerade einmal zwei Wochen. Das ist im Vergleich zu den früheren ein bis zwei Tagen zwar ein Fortschritt, meines Erachtens jedoch noch nicht genug. 

Die Frage nach mehr Elternzeit für junge Väter ist schon lange ein Diskussionsthema. Genauso sind es andere männerrechtliche Anliegen wie die Einseitigkeit des Scheidungsrechts und die Militärdienstpflicht. Und trotzdem wurden sie in der Vergangenheit meist nur in den Kommentarspalten zu frauenrechtlichen Texten diskutiert. 

Warum eigentlich?

Kürzlich – noch bevor der längere Vaterschaftsurlaub gesetzlich ein Thema war – schrieb eine junge Kollegin einen feministischen Text. Darunter folgte dann die Frage eines doch sehr aufgebrachten Herrn, was denn mit Vaterschaftsurlaub sei («Hä, was isch demit, hä??») und wann sie über dieses Thema einmal einen solch leidenschaftlichen Bericht verfassen würde. Als Antwort wurde ihm ein «Wenn ihr Männer dann einmal euren Körper beim Gebären ruiniert, könnt ihr auch Vaterschaftsurlaub haben» entgegengeschmettert. 

Dieser Schlagabtausch, so kurz er auch ist, ist Sinnbild für zwei Denkfehler, die ich bei der Diskussion um Frauen- und Männerrecht immer und immer und immer wieder beobachte. Es sind dies folgende: 

1. «Nur Frauen kämpfen» 
Die Frage, wann die junge Frau einmal einen Text über den Vaterschaftsurlaub schreibe, sagt viel aus. Nämlich, dass grundsätzlich Frauen viel eher den Mund für ihre Rechte aufmachen. Diese Annahme macht auch Sinn, denn der Kampf der Frauen auf rechtliche und gesellschaftliche Augenhöhe der Männer dauert mittlerweile schon sehr lange. Grund: Es bestand eine grosse Diskrepanz (z.B. Stimmrecht, gesellschaftlich devote Rollenbilder). Die Frauen (bzw. gewisse Frauen) haben sich angewöhnt, laut und nervig zu sein, weil es nötig war. Männer hingegen mussten dieses Laute und Nervige auszuhalten lernen, ihre Welt veränderte sich, ohne dass sie gross gefragt wurden. Auch das war bestimmt nicht immer einfach. Geht es nun aber um männerrechtliche Themen, sind sie sich ihrerseits nicht gewöhnt, laut und nervig zu sein, sie müssen das – berechtigte, aber anstrengende – Rummaulen noch lernen. «Wann schreibst du für mich» reicht da nicht aus. Die Antwort auf seine Frage wäre also korrekterweise «Wann schreibst du einen Text über den Vaterschaftsurlaub?» gewesen. Meines Erachtens braucht es mehr laute und nervige Männer.

2. Soziale Gerechtigkeit ist geschlechtsabhängig 
Die Antwort, ein Mann müsse sich erst seinen Köper bei der Geburt ruinieren, um Anspruch auf Vaterschaftsurlaub zu verdienen, ist auf sehr vielen Ebenen undifferenziert (mir würden noch andere Wörter dafür einfallen). Den anatomischen Gesichtspunkt lasse ich jetzt einmal weg, auch wenn selbst da die Annahme, ein Nach-Baby-Köper sei zwingend ruiniert, nicht gerade von gelebter und zufriedener Weiblichkeit zeugt. Aussagen dieser Art zeigen doch vor allem eins: Einen Vergleichskampf. Welches ist das «ärmere» Geschlecht? Wer steht heute schlechter da? Und wie das oben genannte Beispiel beweist, rauben solche – überflüssigen – Diskussionen den Menschen Energie, die sie auf tatsächlich konstruktive Weise nutzen könnten.
Mir stellt sich dann jeweils folgende Frage: Wie kann man für sich und seine eigene Sache soziale Gerechtigkeit einfordern, andern diese aber vorenthalten wollen? Soziale Gerechtigkeit ist doch unabhängig vom Geschlecht, sie ist ganz und gar neutral. Vielleicht ist das Männerrecht nicht mein spezifischer Kampf, aber als Befürworterin sozialer Gleichstellung müsste es für mich doch ein Triumph sein, wenn seitens der Männer Fortschritt in diese Richtung passiert – gerade wenn das auf meine Rechte als Frau absolut keinen Einfluss hat. Gut ist gut ist gut. Nur für sich selber Fairness einzufordern, widerspricht doch dem Gedanken der Fairness per se. 

