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Vaterschaft

Bild: shutterstock

Yonnihof

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Nervige Genderdiskussionen



Nun ist er endlich (fast) da, der Vaterschaftsurlaub. Es fehlt nur noch die ständerätliche Zustimmung. Gut so. Nicht ganz optimal ist die Länge: gerade einmal zwei Wochen. Das ist im Vergleich zu den früheren ein bis zwei Tagen zwar ein Fortschritt, meines Erachtens jedoch noch nicht genug. 

Die Frage nach mehr Elternzeit für junge Väter ist schon lange ein Diskussionsthema. Genauso sind es andere männerrechtliche Anliegen wie die Einseitigkeit des Scheidungsrechts und die Militärdienstpflicht. Und trotzdem wurden sie in der Vergangenheit meist nur in den Kommentarspalten zu frauenrechtlichen Texten diskutiert. 

Warum eigentlich?

Kürzlich – noch bevor der längere Vaterschaftsurlaub gesetzlich ein Thema war – schrieb eine junge Kollegin einen feministischen Text. Darunter folgte dann die Frage eines doch sehr aufgebrachten Herrn, was denn mit Vaterschaftsurlaub sei («Hä, was isch demit, hä??») und wann sie über dieses Thema einmal einen solch leidenschaftlichen Bericht verfassen würde. Als Antwort wurde ihm ein «Wenn ihr Männer dann einmal euren Körper beim Gebären ruiniert, könnt ihr auch Vaterschaftsurlaub haben» entgegengeschmettert. 

Dieser Schlagabtausch, so kurz er auch ist, ist Sinnbild für zwei Denkfehler, die ich bei der Diskussion um Frauen- und Männerrecht immer und immer und immer wieder beobachte. Es sind dies folgende: 

1. «Nur Frauen kämpfen» 
Die Frage, wann die junge Frau einmal einen Text über den Vaterschaftsurlaub schreibe, sagt viel aus. Nämlich, dass grundsätzlich Frauen viel eher den Mund für ihre Rechte aufmachen. Diese Annahme macht auch Sinn, denn der Kampf der Frauen auf rechtliche und gesellschaftliche Augenhöhe der Männer dauert mittlerweile schon sehr lange. Grund: Es bestand eine grosse Diskrepanz (z.B. Stimmrecht, gesellschaftlich devote Rollenbilder). Die Frauen (bzw. gewisse Frauen) haben sich angewöhnt, laut und nervig zu sein, weil es nötig war. Männer hingegen mussten dieses Laute und Nervige auszuhalten lernen, ihre Welt veränderte sich, ohne dass sie gross gefragt wurden. Auch das war bestimmt nicht immer einfach. Geht es nun aber um männerrechtliche Themen, sind sie sich ihrerseits nicht gewöhnt, laut und nervig zu sein, sie müssen das – berechtigte, aber anstrengende – Rummaulen noch lernen. «Wann schreibst du für mich» reicht da nicht aus. Die Antwort auf seine Frage wäre also korrekterweise «Wann schreibst du einen Text über den Vaterschaftsurlaub?» gewesen. Meines Erachtens braucht es mehr laute und nervige Männer.

2. Soziale Gerechtigkeit ist geschlechtsabhängig 
Die Antwort, ein Mann müsse sich erst seinen Köper bei der Geburt ruinieren, um Anspruch auf Vaterschaftsurlaub zu verdienen, ist auf sehr vielen Ebenen undifferenziert (mir würden noch andere Wörter dafür einfallen). Den anatomischen Gesichtspunkt lasse ich jetzt einmal weg, auch wenn selbst da die Annahme, ein Nach-Baby-Köper sei zwingend ruiniert, nicht gerade von gelebter und zufriedener Weiblichkeit zeugt. Aussagen dieser Art zeigen doch vor allem eins: Einen Vergleichskampf. Welches ist das «ärmere» Geschlecht? Wer steht heute schlechter da? Und wie das oben genannte Beispiel beweist, rauben solche – überflüssigen – Diskussionen den Menschen Energie, die sie auf tatsächlich konstruktive Weise nutzen könnten.
Mir stellt sich dann jeweils folgende Frage: Wie kann man für sich und seine eigene Sache soziale Gerechtigkeit einfordern, andern diese aber vorenthalten wollen? Soziale Gerechtigkeit ist doch unabhängig vom Geschlecht, sie ist ganz und gar neutral. Vielleicht ist das Männerrecht nicht mein spezifischer Kampf, aber als Befürworterin sozialer Gleichstellung müsste es für mich doch ein Triumph sein, wenn seitens der Männer Fortschritt in diese Richtung passiert – gerade wenn das auf meine Rechte als Frau absolut keinen Einfluss hat. Gut ist gut ist gut. Nur für sich selber Fairness einzufordern, widerspricht doch dem Gedanken der Fairness per se. 

Gewisse Dinge gehören thematisiert. Militärdienstpflicht, Lohnungleichheit, Scheidungsrecht, etc. Keins der beiden Geschlechter hat die Benachteiligung für sich gepachtet – die Benachteiligungen sind einfach unterschiedlicher Art und Ausprägung. Jeder und jede hat die Möglichkeit, sich für ihre/seine «Sache» einzusetzen. Was jedoch keineswegs förderlich ist, und zwar für keine Partei, sind diese ewig wiederkehrenden Diskussionen wie die oben, bei denen es rein darum geht, wer das grössere Guezli bekommt und wo dann gezankt und geschmollt wird, bis eine/eini brüelet.  

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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