Gewisse Dinge gehören thematisiert. Militärdienstpflicht, Lohnungleichheit, Scheidungsrecht, etc. Keins der beiden Geschlechter hat die Benachteiligung für sich gepachtet – die Benachteiligungen sind einfach unterschiedlicher Art und Ausprägung. Jeder und jede hat die Möglichkeit, sich für ihre/seine «Sache» einzusetzen. Was jedoch keineswegs förderlich ist, und zwar für keine Partei, sind diese ewig wiederkehrenden Diskussionen wie die oben, bei denen es rein darum geht, wer das grössere Guezli bekommt und wo dann gezankt und geschmollt wird, bis eine/eini brüelet.  

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Herr Hasler 19.05.2015 15:51
    Highlight Leider wird weiterhin geschlechtsspezifisches Recht produziert. Wie wäre es mit Diskussion darüber ob geschlechsspezifische Formulierungen im Recht zu eliminieren wären?
    Konsequenz wäre z.B. ein Elternurlaub den sich zwei vernünftige Erwachsene unter sich aufteilen könnten. Das hätte den hübschen Nebeneffekt, dass Arbeitgeber bei Frauen und Männern das gleiche Ausfallrisiko haben und so 30 jährige Frauen bei Vorstellungsgesprächen weniger unangenehme Fragen gestellt bekämen.
    4 0 Melden
  • Angelika 11.05.2015 18:51
    Highlight Danke Yonni :)
    Warum nicht Wehrpflicht (bzw. Ersatzabgabe) für alle und dann aus dem grösseren Budget der EO einen Vaterschaftsurlaub bezahlen, der diesen Namen auch verdient? Man wird ja wohl noch träumen dürfen.
    37 1 Melden
  • Baba 11.05.2015 16:06
    Highlight Wo ist der Like-Button? Guter Artikel, gefällt mir.
    28 0 Melden
  • LucasOrellano 11.05.2015 13:53
    Highlight Ich stimme dir in fast allem absolut zu. Du irrst dich aber in einem Punkt, und zwar darin, dass "nur Frauen kämpfen":

    http://genderama.blogspot.de/
    http://man-tau.blogspot.ch/
    https://allesevolution.wordpress.com/
    http://frankfurter-erklaerung.de/
    http://www.danisch.de/blog/
    http://cuncti.net/

    Die Liste liesse sich fortführen. Wie man sieht, ist uns Deutschland da meilenweit voraus. Noch. Leider sind die dortigen Feministinnen lediglich daran interessiert, legitime Anliegen von Männern mit Weichflöten wie Pirinçci in den selben Topf zu werfen.
    10 8 Melden
    • deBatino 11.05.2015 22:27
      Highlight Bezweifle stark dass sie das gemeint hat.

      Sinnbild für zwei Denkfehler -> darauf folgt die Aussage
      3 3 Melden
    • f303 20.05.2015 11:20
      Highlight Zumindest gibt es in D ein (60 %) bezahltes Jahr Mutterschaft für die Frau und 2 Monate bezahlten (dito 60 %) Vaterschaftsurlaub. Das ist weit mehr, als wir uns hier für die nächsten 15 Jahre erträumen dürfen. Im Übrigen: Gleichmacherei finde ich persönlich auch nicht ideal. Gleichberechtigung darf durchaus gewisse geschlechtsspezifische Unterschiede haben. (siehe z.B. Mutterschaft). Welche Frau ist bereits nach 3 Monaten nach der Geburt voll einsatzfähig? Gibt es genug bezahlbare Betreuungsplätze? Den deutschen Weg finde ich zumindest einen grossen Schritt in die richtige Richtung.
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Liebe besorgte MitbürgerInnen ...

Wir müssen reden.

Ich weiss, es wurde schon so viel gesagt. Viele wütende Worte, auch von mir. Ich will's heute mal vernünftig versuchen, soweit ich das kann. Erklären, wieso ich denke, wie ich denke. 

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